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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-03-22 · Heft 12 (22.3.1918) · p. Seite 139

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 12 (22.3.1918)
Date
1918-03-22
Page
Seite 139 (sequence 7)
Language
German
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139 Bit ethische Grundlage des Luches über Me HerzenspNchten. Von AbrahamGeigcr. (Schluß.) achja ist von -er arabischen Bildung seiner Zeit ganz durchtränkt und er streift daher hart an die beschauliche Richtung der arabisch-ethischen Literatur, aber der Genius des Judenthums wacht über ihn; wenn er in Gefahr steht, in die erkünstelte Ruhe zu versinken, so tritt ihm mahnend der Gehalt des väterlichen Glaubens in dem einen oder andern Spruche entgegen und führt ihn zurück zu neuer Selbstkräftigung. Anderseits behütet ihn wieder die ununterbrochene Versenkung in die Tiefen des Herzens vor der Veräußerlichung, vor der gesinnungslosen Werkheiligkeit, die, so unjüdisch sie ist, doch nicht selten in die Entwickelung des Judenthums eingebrochen ist, und seinen lebendigen 'Fluß zur Erstarrung gebracht hat. Die Ceremonien, „die GliederPslichten", erscheinen ihm daher keineswegs als Selbstzweck, ihre Erkenntniß unnamentlich die Beschäftigung mit ihren bloß selten zur Anwendung konunenden Consequenzen als von niedrigerem Werthe gegenüber der Uebung und der Erkenntniß der „Herzenspflichten", der Erfüllung von einer sich ganz Gott hingebenden Gesinnung. ES bedurften die Alten, wie Noah, Abraham u. s.w., gar nicht dieser „Gliederpflichten"; ihnen genügte eine geringe Anzahl, weil sie in voller Herzensreinheit der Leidenschaft keinen Zugang ließen. Den Spätern dienten und dienen sie in immer größerer Ausdehnung als ein nothwendiger, heilsamer Zügels. Auch für die „Herzenspflichten" sind neben! der selbstgewonnenen Erkenntniß Bibel und Tradition Quellen der Belehrung: allein mit diesen Quellen Maq dafür nur der Verstandlose sich begnügen, wer Kraft des Geistes hat, würde einer sträflichen Trägheit sich schuldig machen, wollte er bloß sich auf äußere Belehrung verlassen und nicht auf die ihm zugängliche innere Durchdringung. Nur diese veranlaßt den Menschen zu einer freiwilligen Hingabe an die Herzenspflichten, während die Uebernahme derselben als gebotener leicht in Ehrsucht und Lohnsucht wurzelt, nur äußerliche Uebung bewirkt, sie als begrenzt darstellt und nicht den fruchtbaren Quell eröffnet, der ihre unendliche Mannigfaltigkeit erzeugt; dennoch hat die Lehre das Verdienst, die Anregung dazu und die Bestärkung darin zu geben, eine Anzahl dieser Pflichten genau zu bestimmen und allgemein faßlich zu machen und ist daher eine dankenswerthe Ergänzung"). Das Wesen der Herzenspflichten ist ihm aber nichts Anderes, als die volle Hingabe, die Einräumung aller Geistes- und Herzensanlagen an Gott und an ihn allein: die Selbstkenntniß, welche von Manchen als die Summe der Philosophie bezeichnet wird, nichts Anderes, als die Erkenntniß der wundervollen Wirksamkeit Gottes in uns''), die doch eigentlich bloß gefesselte Knechte sind, ganz dem Belieben des Herrn hingegeben'). Der Mensch hat daher vor Allem in tiefster Demut vor Gott sich zu beugen, seine Einsicht, wie er an sittlicher 'Reinheit und treuer Hingebung so mangelhaft ist,;u erhöhen und mit dieser Einsicht auch die Reue über seine früher noch größere Mangelhaftigkeit zu schärfen"). Selbst den sündhaften Gedanken, wenn er auch nicht zur That geworden, findet er daher strafbar"), während das Judenthum richtiger lehrt, daß auch Wille und Absicht noch nicht zur Reife gelangt sind, wenn sie nicht ihre Vollendung in der That finden, daß daher zwar die gute Absicht, als die erste Stufe zum Siege über *) Einleitung au m. Stellen; HI. e, 4 (S. 25 b): I X. c. 7. ') Einleitung; III c. 3 (S. 19 ff.) 3) II c. 5. *) IV. c. 2. *) III. c. 3. *) IV. c. 4. die Leidenschaft, auch dann, wenn Hindernisse ihre Betätigung gehemmt haben, verdienstlich ist, hingegen die böse Absicht nicht als Niederlage unter die Macht der Leidenschaft betrachtet werden kann, da sie nicht durch die Ausführung fertig geworden und der innere Kampf noch nicht zum unglücklichen Ausgange entschieden ist. Zurückziehen von weltlicher Lust ist ihm wesentliche Bedingung zur Möglichkeit, die Herzenspflichten zu erfüllen, ist selbst Herzenspflicht. Auch den erlaubten Genüssen entziehe sich der Mensch möglichst, und häufiges Fasten betrachtet er als heilsam"); im Gefühle, hier wieder über das Judenthum hinauszugehen, klammert er sich an die Zuthaten an, die auch in der rabbinischen Lehre als verdienstlich betrachtet werden* * 3), ohne daß jedoch diese alle Lebensfreude verwirft. Er gelanget von hier aus bis zum äußersten Rande weltverachtender Beschaulichkeit, aber hier kehrt er um. Die Consequenz dieser Anschauung ist nämlich gänzliche Lossagung von der Welt, Entfernung von den Menschen, selbst von Weib und Kind, „die Liebe der Menschen verlassen und die Einsamkeit lieben"; doch erinnert er sich wohl, daß das Judenthum eine solche Zerstörung der Welt, die „Gott nicht zur Einöde geschaffen, sondern zum Wohnsitze gebildet", nicht verlange, ja mißbillige, er will daher bloß den weltlichen Verkehr möglichst eingeschränkt, aber nicht ganz gemieden wissen, ja er stellt es als eine Verlockung des sündigen Triebes dar, wenn man auch den Umgang mit den Weisen und Frommen meiden wollte im Vorgeben, der Welt ganz zu entsagen"). Doch denkt er, daß, wie es für jede Kunst und Wissenschaft Menschen gebe, die sich ihr ganz hingeben und durch ihre Meisterschaft darin Andern ein Vorbild werden, so dürfte es auch geeignet sein, daß es Enthaltsamkeits-Virtuosen gebe, die durch ihr Musterleben Andere zur theilweisen Nachahmung wecken sollen, die Aerzte ihrer Seelenkrankheiten seien, und er glaubt dafür eine Stütze in der Bibel zu finden durch manches Beispiel, besonders aber durch das der Rekhabiten, die der Vorschrift ihres Stamm- Hauptes, keinen Wein zu trinken, nicht zu säen und nicht zu pflanzen, kein Haus zu bauen, sondern in Zelten zu wohnen, abgesondert von den Wohnstätten der Menschen, willig Folge leisteten und deshalb von Gott gelobt würden (Jeremias Kap. 35)'"). Seine Liebe zur beschaulichen Einsamkeit hat ihn hier freilich ein Lob der Enthaltsamkeits-Virtuosität erblicken lassen, wo bloß ein Lob des willigen Gehorsams ausgesprochen wird gegenüber den Israeliten, die keiner prophetischen Mahnung Gehör geben. Auch die Seelenruhe, nach der er strebt und die als höchste Beseligung gepriesen wird, streift hart an die Unempfindlichkeit, die das Streben lähmt, selbst die Empsingung ertödten soll. Wie, so läßt er Einem, der sich des Vertrauens auf Gott rühmt, den Vorwurf machen: wie? Du willst auf Gott vertrauen und suchst in der Weite deinen Erwerb, als könntest du ihn nicht auch in der Nähe finden, Gott dir nicht auch dort die Quellen des Erwerbes öffnen?"). Da fanden sie einst einen von den wahrhaft Gottesfürchtigen, wie er ruhig in der Wüste schlief, und fragten ihn: „Fürchtest du dich nicht, hier zu schlafen, könnte über den Unbewachten nicht ein Löwe kommen?" Ich habe Scheu vor Gott, erwiderte er, daß er mich sehen sollte, ein anderes Wesen fürchten als ihn allein"). Doch er erinnert sich auch hier, daß eine solche Gesinnung sich der Uebertreibung schuldig mache. Die heilige Schrift ruft ihm zu: Wollet Gott nicht auf die Probe stellen! Wie sollte ich hingehen, spricht der Prophet Samuel, Saul möchte es hören und mich umbringen! Nein, der Mensch, lehrt das Judenthum, muß seine Kraft aufbieten zur Selbsterhaltnng, 7) III. c. 4; 1 X c, 2. 3. 5. 6.; X <-. 3. 6. ■ ") V. c. 5; VII. c. 5. ") IV. c. 4.: VIII. c. 3.; IX c. 2. 3. 5. 6.; X. c. 3. «') IX. c. 1. 2. 6. ") IV. Einl. 1S) X. c. (i.

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