Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1918)
- Date
- 1918-03-22
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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135 um der Gerechtigkeit und Wahrheit willen. Die Haltung jedoch, tyelche der Zionismus und die Zionisten eingenommen haben, um chre Pflicht als Kämpfer im FÄde und in der Heimat zu erfüllen, ist ein deutlicher Beweis, wie sich de facto die Zionisten zur Vaterlandsfrage verhalten.. Um uns Liberalen den Weg zu ihnen zu erleichtern und eine zwingende Aufklärung an die Massen des Volkes zu erlassen, hätten sie theoretisch nicht immer herauskehren dürfen, was sie praktisch nicht befolgt haben. So gehen, theoretisch betrachtet, die Vorwürfe und Verdächtigungen hin und her. Haben sie praktisch den Sinn, den sie zu haben scheinen, geben sie das wirkliche Verhalten der Parteien zu den grundlegenden Fragen des Judentums wieder, köNtten sie überhaupt heute noch so bestehen, wie wir es damals annehmen zu müffen glaubten? Der Liberalismus und der Zionismus streiten wider einander, der Form und dem Begriffe nach, wie sie seit Jahren ausgebildet sind. Weshalb ändern wir ihn nicht, wenn die Mehrzahl der Anhänger durch die Tat es fordert? Müffen wir weiter daran kranken, was die vergangenen Jahre zur Belebung und Erweckung brauchten?. Heute wäre es Starrsinn, länger diese schädliche Politik zu. betreiben, denn beide Organisationen! sind gereift und . können ohne Eigensüchtelei und Kamps fortan bestehen, im Sinne des Judentums in Frieden und Freundschaft nebeneinander leben. Sollte, daher sich bei Gelegenheit das Bedürfnis einer einmütigen, Willenskundgebung der deutschen Judenschast zeigen, um unser staatsbürgerliches Wollen und unser patriotisches Fühlen gegenüber den sriedensstörenden und aufrührerischen Elementen darzutun, so müffen wir alle nebeneinanderstehen und als Brüder uns bekennen! Sonst könnte es geschehen, daß ein einziges Unwetter, das seine Vorboten schon angekündigt zu haben scheint, die Arbeit und den Erfolg mehrerer Jahrzehnte, die Erfüllung einer jahrhundertelangen Sehnsucht» jählings zunichte macht! Trotz der hervorgehobenen Berührungen der Parteien und der Annäherung, die weniger von ihren Leistungen ausgeht und das Programm sozusagen noch ausschließt, sondern von einsichtsvollen Mitgliedern gewünscht und beachtet wird, soll und muß die Eigenart des Standpunktes durchaus gewahrt bleiben.. Aber nur nach, innen, wenn der Zionismus, sich bereit erklärt, die Schatten, die er ungewollt nach außen warf, zu beseitigen. Dieser Schatten besteht darin, idaß er dem Antisemitismus Vorschub leistet, der ja den Zionismus zur Erreichung seines eigenen Vorhabens, die Jüdenmacht im Lande zu brechen und sie samt und sonders hinauszugraulen, in Oesterreich und in Deutschland nach Kräften unterstützt und außer dem Zionismus keine Anschauung vom Judentum anerkennen will. Angetrieben durch das zionistische Raisonneinent doziert der Antisemitismus scharf und logisch folgendermaßen: Die Juden (womit trie Zionisten gemeint sind) erklären, das Judentum sei eine potentielle Nation, die nahe daran ist, restauriert zu werden. Die Merkmale der fremdländischen Rasse, die das deudschvölkische Auge immer verletzten, erhalten damit ihre naturgemäße Begründung. Jetzt gibt es nicht mehr zwei Möglichkeiten, entweder,auszuwandern und sich als Volk ,zu konstituieren oder durch Taufe im VoWrumpfe vollauf, zu versinken, sondern nur noch die. eine:, auszuwandern! Damit hat kein Jude, der zurückbleiben will, ein Recht, sich deutscher Staatsbürger zu nennen, denn nationaliter ist er Angehöriger eines Judenstaates. Jnfolgedesien ist nichts widersinniger als das Judenedikt vom 11. März 1812, in dem die staatsbürgerliche Emanzipation ausgesprochen wurde. Jude bleiben und deutscher Staatsbürger sein, ist ein Widerspruch in sich selbst, etwa wie kein Franzose französischer Staatsbürger bleiben kann, nachdem er in Deutschland seine Naturalisation erlangt hat. Die Folgen dieser Logik, an der nach Prämisse und Schluß nicht gerüttelt werden kann, betreffen nicht nur die Juden, die treu zu Deutschland stehen. sondern die Zionisten selber. Auch ihnen wäre es nicht angenehm, wenn ein Wort der Regierung sie über Nacht zu . Ausländern machte und. die Opfer, die der Freiheitskampf des Judentums gefordert, st« anklagen würden! Wenn aber die Prämisse dieser logischen Folgerung ihnen nicht richtig erscheint — und nach dem Vaster Programm kann der Zionismus so weit nicht gehen — so sollte er schleunigst dafür sorgen, daß die dringend notwendige Aufklärung erscheint und schiefe Auffassungen vom Judentum, die eine bösartige Gehässigkeit im feindlichen Lager schürt, ein für allemal unmöglich gemacht werden. Diese Forderung muß gestellt werden. . Sie ist realiter die Schranke, die den Parteien die Einigung versagt, und kann erfüllt werden, ohne die. zionistische Anschauung vom Judentum, die wir heute nicht aus der Welt schaffen können, zu beeinträchtigen. Bei gutem Willen und selbstgetreuer Ehrlichkeit kann diese Schranke nicht unüberwindbar sein, oder aber man muß zu dem Glauben kommen, die Kriegsbegeisterung der Zionisten, die sie ehrlich bekundet und bis zur Stunde wach erhalten, war ein Zwange von außen und nicht von innen. Dies wird der deutsche Zionist sich ebenso ungern sagen lassen wollen, wie er es zuließe, seiner Parteibegeisterung unlautere Motive zu unterstellen. Diese Zeilen wollen .kein Problem lösen, sie wollen es aufgeben! Nichts anderes , sollen sie bewirken als eine Aussprache, die nach Lage der.Dinge, jüdischerseits ebenso wie deutscherseits, geführt werden muß. Vieles Bestehende hat dieser Krieg zur Verwandlung gezwungen. Sollen wir den Zeitpunkt verstreichen lassen, der uns gebieterisch zuruft: Jetzt oder nie! Möge daher der Mahnruf nicht ungehört verhallen. Wr Woche. Berlin, den 19. März 1918. as bedeutendste Ereignis dieser Woche ist das U l t i - tum der alliierten Mächte an Holland, ihnen den gesamten holländischen Tonnenraum, auch den in holländischen Häfen liegenden, auszuliefern. Geschieht dies nicht, so soll der gesamte Tonnenraum beschlagnahmt und es sollen auch die aus hoher See schwimmenden holländischen Schiffe requiriert werden. Diese Forderung, von der unsere Zeitungen am 14. März abends die erste Meldung brachten, soll bereits am 9. der holländischen Regierung übergeben worden sein, und zwar mit einem Ultimatum, das die Antwort zum 18. März verlangt. Da diese Uebersicht, obgleich sie das Datum des 19. trägt, bereits am 17. zum Druck fertiggestÄlt werden muß, so kann etwas Bestimmtes über die Annahme oder Ablehnung dieser Forderung nicht gesagt werden. Zwei Möglichkeiten bestehen: Die eine ist die unbedingte Unterwerfung Hollands unter das Machtgebot der Verbündeten, die andere eine entschiedene Ablehnung und die Wahrung holländischer Selbständigkeit und holländischer Würde. Nach dem bisherigen Verhalten der holländischen Regierung darf man vielleicht eine Entscheidung der letzteren Art für wahrscheinlicher halten. Bei der siegreichen Stellung, die. Deutschland jetzt überall einnimmt, und bei der immer größeren Aussicht, daß es auch den Westmächten gegenüber, trotz des Eingreifens Amerikas, siegreich aus dem Kriege hervorgehen wird, gewinnt die Annahme der Ablehnung des unerhörten Verlangens der Westmächte seitens Hollands größere Wahrscheinlichkeit. Denn dieses Verlangen widerspricht vollständig der so oft seitens der Westmächte verkündeten Auffassung von der Selbständigkeit Keiner Staaten, ist ein so ungeheuerlicher Eingriff in das Recht der. bisher neutral gebliebenen Länder, daß man annehmen sollte, eine Macht, die aus ihre Würde hält, könne unmöglich auf ein solches Verlangen eingehen. Wird nun