Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1918)
- Date
- 1918-03-15
- Page
- Seite 129 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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129 M Frletzberger riii §]jß Leiter der Jüdischen Blindenanstalt für Deutschland und Irl. sstmiy Vrrgmann. / Xe&oren am 22. Januar 1876 als Sohn des Kaufmanns Vl_/ Lazarus Friedberger zuHardheim (Baden), besuchte ich 1898 bis I960 das Jüdische Lehrerseminar zu Berlin. Von 19O1 bis 1997 als Lehrer und Kantor in Osterode a. H, tätig, wurde ich vom Ver-;; band der Synagogengemeinden Ostpreußens als. Leiter des neugegründeten Altenheims für Ostpreußen nach Astenstein berufen. Der Verband übertrug mir auch 'den Religionsunterricht in einigen Nachbargemeinden. während ich an der Synagogengemeinde Allenstein Anstellung als. Rendant 'derselben fand. Seit! Gründung der Jüdischen Blindenanstalt für Deutschland in Berlin-Steglitz bin ich Leiter derselben. Die Spezialausbildung für den Blindenunterricht habe ich in der Königlichen Blindenanstalt zu Berlin-Steglitz erhalten. Die! Anstalt beherbergt zurzeit 25 Blinde, Kinder und Erwachsene. Fräulein Bergmann ist am 13. Juni 1868 zu Nordhausen a. H. geboren. Sie besuchte daselbst die Höhere Töchterschule trotz ihrer stetig wachsenden Schwerhörigkeit bis zur 1. Klasse mit bestem Erfolge. Mit dem zunehmenden Alter verlor sie auch den Rest des Gehörs. Die Ursache der Erblindung läßt sich nicht genau feststellen. Es scheint, daß sie die Anlage mit zur Welt brachte. Ihre Mutter verlor sie mit dem fünften Lebensjahre. Auch ihr Vater, starb frühzeitig. Während eines Besuches bei ihrer verheirateten Schwester in Oberungarn brach eine Epidemie aus, und sie wurde vom Typhus befallen. Das Augenlicht wurde hernach immer schwächer, eine Netzhauterkrankung trat ein und seit zehn Jahren ist es völlig erloschen. Nach ihrer Erblindung erlernte sie die Blindenschrift und Maschinenschreiben. Sie liest französische und englische Bücher in Blindenkurzschrist und schöpft den Stoff zu ihren Gedichten zum Teil aus Zeitschriften in Blindendruck, zum Teil wird er ihr durch die Fingersprache (siehe Bild) vermittelt. (Je nach Stellung und Druck der Finger des Sprechenden in der Hand der Angeredeten. Das Vorlesen eines großen. Kriegsberichts dauert zehn Minuten.) S- Die taubblinde Dichterin Jenny Bergmann mit dem Leiter '.der Blindenanstalt in Steglitz M. Lnedberger. DerMrg des jungrntzermsnn Lshn. (6. Forts.) Von Clementine Krämer (München). eitdem war Friedrich Lohse schon ein Paar Mal dagewesen mit den großen Musterkoffern, aber Frau Kahn hatte es immer zu verhindern gewußt, ihn allein und außer- . . . geschäftlich zu sprechen. Denn die Frau fürchtete sich vor — ihrem eigenen Gefühl. Noch war kaum ein Jahr um, daß ihr Gatte für immer gegangen, und schon war es ihr gewiß, daß Friedrich Lohse nicht nur s i e liebte und begehrte, sondern daß auch sie diese Gefühle durchaus erwiderte. Und da war nun gerade der Tag, da Frau Hannah ihren Hermann zu Besuch erwartete. wieder ein Brief gekommen, und darin hieß es nun, daß er — Friedrich Lohse — zu seinem tiefen Schmerz. bemerken müsse, daß Frau Kahn ihn meide, und daß er es nicht länger so ertragen könne, und kurz und gut, daß erste unbeschreiblich lieb habe! Und wenn es so stünde, wie ihr Benehmen ihn ahnen und fürchten lasse, dann sei es doch am besten, sie sage ihm dies offen heraus. Denn dann gäbe er die Tour nach Süddeutschland an einen seiner Reisenden ab. Und gehe allein und traurig ins Alter hinein. Wenn sie aber seine Gefühle erwidern könne, dann sei er der Glücklichste unter den Sterblichen. Und noch mehr dergleichen, wie man in jedem Liebesbrief lesen kann. Und ohne den geringsten Anspruch auf Originalität. Und darüber hatte nun die Mutter mit Hermann sprechen wollen, wenn der nicht allzusehr mit sich selber beschäftigt gewesen wäre. So nahm sie nach einigen Tagen diesen Brief, steckte ihn, ohne ein Wort hinzuzusügen, in ein Kuvert und schickte ihn an die Adresse ihres Sohnes nach Heidelberg. * Hermann Kahn saß im Kolleg und lauschte den Worten des berühmten Heidelberger Literarhistorikers. Mittendrin aber empfand er, daß da eine junge Dame saß, die ihn von Zeit zu Zeit von der Seite betrachtete. Und bemerkte auch ferner, daß sie nicht — wie sonst Studentinnen zu tun pflegen — mitschrieb, „als diktierte ihr >der Heilige Geist", sondern daß sie mit sonnigen Augen bald da, bald dorthin guckte, und immer von Zeit zu Zeit mal wieder aus ihn. Auf einmal trafen sich ihre Blicke für einen Moment, und mit eins wußte Hermann, wo er diese lieben blauen Augen schon gesehen — — Und da war kein Zweifel, daß dies eine Schwester war von der kleinen toten Gerda von der Uhlenburg.