Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1918)
- Date
- 1918-03-22
- Page
- Seite 138 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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der Regelung des Ge [amt stow Plexe s des ganzen Stoffes; denn auch hier habe man innerhalb der Kultusgemeinden die Gegensätze zwischen den verschiedenen Richtungen. Es kämen dann auch sofort die Gegensätze, insofern wieder zürn Vorschein, als es sich selbstverständlich darum handeln würde, erstens einmal den Kreis der Umlagepflichtigen festzusetzen und anderseits auch dip Verwendung der aus den Umlagen geschöpften Mittel. Es würde dann z. B. die orthodoxe Richtung mit . der neueren Richtung vielleicht unter Umständen hier in Meinungsverschiedenheiten darüber geraten, wie die Mittel zu verwenden seien, in welchem Verhältnisse für den Zweck der einen und für den Zweck der anderen Richtung. Infolgedessen fei er zunächst der Auffassung, daß es wohl kaum angehen werde, die finanzielle'Frage für sich allein zu regeln, sondern daß damit wohl auch eine Regelung der innerkirchlichen Verhältnisse notgedrungen Hand in- Hand gehen müsse. In diese Regelung hineinzugehen, könne er sich erst bereit erklären, wenn über die wichtigsten Punkte innerhalb der Judenschaft selbst eine Einigung zustande gekommen sei. Es -liege infolgedessen zunächst bei den Beteiligten selbst, die Bahn für das Gesetz frei zu machen. * Eine sehr erfreuliche Antwort ist zu erwähnen, die von den Zeitungen berichtet wird. Die Notiz lautet: Tirpitz gegen Antisemitismus in der Vaterland s p a r t e i. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hatte, wie der „Telegraphen-Union" mitge teilt wird, an Großadmiral Tirpitz die Anfrage gerichtet, wie er sich zu einigen antisemitischen Vorkommnissen innerhalb der Vaterlaadspartei stellt. Hierauf antwortete Tirpitz, er könne nur lebhaft bedauern, wenn der Name „Vaterlandspartei" gelegentlich von antisemitisch gesinnten Herren mißbraucht werde. Er werde nochmals den Landesvereineu gegenüber die grundsätzliche Stellung der Vaterlandspartei in,dieser Frage betonen. „Ich. würde dankbar sein" — so schreibt Tirpitz — „wenn Sie nur alle Vorfälle dieser Art Mitteilen wollten, denn unseren Satzungen widerspricht es ganz direkt, wenn im Dienste der Vaterlandspartei antisemitische Bestrebungen sich geltend machen. Der Vorstand würde derartigen Ausschreitungen stets entgegen treten, wenn sie im Dienste der Vaterlandspartei geschehen sollten." * Den vorstehenden Betrachtungen sei ein anderes ernstes Wort hinzugefügt. Unsere Leser haben in der vorigen Nummer des „Gemeindeboten" den Bericht über eine Versammlung gefunden, in der eine V er st ä nd i gu ng sg e mei n s ch a s t aller jüdischen Inge n dorganisätio n e n geschasfen werden sollte. Diese Tagung ist resultatlos verlaufen. Ich gehörte zu den Gästen, die zur Versammlung eingeladen waren, und habe, nachdem ich geduldig wie die anderen dreiviertel Stunden aus den Beginn der Sitzung gewartet hatte, die Rede von Fräulein Cora Berliner und den größten Teil der Rede des Herrn Dr. Löwenstein angehört. Ich entfernte mich, weil ich die Deklamation dieses Herrn, den Inhalt und die Art seiner Ausführung nicht ertragen konnte. Der Bericht über diese Rede gibt aus Mangel an Raum nicht, im entferntesten die empörenden, unserer tiefinnersten Ueberzeugung hohnsprechenden Darlegungen des Genannten wieder. Die Zionisten und Herr Löwenstein mit ihnen beklagen sich 'über unser Auftreten gegen sie; wer die Deklamation des Genannten angehört hat, der muß bekennen, daß es geradezu unglaublich ist, was dieser, wie es scheint, noch ziemlich jugendliche Redner den Gästen, meist älteren und hochverdienten Männern, zu sagen wagte; er entblödete sich nicht, einten anwesenden, sehr geschätzten Rabbiner Persönlich anzugreifen, während dieser, da er nur -als Gast, nicht als Delegierter zugegen war, keine Möglichkeit hatte, sich zu verteidigen. Schon am Anfang der Versammlung hätte jeder Besucher die Empfindung, daß eine Verständigung unter den vertretenen Gruppen ganz unmöglich sei. Ich will nicht fragen, ob es bei diesemStandder Dinge, der den Einberufenr bekannt sein mußte, überhaupt Tätlich war, die Bersamrnlüng stattsinden zu lassen, aber ich kann nicht unterlassen, meinem tiefen Schmerz darüber Ausdruck zu geben, daß eine Verständigung unter der Jugend sich als völlig untunlich herausgestellt hat. Wie soll sich unsere Zukunft gestalten, wenn unsere Jugend schon entgegengesetzte Wege wandelt!- Einigkeit tut uns not, um die schweren Kämpfe, die uns in der Zukunft bevorstehen, siegreich zu überwinden. Solange aber die Zionisten sich als die einzig wirklichen Vertreter des. Judentums ausgeben, solange sie glauben, daß sie berechtigt sind, die gesamte Entwickelung des deutschen Judentums zu leugnen, ist es leider unmöglich, mit ihnen zusammenzugehen. Auch die Orthodoxen waren von vornherein nicht gewillt, zu einer Verständigung die Hand zu bieten. So ist denn Vieser Versuch gescheitert. Statt daß die Jugend gemeinsam arbeitet, zieht sie getrennte Wege. Leider trifft hier das alte Wort „Getrennt marschieren, vereint schlagen" nicht zu. Wenn, wie es hier geschieht, die Jugend in ihren Anschauungen und Zielen so durchaus uneinig ist, so kann von einem gemeinsamen Siege absolut nicht die Rede sein. Wir, die Liberalen, sind felsenfest davon überzeugt, daß uns keine Schuld, trifft. * Die Reichsregierung hat von dem Reichstag neue Kriegskredite in der Höhe von 15 Milliarden verlangt, und der Reichstag wird ohne Zweifel die Forderung bewilligen. Unterdeffen haben die Z e ich n ungen zu r 8. K ri e g s a nl ei h e begonnen; schon melden die Zeitungen bedeutende Zeichnungen dev -großen Gesellschaften, Sparkassen und Gemeinden. Aber es kommt nicht bloß darauf rnt, wie nun schon siebenmal an dieser Stelle ausgeführt worden ist, daß diese Riesenzeichnungen erfolgen, sondern die außerordentlich hohen Summen, die nötig sind-, könyM nur dadurch beschafft werden, daß jeder einzelne ohne irgendeine Ausnahme, jeder nach seinen Kräften und nachseinem Vermögen, zu diesem hehren Werke beiträgt. Keiner darf sich durch.Bedenken davon, zurückhalten lassen; keiner darf sich sagen, daß durch diese noch nie vorgekommene Schuldenlast das Deutsche Reich in der Zukunft sehr schweren Zeiten entgegengeht. Denn in diesem ungeheuren uns aüfgezwungenen Krieg darf kein Bedenken vor dev Zukunft, kein Grauen vor den früher für unmöglich gehaltenen Riesensummen herrschen, sondern ein jeder muß sich ausschließlich seiner Pflicht bewußt sein und bleiben,, dem Deutschen Reiche zu Helsen und ihm zu ermöglichen, den Sieg zu erringen, damit auch er später ungestört im Frieden leben könne. Darum ergeht an einen jeden aus unserer Glaubensgemeinschaft der Ruf: Zeichnet die Kriegsanleihe und macht euch dadurch würdig der großen und mächtigen Zeit, in der zu leben euch bestimmt ist! * Diese Nummer erscheint am Tage des offiziellen Frühlingsanfangs. . Noch freilich kündigt. sich, in der Natur nur schüchtern ein Frühlingslüftchen an, und in der Welt herrscht alles andere eher als Frühlingsstimmung. Der lange Winter will in der Natur nicht ganz weichen, und ebensowenig die heftige Spanunng, die ernste Lage und die erbitterte Wut aus dem Völkerleben. Und doch wollen und können wir die Hoffnung nicht sinken lassen. Wie in der Natur nach ewigen Gesetzen sich alles 'erneut, wie Wärme und Sonne zwar eine Zeitlang zurückgehalten werden können, aber schließlich doch ihre Kraft bewähren, so muß, des sind wir sicher, auch im Völkerleben endlich 'einmal der Frühling kommen. Bereiten wir uns vor, ihn würdig zu 'empfangen! Arbeiten wir, daß der Frühling einziehe in unsere Herzen!