Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1918)
- Date
- 1918-03-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82. Jahrgang. Nr. 12 ^|||^ Berlin, 22. März 1918 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des ^Geheimen Regienmgsratr Professor Sr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Diese Zeitung erscheint «Schentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und vororten durch unsere veririebsstell«N).^dezogen vierteljährlich 3 2TU — ^astfcheckkonto 32g. -- i ...i^ii --—;—. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Ad reffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin 8XV, Jerusalemer Straße g6-,V- Z» richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. * Die Einigkeit im Parteiwesen des Judentums. Von Rabbiner Dr. Bruno Lange Magdeburg). — Die Woche. — Die ethisHe Grundlage deS Buches über die Herzenspflichten. Von Abraham Ge/ge r. — Die Lage der Juden in Rumänien. Von EliasNacht (Berlin). — Mnse Herrmann. Von L. G. — Feuilleton: Der Weg deS jungen. Hermann Jahn. Von Clementine Krämer (München). — Büchereinlauf. Der <Semeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Hannover, KobuW, Karlsruhe, Den Haag. — Von Nah und Fern. Sik Linigkrit im Mrteiwrsm dm Judentums. Von Rabbiner Dr. Bruno Lange (Magdeburg). ie Fragen, di« hier gestreift werden, sind durch verschiedene Aussätze und Erwiderungen in jüdischen und nichtjüdischen Müttern nahegelegt worden. Demnach sind sie nicht durch theoretische Erwägungen geweckt, sondern durch praktische Erörterungen veranlaßt. Sie haben den Zweck, erstens das Judentum als Ganges den verschiedenen Parteien gegenüberzustellen, zweitens meine persönliche Stellung zur Einigkeitssrage im jüdischen Parteiwesen zu präzisieren. Darüber hinaus aber würde es ein Gewinn sein, wenn die hier vertretenen Aeußerungen Veranlassung zu einer grundlegenden formellen Entschließung gäben von seiten der Parteien selber, die für die innere Einigung des gesamten Judentums im besonderen in Betracht kommen.' Daß diese Anregung nicht durch Zufall gegeben wird, sondern durch die hohe Bedeutung der inner- und außenpolitischen Lage der gegenwärtigen Zeit bedingt ist, ist einem jeden gesinnungstreuen Juden, zu welcher Partei er sich auch zählen mag, einleuchtend genug. Laffet uns daher insgesamt einsehen, daß diese Kriegszeit, wie allen Völkergruppen der Welt, so auch uns Juden, nicht zuletzt uns deutschen, ein neues Dasein eröffnet! Wir Juden, die wir bei einzelnen Schichten der Bevölkerung immer durch eine besondere Beurteilung ausgezeichnet oder bessergezeichnet waren, dürsten immer mehr die Gewißheit erlangen, daß fcharsspähende Augen uns bewachen. Es sind solche Augen, die niemals auf Licht, immer auf Dunkelheit reagieren, sobald es sich um jüdische Angelegenheiten handelt. Diese Tatsache, so widernatürlich sie an sich auch ist, beeinflußt heute in hohem Grade die Gesinnung solcher Kreise, die von sich zu sehr eingenommen sind, um gegen andere Menschen unvoreingenommen sein zu können. Wenn wir lauschend das Ohr an die Erde legen, hören wir Stampfen und Schnauben! Es gibt Gutgläubige in unseren Reihen, die da meinen, es feie» nur Nachwehen vergangener Zeiten. Aber scharffehende Männer wiederum wollen annehmeN, daß sich die Vorboten nahender Ereigniffe arckündigen. Wenn diese nun recht behielten? Ist unsere Vergangenheit nicht Warnung genug, dieser Stimme gänzlich zu mißtrauen? Eines der Ereignisse, das eine drohend-deutliche Sprache spricht, ist die Begründung einer „Arbeiterschutz-Zeitung", deren erste Nummer bei den Streikansammlungen in Berlin auf dem Alexanderplatz zu Tausenden von Exemplaren an die Streikenden verteilt wurde und nichts anderes als einen IudenPogro m zum Zwecke hatte. Woher stammt, das Papier? Welche Zensur ließ diese Zeitung kritiklos passieren? Wo bleibt die Gerechtigkeit und Wahrheit, für deren Pflege eine vorurteilslose Regierung Sorge tragen müßte? Und dennoch: es soll uns hier nicht anftehen, der einen oder der anderen Auffassung nahezutreten. Wir wollen keine noch zu wenig begründete Unruhe schüren, über unsere Pflicht hinaus uns ereifern und in einigen tief bedauerlichen Zwischenfällen den Schwerpunkt der geschichtlichen Ereignisse erblicken. Trotzdem seien wir gewarnt! Unterschätzen wir diesen Tatsachen gegenüber nicht die Frage nach der Einigkeit und Geschlossenheit des gesamten Judentums nach außen! Wie weit auch die Parteien auseinanderstreben, wir wollen untersuchen, ob wir nach der Lage der Parteien zueinander und ihrer Beziehung zum jüdischen Geiste und Volke imstande sind, uns treu und eng nach außen hin zus a mmenzus charen. Wir stehen in der innerjüdischen Entwicklung am Eingang einer neuen Phase. Sie ist von außen wie von innen in gleichem Maße bedingt. Die Notwendigkeit, die durch den Zwang der allgemeinen Judenpolitik der Nationen, feindlich wie freundlich gesinnter, gestählt ist, wird ergänzt durch die Einsicht, die wir für das Verhältnis der Parteien zueinander gewinnen, zu müssen anfangen. Wenn wir. einen Blick auf das letzte Jahrhundert unserer inneren Entwicklung werfen, so sehen wir, daß die Hauptparteien des deutschen Judentums, Liberalismus und Zionismus, sich zu starken Formen, ausgebildet haben, die als konstituierte und wertvolle Glieder des 'Gesamtjudentums vor uns stehen, von Idealen erfüllt, praktischen Zielen ergeben und von Männern geführt, denen Einsicht und fester Wille nicht mangeln. In harten Kämpfen lösten sich diese Parteien aus dem Körper des Judentums los undstellten sich, von entgegengesetzten Voraussetzungen ausgehend und in ihren Ueberzeugungen weit auseinanderstrebend, feindlich gegenüber, damit die junge Kraft erprobt und zugleich erhärtet werde. Jahre hindurch hielt dieses Kämpfen an. Es erbrachte für beide Teile nur negative Resultate. Herabsetzung und Verdächtigung. Aber es entwickelten sich aus ihnen die willensstärksten, tatkräftigsten Organisationen, deren Eifer alle Teile der ideutschen Judenheit erlangte und sie zwang, sich zu einer bestimmten Richtung zu bekennen. Dank dieser fleißigen Arbeit, die unaufhörlich durch Kämpfe imgefeuert wurde, stehen die Parteien heute, jede in ihrer. Art, an einem soften Ziele. Von welchem Standpunkt auch immer man daS deutsche Judentum betrachtet, sie drängen sich dem Auge des Beschauers auf unddie breite Oeffentlichkeit hat es nicht unterlassen, für und gegen sie Stellung zu nehmen.