Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1918)
- Date
- 1918-03-15
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
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127 Lik kthischk Grundtagr des Luches über die tzrr?rnsp8ichten. Von Abraham Geiger. er nachfolgende Aufsatz meines Vaters ist am 3. Juni Tfc ' 1853 geschrieben und der damals erschienenen Uebersetzung von Bakudas Moralwerk „Chovoth Halwowoch" vorangestellt worden; er ist seitdem nicht wieder gedruckt. Er möge zur Empfehlung des vor kurzem erschienenen Neudrucks dieser Uebersetzung dienen, die folgenden Titel führt: „Das Buch der Pflichten des Herzens." Von Rabbi Bachja b. Joffes Bakuda. Ins Hebräische übertragen von dem Arzte Juda Tibbon. Ins Deutsche von Em. Baumgarten. Die dritte, vierte und fünfte Pforte der Näturbetrachtung, des Gottesdienstes und des Gottvertraüens. Mit einem Vorworte von Rabb. Dr. Selig Bamberger. Hamburg, Verlag von George Kramer, Hebräische Buchhandlung, 5678 —1918. Preis M. 3,60. Einleitung. Die ethische Grundlage des Buches über die Herzenspflichten. Das Buch über die „Herzenspflichten" war acht Jahrhunderte hindurch eine Quelle reicher Erbauung und des tiefen Seelenfriedens innerhalb der Judenheit, und wird auch fortan den Strom des in ihm ruhenden Segens über solche Gemüther ergießen, die sich gern in die Beobachtung ihres eigenen Innern vertiefen und sich nach höherer Befriedigung sehnen. Der Verfasser, Be chai (Bachja) benJof es Bakuda lebte gegen 1040. Dafür spricht schon sein Stillschweigen von Männern, die auf gleichem Gebiete arbeiteten und deren Arbeiten er sicherlich benützt haben würde, wenn sie ihm Vorgelegen hätten; besonders wäre seiner Aufmerksamkeit G a b i r o l, der bereits gegen 1045 schrieb, nicht entgangen, und dessen „Perlenauswahl", wie dessen Schrift „über die Veredlung der Seelen- Eigenschaften", wären ihm willkommene Hilfsmittel gewesen. Ein späterer Bearbeiter unseres Buches, desien Werk in neuester Zeit ausgesunden worden, bestimmt, wahrscheinlich nach einer ihm vorliegenden Handschrift, genau das Datum auf 1040. Bachja war Dajan in einer spanischen Stadt, die uns jedoch nicht näher bezeichnet wird, und schrieb, nach der damals unter den Juden herrschenden Sitte, sein Werk in arabischer Sprache, indem man sich des Hebräischen nur zu Dichtungen bediente. Der Einfluß seines Werkes aber blieb nicht lange auf die Juden der arabischen Zunge beschränkt; denn kurz nachdem es sein erstes Jahrhundert zurückgelegt, fühlten die Juden der Pro- . vence, die ihre wissenschaftliche Bildung der spanischen entlehnten, das Bedürfnis, das Werk sich anzueignen, und bald auch übertrugen zwei berühmte ProveiMlen, die aus Spanien stammten, Juda ben Saul Thibbon und Joses ben Isaak Kimchi, elfterer in Lüyel, letzterer in Narbonne wohnhaft, auf Anregung eines der angesehensten und gelehrtesten Männer der dortigen Gegend, des Meschullamben Jakob - und seiner Söhne gegen 1161 je eine Uebersetzung des BucheS in das rabbinisch-hebräische Idiom. In der Uebersetzung des erstern ist das Buch zu uns gelangt, und ist in vielen Ausgaben bearbeitet, erklärt und in die Landessprachen übersetzt, verbreitet worden. Das Buch der „Herzenspflichten" erwarb sich zu allen Zeiten durch das eigentümliche ihm ausgedrückte Gepräge eine Schaar treuer Freunde, und man vertraute sich diesem „Führer" — wie das Buch im Originale bezeichnet wird (pn& ’bs N'dNN — gern an. Bei allem Ernste der in ihm gestellten Anforderungen tritt'es doch liebevoll anregend aus. Schon die Darstellung, eine ächt arabische/ mildert den Ernst, ohne ihn zu verwischen, und ist anziehend. Die Fülle des klangreichen Wortes, das in der Uebersetzung selbst durchklingt, die edle und würdevolle Einfachheit, die Durchwebung mit sinnvollen Sprüchen, die durch ihre Kürze, oft durch ihre antithetische Form den Gedanken scharf hervortreten lassen, die sinnigen Gleichnisse, welche dem Gebiete Allen zugänglicher Vorgänge des inneren Gemütslebens entnommen sind, breiten einen mächtigen Reiz über das Buch aus, und machen es zu einer fesselnden Erscheinung. Und dieses schöne Gewand schließt sich einem edelgeformten, durchgeistigten Leibe an; die Innigkeit, mit der die Selbstbetrachtung angestellt wird, erwärmt, die Versenkung in den Reichthum des Seelenlebens und in die Wunder göttlicher Führung erzeugt einen idealen Schwung, der den aufmerksam folgenden Leser mit erhebt und ihn gleichfalls in die erhöhte Stimmung versetzt. Das Buch der „Herzenspflichten" enthält keine Sittenlehre in dem Sinne, welchen wir mit dem Worte verbinden, keine Anleitung zur rechten That, zum gerechten und liebevollen Verkehr mit den Menschen; es beabsichtigt vielmehr eine ernste Selbstbetrachtung, Weihe des Herzens, Reinigung desselben von aller Erdenlust, und dessen Erfüllung von alleiniger Sehnsucht nach Gott; es will das Herz zu einem, des sinnlichen Beiwerks entkleideten Tempel schmücken, damit Gott'in diese geweihten Räume einziehen könne, der lang ersehnte geliebte Herrscher in der ihm tzon der Liebe und der ehrfurchtsvollen Hingebung geschmückten heimathlichen Stätte seinen dauernden Sitz ausschlage. Die das Buch durchwehende Gesinnung ist eine schöne Mischung von arabischer Beschaulichkeit und jüdischer thatkräftiger Erhebung. Eine aufrichtige Selbstprüsung nämlich macht dem Menschen nach zwei verschiedenen Richtungen hin Offenbarungen über sein inneres Wesen und seine Beziehungen zu der ihn umgebenden Welt. Nach der einen Seite hin erkennt er sich als machtlos und in einem beständigen Kampfe mit eingeborenen Begierden, die ihn oft wirklich überwältigen, immer aber seine Reinheit bedrohen. Dieses Bewußtsein seiner körperlichen Hinfälligkeit, seiner kurzlebenden und kurzätmenden Kraft, von der er nichts Dauerndes, nichts Sicheres erwarten darf, während ihm Alles von Außen, von Oben gegeben, geliehen wird, und daher die Erkenntnis seiner Ohnmacht gegenüber den vorhergesehenen und noch mehr den nicht vorhergeahnten Ereignissen, das Bewußtsein seiner Kurzsichtigkeit, die den Schleier des Irdischen und noch mehr des Ueberirdischen nicht zu durchdringen vermag, das Eingeständnis, das er sich machen muß, von sinnlichen Trieben, niedrigen Leidenschaften durchwühlt zu werden, die Selbstschau, mit der er das im Hinterhalte lauernde, nur mühsam gebändigte Thier irdischer Selbstzucht in sich erblickt — führt ihn zur tiefsten Selbstdemüthigung, die ihn in seiner Nichtigkeit, als ein schwankes Rohr inmitten des großen, nach unerforschten und undurchdringlichen Gesetzen bewegten Ganzen erscheinen läßt. Aus der jammervollen Zerknirschung, in die ihn diese trübe Selbstbetrachtung zu versenken geeignet ist, und aus der daraus folgenden Selbstpeinigung erhebt ihn nur der befreiende Blick zu der Gnade eines liebevoll lenkenden Gottes, dem er mit allen seinen Kräften und Fähigkeiten unterthan ist, dem er sein ganzes Inneres weihen muß, dem er sich bei seiner eigenen Machtlosigkeit vertrauend hingeben muß und hingeben darf, für den er sich, um seiner unverdienten Güte würdig zu bleiben, reinigen, den ernsten Kampf mit dem Hange zur Sünde bestehen muß. Die Furcht dieser Hingebung ist die reine Beschaulichkeit. Die Thatkraft wendet sich völlig nach Innen zur Erfüllung des Geistes mit der Bewunderung Gottes, dem auch der Mensch Alles zu verdanken hat, ohne selbst irgend ein Verdienst ansprechen zu können, und zur Entleerung deS Herzens von jeder andern Sehnsucht als von der nach Gott. Der Mensch ist dann ein Gefäß, das sich jedes andern Inhalts entleert, um die Ausgießung der göttlichen Gnadenstrahlen voll in sich aufnehmen zu können; er ist der Knecht, der in banger Ehrfurcht keinem andern Gedanken Raum gibt, als dem verehrten Herrn, dem