Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1918)
- Date
- 1918-03-15
- Page
- Seite 128 (sequence 8)
- Language
- German
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128 er ganz zu eigen ist, liebendeuigegenzuharren, seines Winkes stets gewärtig zu sein. Da erlischt die Thatkrast nach Außen, selbst das Streben nach Selbstveredlung erlahmt, die Triebe sollen schlummern, die Selbstthätigkeit soll gebändigt, werden; das Ziel und die höchste Beseitigung ist: Ruhe, friedlich abgesondert von der Welt, die innern Strömungen des Herzens in ein enges Bett eingezwängt, seine Tage hinzubringen, bis die Stimme des Herrn ihn zu sich ruft. Es ist ein Schwelgen im müßigen, wenn auch edlen Aufgeben seiner selbst. Diese Selbstbetrachtung ist eine einseitige und hat daher nur eine teilweise Berechtigung. Der volle Blick in unser Inneres offenbaret uns neben der Schwäche auch die geistige Kraft in uns, neben der Hinfälligkeit auch die Ewigkeit des Geistes, neben der Kurzsichtigkeit auch das kühne Vordringen des Gedankens, neben den sinnlichen Trieben auch die edle Regung des Herzens, die Liebe zu Gott und den Menschen und den sie begleitenden Opsermuth, die Begeisterung für das Gute und durch sie die Steigerung aller unserer Seelenkräfte; kurz, wir finden in ihm den göttlichen Geist eingesenkt, nicht bloß mit Sehnsucht der Rückkehr in die ewige Heimat harrend, sondern auch mit dem liebenden Bemühen, die.irdischen Verhältnisse zu verklären. Wir erblicken so in dem Menschen einen rüstigen Kämpfer, der, mit der angemessenen Kraft versehen, sich die Lebenswege zu bahnen weiß, und mit unüberwindlichem Muthe auch nach manchem Mißlingen nicht vor den Schwierigkeiten zurückbebt, der Uebermacht des spröden Stoffes die Kraft des Alles bewältigenden Gedankens entgegensetzend, die eigene Hinfälligkeit mit der Frische des Geistes befruchtend, der in feinem Ringen, in dem Bewußtwerden und der Entwickelung der schlummernden Kräfte hohe Befriedigung findet und daher selbst dann, wenn der äußere Erfolg ihn nicht lohnt, große Siege feiert. Der Mensch wird uns der geachtete Vermittler zwischen Gott, dem reinen Geiste, und der stofflichen Welt; er erhebt sich zu Gott, um aus'diWm Quelle des geistigen Lebeks immer neue Kraft zu schöpfen, senkt sich hernieder in die Menschen- und Erdenwelt, um ihr das empfangene geistige Leben einzuhauchen und überall veredelnd und fördernd auf sie einzuwirken. Mit edlem Stolze erkennt er sich als den Hochbegabten, Hochbegnadigten, und weckt den Beruf in sich, seinen Dank würdig abzutragen, nicht in müßiger Bespiegelung seiner selbst, sondern im ernsten Bemühen, das ihm ohne sein Zuthun Gewordene durch dauernde Bemühung nach voller Entwicklung und zweckmäßiger Verwendung aller seiner Kräfte zu seinem wahren Eigenthum zu machen, zu verdienen, was er als Gnadengeschenk erhalten hat. Er trägt in sich die Sehnsucht nach dem Reiche des Geistes, dem sein besserer Theil entsprossen ist, aber geknüpft an seinen Körper, will er diesen mit seinen Trieben zum Diener des Geistes machen; sie sollen selbst zu Organen werden für seine höhere Wirksamkeit, und nicht unterbinden will er ihre Lebenskraft, sondern ihnen ihre angemessene Richtung geben. So führt er wohl einen beständigen Kampf in sich, aber mit der freudigen Hoffnung eines schönen Sieges; er erhebt sich über die Trägheit, die ihn abwärts führen will, er durchbricht die Schranken der engen Selbstsucht und fühlt sich dann immer größer, emporgehoben über das Irdische, befreit von den Banden der Endlichkeit. Und ist er auch einmal gefallen, er ringt sich wieder empor; aus dem Schmerze über die Schwäche, der er sich hingegeben, erwächst ihm durch noch ernstere Anstrengung gedoppelte Kraft, höhere Freude bestrahlt den Sieger, der in sich mühevoll gerungen und der Feigheit ihre Beute abgenommen, mit vollerem Diute durchspäht er die Schlupfwinkel in die sich die feige Schlauheit zurückgezogen, um von dort aus sicherem Verstecke den günstigen Zeitpunkt abzuwarten, wenn er etwa ermattet, und immer reiner wird die Gesinnung, immer vollendeter die Sclbftheiligung. Thätigkeit! ist sein Losungswort, nützliche, segenbringende Thätigkeit nach Innen und nach Außen, an sich selbst und an der Welt, Hingebung an die erkannte, ihm von Gott gewordene Aufgabe in Liebe und Verehrung gegen Gott, in dem er die unerreichbare Vollendung seines besten Theiles erblickt, der ihm' den hohen Beruf gegeben, ihm Mut, Kraft sind alle Güter des Lebens verliehen, und in Liebe zu den Menschen, die die gleiche Bahn mit ihm wandeln, in denen er den gleichen göttlichen Strahl erblickt und zu denen er sich daher mit aller Macht hingezogen fühlt wie der Theil zum andern, weil er erst durch die Verbindung mit ihm zum Ganzen wird, auf die er sich zu wirken gedrungen fühlt, weil nur dadurch die Sehnsucht nach Liebeswirken, die Gott ihm in die Seele gelegt, die die Natur des keine Schranken duldenden Geistes ist, befriedigt wird. Neben der Selbstdemüthigung tritt nunmehr auch die Selbstachtung in ihre Rechte, neben dem Bewußtsein der Unwürdigkeit auch das der inneren Kraft, sich zur Würdigkeit emporzuringen, neben der künstlichen Ruhe, welche die Dämpfung des Geistes erzeugt, auch der höhere Friede, als Frucht voller Geisteserhebung und Herzensveredlung. . Es ist vollkommen in den Verhältnissen des Mittelalters begründet, daß es sich fast ausschließlich der beschaulichen Richtung zuneigte. Wenn im Allgemeinen nicht die sittigende Bildung, sondern die rohe, ungezügelte Kraft vorherrscht, da ziehen sich edlere Naturen still in ihr innerstes Heiligthum zurück, dem Trotze ungebändigter Leidenschaft stellt sich die gebrochene Demüth gegenüber, Auch die heißblütigen Söhne der Wüste, die Arabex, die, rasch wie ihre Rosse einherstürmtznd, ihre Eroberungszüge in wilder Hast machten, sollten ihre übersprudelnde Kraft nach Innen drängen und die heiße Fiebergluth ihres Herzens abkühlen, in beschauliche Ruhe sich einwiegen, einen jeden Drang meistern, gezähmt und gefügig werden. Das ist der Inhalt der arabischen Ethik, die eben deshalb mystisch ist, ohne Unbegreifliches, voxzuschreiben, asketisch, ohne gerade die Selbstpeinigung zu befehlen. Auch das mittelalterliche Judenthum blieb nicht frei von dieser Einseitigkeit, und die häufigen Leiden, die es erdulden mußte, nährten die Resignation. Aber sowohl der unauslöschliche Karakter des Judenthums selbst, als gerade auch als die im Innern geweckte Reaktion gegen den Druck der Verhältnisse, drängte zum Emporringen und Beleben der Kraft. Das Wesen des Judentums ist die gesinnungsvolleThat. „Ein groß Ding ist es um das Erkennen und Lernen, denn es führt zur That", ist sein Wahlspruch; neben der Erkenntnis und der Hingebung an Gott ist ihm die Uebung der Liebespflichten die dritte Säule, aus der die Welt ruht, Nicht träumerisches Brüten, nicht schwächliches Sichaufgeben seiner selbst, nicht unnütze Selbstpeinigung erkennt es als Frömmigkeit, sondern die begeisterte Gesinnung, die zur That führt, das Aufgebot der eigenen Kraft, die Selbstveherrschung, die aber auch der erlaubten Gottesgabe sich freut und diese Freude als einen Dank gegen Gott sogar zur Pflicht erhebt. Liebe ist ihm nicht bloß ein Gefühl, nicht bloß verzärtelte Empsindelei, ein Verhätscheln der eigenen Schwäche, sondern thatkrästige Hingebung, und das Wohlwollen, das bei Gott erworben wird, ist mit dem, das wir bei den Menschen erlangen, aus gleicher Quelle stammend, fast gleichbedeutend. An wem Gott Wohlgefallen hat, den lieben auch die Menschen, und wen die Menschen lieben, an dem hat auch Gott Wohlgefallen. In dieser Richtung bestärkten auch die äußeren Leiden. Der Glückliche, der Mächtige kann sich seiner Macht entkleiden, er findet einen neuen Reiz in der Ruhe, in dem ungestörten Frieden, dem er sich hingibt; der Gebeugte bedarf der Anregung seiner Kraft, der Selbsterhebung, wenn er nicht ganz untergehn will, er muß sich dessen bewußt werden, daß die Kraft in ihm nicht ganz gebrochen ist. (Fortsetzung folgt.)