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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-03-22 · Heft 12 (22.3.1918) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 12 (22.3.1918)
Date
1918-03-22
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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Selbst die Regierungen der kriegführenden Länder, auch die deutsche, haben dem Zionismus ein beachtenswertes Zeugnis ausgestellt, dessen Bedeutung verschieden beurteilt wird und werden muß. So stehen beide Organisationen als ehrwürdige Ergebnisse inhaltreicher Fehden' heute nebeneinander und kein Jude darf es Unterlasten, ihnen Beachtung zu geben. Der Liberalismus, erfüllt von der Leuchte der Religion, vom Geiste der prophetischen Berkündigung, der dem lebhaften Bedürfnis der Zeit entsprechend die unvergänglichen Werte.religiöser und sittlicher Erkenntnis für die kulturelle Entwicklung des Judentums und der Menschheit fruchtbar machen will -und auf die weit überwiegende Anzahl deutscher Juden sich stützt; der Zionismus, aus der sozialen und politischen Judennot des letzten Jahrhunderts geboren, vom dereinstigen Ideale der Väter nach Wiederherstellung Zions erfaßt, voll Mannesmut und Eifer, so sehr erglüht von Begeisterung und Hoffnung, daß er, die realen Verhältniste außer acht lastend, zunächst durch das Ideal ersetzt, was die Wirklichkeit nicht halten und anerkennen will. Diese zwei. epochebildenden Erscheinungen des Judentums, so sehr man vor wenigen Jahren noch sie kritisierte und — in der Form gewiß — über die Notwendigkeit Hindus bekämpfte, sie sind würdig, mit allem Ernst betrachtet und mit Entschiedenheit vertreten zu werden. Wenn auch dieses Urteil über den Zionismus aus meiner Feder seiner Parteileitung befremdend erscheinen muß, da ich in nichtjüdischen Tageszeitungen auf zwingende Aufforderung hin in scheinbar anderem Sinne sprach, der politischen Erwägung über unsere Staatsbürgerstellung, die antisemitischerseits so sehr zu Unrecht, aber mit scharfer Logik, durch das zionistische Theorem veranlaßt, so heftig in Erschütterung gebracht wurde, eine allgemeine Aufklärung für notwendig hielt, um den Standpunkt eines Liberalen zu diesem Problem festzustellen; welcher Jude kann in Zweifel ziehen, daß beide Parteien das Gute des Judentums wollen und seine Verjüngung anstreben! Ist dieser einigende Wille nicht Anlaß genug, das gemeinsame Ziel würdigen und die Kräfte, die zur Erlangung des Zieles wirken, loben zu lernen! .Das Band, das uns fest zusammenschnürt, ist di« Bejahung des Judentums, die Würdigung seiner geschichtlichen Eigenart, die Sicherung seines Einflusses in Gegenwart und Zukunft, der Kampf gegen alle Feinde, nach innen gegen die Indifferenten und Lauen, die Assimilanten und Taufjuden, nach außen gegen die Antisemiten, die Hetzer und Verleumder. Ist es nicht Gemeinsamkeit genug, die uns einig machen muß, und Arbeit genug, die uns den Luxus >der Zersplitterung nicht gestatten darf! Oft schon gingen im geschichtlichen Verlaufe Parteien des Judentums zusammen und auseinander. Die ersteren erbrachten den Segen und die Ueberwindung der Gefahren, die letzteren das Unheil, mit dein das Judentum 2066 Jahre gezüchtigt wurde wie keine Gemeinschaft seit Anbeginn der Dinge. Nie aber hat der Solidaritätsgeist des Judentums, einer der herrlichsten Züge unseres Volkes, eine Trennung der Parteien zugelassen, wenn so viel grundlegende, einigende und versöhnende Momente vorhanden waren. Daher sage ich an dieser Stelle abermals: wollen wir an uns selber strafen, was wir an den Vätern loben, wollen wir im Kampfe unsere Kraft verprassen, der künstlich das Judentum in eine Gefahr bringt, die von außen her in diesem Umfange sich nicht zeigt, wollen wir, die wir das Judentum mit gleicher Inbrunst lieben, es erretten, um es zu vernichten? Das Hochziel beider Parteien ist dem Willen nach dasselbe. Die Anschauung vom Judentum ist grundverschieden. Gemäß dieser Verschiedenheit müssen die Mittel erwählt werden. Der Liberalismus will nach Auflösung der Volkseinheit das Judentum durch eine religiöse Reformation erretten; der Zionismus will nach vermeintlicher Auflösung der Religionseinheit das m — Judentum durch eine nationale Restauration erretten. Beide wollen das Judentum erretten, das soll genug sein! In diesem Bedürfnis liegt so viel Beglückendes, daß eine Feindschaft undenkbar,. eine vollkommene.Trennung bei gleichartiger Kräfteverteilung eine gegenseitige Vernichtung wäre! Und läßt sich denn soviel-über die Mittel streiten? Eine Parteiklagt die andere an. Die Liberalen sagen: Der Zionismus erklärt die Religion des Judentums für erstorben. Ihre Wiederbelebung könne an derreligiöfen Gleichgültigkeit nicht scheitern. Die Substituierung des Nationalcharakters ist nach Belegen der Lehre und Geschichtsentwicklung unjüdisch und widerspricht dem Geiste des Judentums. Darüber hinaus verdächtigt er unser patriotisches Fühlen, einen bedeutenden Faktor des inneren Erlebens. Auch reichen wir den Gegnern die scharfe Waffe, hie sie gegen uns mit aller Geschicklichkeit schwingen. Das find stichhaltige Gründe, den Zionismus abzulehnen. Die Zionisten nehmen den Fehdehandschuh auf, durch Stolz und Begeisterung, die jede junge Ueberzeugung eingibt, geblendet. Wie aber verhält es fich in der Praxis? Die Zionisten erllären die Religion für erstorben. Das klingt hart, banal sogar, reißt das Herz aus, wenn man das Judentum kennt und daher lieben muß. Selbst Gegner haben das Judentum bis aus den heutigen Tag. hochgeschätzt und vorurteilsfreie Theologen anderer Konfessionen seine Ueberlegenheit in klaren Worten ausgedrückt. Was ließe sich darüber nicht alles anführen? Aber erkennen dies die Zionisten nicht an? Gerade die Wehmut über die tiefe Vernachlässigung dieses Erlebens, das uns lange Jahrhunderte getreulich geeint hatte und alle Anfeindungen siegreich überstehen ließ, die völlige Hoffnungslosigkeit angesichts der nahenden Auflösung des Judentums durch Taufe, Gleichgültigkeit und Mischehe waren der Antrieb, unter einer neuen Parole die Judenheit zu sammeln. Ist das kein ehrwürdiges Unternehmen gewesen? Müssen wir nicht mit Dankbarkeit und Achtung zu den Männern emporblicken, die, von heiliger Inbrunst erfaßt, vor Jahrzehnten den Ruf nach neuer Einigung ergehen ließen, Männern, die dem Judentum eine Zierde waren? Auch das muß eingesehen werden, daß der Zionismus bis auf den heutigen Tag recht behielt, indem er in der religiösen Erschlaffung einen zersetzenden Faktor erkannte. Hat das Werk des Liberalismus sie behoben, wird er sie beheben können? Wo sind die gefüllten Gotteshäuser, auch wenn ihr Kult den Erfordernisten der Zeit gerecht wird? Gehen die liberalen Elemente auch nur zum kleinen Teile regelmäßig in den Tempel, dessen Ritual ihrem Wunsche nach gestaltet ist? Es erscheinen immer wieder dieselben, die Gott nicht in der veränderten religiösen Form tiefer erleben, sondern durch Erziehung, Gewöhnung und Beispiel auch einen anders beschaffenen Gottesdienst regelmäßig besuchen würden. Der Liberale klagt den Zionismus, mit Recht von seinem Standpunkte aus, der Vernichtung des Religiösen an, den seinerseits der Liberalismus bei weitem noch nicht gekräftigt hat. Realiter hat die Anschauung des Zionismus über den Wert des Judentums als Religion eine Aenderung erfahren. Er müht sich redlich einzusehen, daß der religiöse Inhalt, wenn auch nicht erschöpfend, so doch in bedeutender Weise das Wesen des Judentums bestimmt. Ist dieses Einsehen kein Fortschritt und zugleich ein« Annäherung! Daß der Zionismus unser patriotisches Fühlen beleidigt, ist unstreitig wahr. Im Anblick der Folgen, die unsere bürgerlichen Errungenschaften vernichten, haben wir ein Recht, ja sogar die Pflicht, ihm zu entgegnen und die deutsche Oeffentlichkeit anders zu belehren. Das habe auch ich getan. In ihren Zeitungen und Zeitschriften haben die Zionisten täglich fast unseren Gegnern den Standpunkt klargemacht, bis fast die Gesamtheit des Volkes, auch Judensreunde, ins Ungewisse kamen und alle Juden für Zionisten hielten. Da mußte einmal klar ausgesprochen werden, wie sich die Mehrheit der Juden zum zionistischen Problem stellt,

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