Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1918)
- Date
- 1918-03-15
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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lao MH das Kblleg zu Ende war, verbeugte, ex sich vor ^dem jungen Mädchen: »Verzeihung, Fräulein vpn-Dev Vtz^Äburg, nicht wahr?" ' .- - -Äa^.sagte sie und gab ihm die Hand. ,Marie^Loüise von der Uhlenburg, Herr Kahn!" Er gab seinem Erstaunen Ausdruck, daß sie ihn kenne. „Natürlich," sagte sie, „Sie sind doch der Freund von Horst Bäumke, nicht wahr?" Hermann half ihr den Mantel anziehen. Dann traten sie miteinander ins Freie, und er erzählte ihr, daß er sie an der Aohnlichkeit mit ihrem toten, Weinen Schwesterchen sogleich erkannt habe. Und so plauderten sie im Gehen behaglich miteinander. Ob sie richtig studiere, fragte er. Neig, sie sei bloß Hörerin und habe dem Vater — die Mutter sei schon seit zwei Jahren tot — auch dies nur mit harter Not abgetrotzt. Dann ging sie. In Hermann lebte die Kindheit wieder auf. Ihm war, als sei die kleine, süße Gerda von den Toten ausgestanden, und er habe sie hier in Heidelberg wiedergefunden, in dem Kolleg, in das er durch Zufall einmal geraten. ♦ Als Hermann auf seine Bude kam, fand er dort eine gedruckte Einladung zum Ball der Zionisten. „Einführung speziell von Herren erwünscht," stand darunter. Er dachte einen Augenblick nach, ihm fiel keiner ein, der nicht schon direkt eingeladen werden würde — außer dem Bäumke. Erst fand er die Idee absurd. Dann aber schien ihm der Gedanke anziehend, auch hier — wie nun, schon des öfteren — die Wirkung aus den nichtjüdischen Freund zu beobachten. So schrieb er ihm ein paar Zeilen hinüber in seine Garnison und legte die Einladung bei; und fragte, ob er nächsten Samstag mitkommen wolle. Und der junge Offizier — wollte. * Die beiden Freunde standen in dem nicht allzu großen Saal herum, und. Hermann suchte mit den Blicken, Salomea Fingevhut. Wer er fand sie nicht. Endlich hörte er von einem Festzug, und vermutete, sie werde hinter der kleinen Bühne sein. Und richtig: nach einer Weile wurde Tusch geblasen, und dann ein Prolog gesprochen, in welchem angekündigt ward, es werde die Königin von Saba erscheinen mit ihrem Gefolge auf dem Wege zum Besuch Salomonis, des Königs der Juden, den man ebenfalls höchstselbst auf seinem goldenen Thron erblicken werde: Ihn, dem das Höchste und das Tiefste kund, Ihn, der der Bügel Sprache selbst verstund. Und denkt der Jude sein und seiner Zeit, Erscheint sie ihm, ach, märchenhaft und weit. Wie nie gewesen, schön und morgenfroh, Die goldne Zeit des Königs Salomo. Doch — fuhr der Sprecher fort — es war Kurt Isaaksohn, der derzeitige Heidelberger Zionistenführer: Doch kamen schwere Zeiten übers Land * ' Und Salomonis Tempel ward verbrannt ' Und ward der Jude fortgeführt mit Hohn, Und ach, er weinete in Babhlon. Nicht an den Wässern Babylons allein. Bald weint' er an der Donau und am Rhein Und an der Wolga und am Uralfluß. Es schien, als ob der Jude weinen muß, Wohin er kommt. Ach, eine lange Zeit Macht bitter weinen man die Iudenheit. Und weiter hieß es von dem Gdlusjuden, der verstreut lebt in der Diaspora: Da denkt er nun und grübelt, ach, und gräbt, Weshalb er so im düstern Schatten lebt. Und geht er morgens MM soMge Land, Dann ist sein Blick der Erde-zugewandt; Er geht gebeugt von doppelt schwerer Last Am Rücken und im Herzen, die ihn fast J Zu Baden drückt, so daß er nimmer schaut. Wie über ihm der goldne Morgen blaut. So daß er nimmer hört, wie morgensrisch Das muntre Bächlein schlingt zu Tale sich. Und nimmer fühlt, wie frische Morgenluft ’ ';;'' ’ ’ Ihn lind umweht. Und Erdgerüch und Duft. Er geht dahin mit schwer beladner Seele, Kein frohes Lied entringt sich seiner Kehle. , „Und singt der Jude, ist ihm weh sogar," So sagt ein altes Wort,.und das ist wahr. Denn seine Weisen find so wehmutvoll. Wie einer fingt, der lieber weinen soll . . . Und endlich der Ausblick: wenn einst der Jude zurückgekehrt sein werde in daS Land seiner Väter. — --Begeisterte Worte. Eine Begeisterung, um derentwillen etwas wie Neid ausstieg in des lauschenden Hermann Seele. Bei den letzten Worten des Prologs hatte leise Musik zu spielen begonnen, und aus dem Hintergrund des Saales bewegte sich langsam und feierlich die Königin von Saba — Salomea Fingerhut — mit ihrem glänzenden Gefolge der Bühne zu. Und wiederum kam Hermann'dies Wort in den Sinn: „Führ' mich in deine Heimat, Ruth!" , , Als der Zug bis zu den Stufen gelangt war, die hinanführten, teilte sich der Vorhang der Bühne, und auf goldenem Thron sah man in überreichen morgenländischen Gewändern — König Salomo fitzen, umgeben von den Großen seines Reiches. Die Ankommenden neigten sich — immer unter leiser •i Musikbegleitung —, der König erhob sich und ging seinem hohen x Gast entgegen. Dann reichte er der Königin die Hand, und noch * einmal bewegte sich der Zug durch den Saal. Nun voran der König und die Königin, gefolgt von dem ganzen Hofstaat, entsprechend zu Paaren geordnet. Die Zuschauer, die eS an lauten Beifallsrufen nicht hatten fehlen lasten, schlossen sich der Polonäse an. Und dann ging die Musik über in einen Walzer, und wiegend drehten sich die Paare. Voran der König und die Königin. „Ach," sagte Hermann zu dem neben chm stehenden Bäumke, als der Prolog zu Ende war, „die haben's gut, wie sie kerzengerade ihren Weg vor sich sehen und auf ihr Ziel losgehen." „Noch sind sie nicht dort," bemerkte der andere, der im übrigen nicht aufgelegt schien zu philosophieren, sondern er wandte keinen Blick von der schönen Salomea. Der Walzer war zu Ende, und es mischten sich die Königlichen unter das gemeine Volk. Hermann eilte auf Salomea zu und bat sie um den nächsten Tanz. „Den habe sie schon vor acht Tagen vergeben", erwiderte sie hochmütig, und nicht ohne eine Weine Gereiztheit. „Da müssen Sie ein andermal früher aufstehen, Herr Kahn!" Da siel es Hermannaufs Herz, daß er in diesen Tagen, seit er daheim gewesen bei der Mutter, keine Gelegenheit wahrgenommen, Salomea zu treffen. Nun bat er um die erste Franyaise. Salomea zog die Tanzkarte aus der Tasche, und es fand sich, 'daß sie schon über und über mit Namen und Studentenzirkeln beschrieben war. „Wenn ein Tanz eingeschoben wird", machte sie gnädig, „dann — vielleicht." In diesem Augenblick trat Bäumke herzu und bat, der „Königin" vorgestellt zu werden. Salomea blickte überrascht aus und suchte nicht im mindesten zu verbergen, wie sehr ihr der junge Offizier gefiel. Dann erschien ihr Tänzer unh entführte fie. ~ (Fortsetzung folgt.)