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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-03-15 · Heft 11 (15.3.1918) · p. Seite 125

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 11 (15.3.1918)
Date
1918-03-15
Page
Seite 125 (sequence 5)
Language
German
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125 Der Vorstand des Zentralvererns hat geglaubt, diesen Scharfmachern entgegentr^ten und ihre Politik auch vom vaterländischen Standpunkt aus für einen Fehler erachten zu muffen. Auch unsere Reichsregierung konnte den jüdischen Zionisten ' entgegenkommen, ohne die Türkei zu schwächen, sie konnte und mußte den Engländern den Judenwind aus den Segeln nehmen und doch dabei Interessen verfolgen, die den Mittelmächten in ihrer Balkanpolitik förderlich sind. Das Deutsche Reich durste den Engländern das Prestige alleiniger Judensreundlichkeit nicht lassen. Eine jüdische Palästinatolonisation könnte die Türkei kräftigen, weil sie ihr Menschen und Wirtschaftskräfte schafft, und brauchte ihr keinen politischen Schaden zuzusügen, wenn die jüdischen Kolonisten nur eine kulturelle Autonomie, nicht eine nationale erhielten, den Gedanken des-Judenstaates aufgeben und getreue Staatsbürger des osmanischen Reiches bleiben wollen. Das Deutsche Reich tat nach unserer Auffassung gut, die Engländer in ihrem Juvensang zu stören, wenn es im Einverständnis mit der Türkei sich zur Förderung des Kolonisationsgedankens bekannte unter der ausdrücklich erklärten Voraussetzung, daß die Zionisten keine Staatsaspirationen haben und daß die Türkei jeder nationalen Staatsaspiration entgegentreten würde. Eine solche Erklärung erschien uns vom deutsch-vaterländischen Standpunkt zweckmäßig; fehlte sie, so würden nicht bloß unsere Ostjuden, sondern auch die Juden der neutralen Länder lediglich in England und in der Entente die Beschützer der Judenheit erblickt haben. Sie würden den Mittelmächten entfremdet worden sein, und das würde im letzten Grunde der Türkei selbst dann schaden, wenn es ihr gelingt/ ihren Besitz ungeschmälert zu erhalten. Die amerikanischen, holländischen usw. und vor allem die im Orient sitzenden Juden würden immer nach England schielen, wenn England allein als der Hort der Judenheit gälte, und das würde Zwiespalt, Verwirrung und Schwächung in der Türkei erzeugen. Auch hier war es nicht leicht, unseren Standpunkt durchzusetzen und unsere leitenden Kreise davon zu überzeugen, daß in der Palästinafrage sich unschwer eine Synthese zwischen deutschen, türkischen und jüdischen Interessen finden lasse, daß das Problem nicht schon mit der Wiedereroberung Palästinas gelöst sei, sondern dann erst beginne. Aus den Zeitungen sind die freundlichen Erklärungen Nessymi. Beis und Talaat Paschas bekanntgeworden, denen dann die Erklärung ' des stellvertretenden Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Freiherrn von dem Bussche-Haddenhausen nachgefolgt ist. Hierdurch ist eine glückliche Synthese zwischen deutschen, jüdischen und vaterländischen Interessen herbeigeführt, die wir insbesondere im Interesse des Vaterlandes freudig begrüßen. Den Engländern ist damit der Judensang gelegt, der Judenwind aus den Segeln genommen und das Prestige, die alleinigen Beschützer der Judenheit zu sein, genommen. Herr Dr. Bruno Lange setzt in der „Magdeburgischen Zeitung" seine Polemik gegen den Zionismus oder den jüdischen Nationalismus fort. Er legt dar, daß die Juden nur von der Idee Gottes erfüllt waren, daß sie nach dem Exil nur eine geschlossene Glaubenssamilie darstellen, und schließt seine Ausführungen mit folgenden Sätzen: Was die Rückkehr aus dem Babylonischen Exil für die Juden erstrebenswert machte, war nicht Unterdrückung im fremden Lande, nicht Trauer über den nationalen Zusammenbruch, sondern religiöse Sehnsucht nach Wiedererrichtung des Tempels und des Kultus, der unlöslich mit der heiligen Stätte verknüpft war. Das Werk Esras und besonders Nehemias war die Sicherung des Tempels und die Festigung der religiösen Sitte und Lebensweisheit, die durch den zerstörenden Einfluß des Hellenismus, seiner Genußsucht und sittlichen Verderbtheit in ihrem Bestände gefährdet war. Und während über die Kolonisten Palästinas bereits eine weitausgedehnte Diaspora ihre volksauflösenden Wellen trieb, war es der Tempel allein, der das bis dahin nicht wahrgenommene Schauspiel bot, daß Menschen, die nach Sprache, Lebensanschauung und Sitte dem Mutterlande durch die Einwirkung der Fremde weit entrückt waren, über die verschiedensten Länder hinweg durch daS straffe religiöse Band geeint blieben und jeder Glaubensentfremdung mit Entschiedenheit widerstrebten. So unterläßt es Mommsen nicht zu sagen: „Auch in der antiken Welt war das Judentum ein wirksames Ferment des Kosmopolitismus und insofern ein berechtigtes Mitglied des eäsarischen Staates." So stark und eindringlich nahmen sich die religiösen Ideen der nach Auflösung ihrer Nation über die Mittelmeerländer zerstrellten Juden aus, daß sie die polytheistischen Vorstellungen der antiken Welt von Grund auf zersetzten und die jüdische „e0N8Uvtuäo" nach dem Worte Senecas „per omnes iarn terras recepta" wurde. Auch Mommsen scheute sich nicht, diese Tatsache zu registrieren, und führte aus, „daß zahlreiche Personen/besonders der gebildeten Stände, in der einfacheren und reineren, der Vielgötterei und dem Bilderdienst absagenden, jüdischen Lehre Zuflucht fanden". Da eben das Judentum der Diaspora, ausgenommen einige wenige nationale Schwärmer, das nationale Sein nicht als sein Wesentliches erachtete, sondern aufging im Streben nach Erweiterung und Vertiefung des Gottesreiches, fürchteten Celsus und andere Partisanen für die Festigkeit des römischen Reiches durch den Einfluß des Judentums, denn kein Moment war vorhanden, das der Staatsidee hätte substituiert werden können. Der jüdische Typus jener Zeit ist der religiös-ethische Philosoph Philo, dem im Mittelalter Maimonides und in der neueren Zeit Mendelssohn im Hinblick aus die Wertung des religiösen Prinzips nahestehen. Jene drei Gestalten umrahmen drei Geschichtsepochen, die in ihrer Gesamtheit, sofern wir das bluttriefende Band mitleidloser Knechtung loslösen, Geistesgeschichte und religiös gefärbte Kulturgeschichte darstellen, nicht aber Nationalgeschichte. Wie das Spezifikum des jüdischen Daseins in der Gottesidee und ihrer Bestrahlung der inneren und äußeren Lebensform sich präsentiert, so haben die Juden ohne eigene oder fremde Kritik bis zum Auftreten der nationalzionistischen Schwärmerei je nach ihrem Wohnsitze und ihrer Staatsangehörigkeit ein nationalerhaltendes Element gebildet und werden die schönsten Worte und Versprechungen nicht imstande sein, bezeugte innerste Besitztümer von Jahrtausenden jählings aus dem Kasein zu verdrängen. Wie jene drei Männer als Säulen der Kulturgeschichte in den einzelnen Zeitaltern, glänzen, so auch bilden sie die unverrückbaren Zeugen des Judentums als der ältesten und erfahrensten Gemeinde Gottes. Sollte das Nationaljudentum etwa an den Enkeln strafen wollen, was es an den Großvätern mit uns rühmen lernte? Es hätte zu weit geführt, die Begründung der antinationalistischen Idee im Judentum durch weitläufige Zitate zu belegen. Denjenigen, deren Interesse über diesen Aufsatz hinausreicht, will ich sie gern an einem anderen Orte namhaft machen. Wie aber auch immer die diplomatische Spekulation der Nationalzionisten. beschaffen ist, ihre Einwirkung aus die breiten Massen der deutschen Juden wird untergraben bleiben, solange sie unbestreitbare Erweisungen außer acht lassen und der patriotischen Gesinnung einen Zweifel zutragen Da es ihnen nicht gelingen wird, den Anschluß an das eigentliche Judentum zu finden, sollten sie es unterlassen, die deutsche Bürgerschaft zu perturbieren und warten lernen, bis das Kuckucksei im Neste der internationalen Politik allen Augen erkennbar das Monstrum entläßt, das es zu bergen scheint. * Eine verheißungsvolle, wenn auch gedämpfte Friedensbetrachtung enthält der im „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" veröffentlichte letzte Bericht des Feldrabbiners Dr. Baeck. Wie wünschen dem vortrefflichen. Mann, daß er nun bald seiner Friedensarbeit wiedergegeben werde und zum Heile seiner Gemeinde wirken möge. Mein Bericht, der ja beinahe drei Monate alt und also lange vor demwirklich mit Rußland geschloffenen Frieden geschrieben worden ist, lautet: Den 20. Dezember 1917. Im vergangenen Monat klangen hier im Osten die ersten bestimmten Friedenslaute verheißend zu unseren Gottesdiensten hin; jedem stand der Gedanke nahe, daß eine Brücke zu neuem Gestade geschlagen werde. Auch in den vergangenen Jahren des Krieges, vom ersten bis zu diesem vierten hin, hatte die Hoffnung auf das Nahen des Friedens sö manches Mal an unsere Seelen angepocht, und im Hoffen hatten wir alle von ihm zu träumen begonnen. Wir hatten darüber gesonnen, wie sein Kommen an unsere Herzen dringen würde, wie ein Jauchzen und Jubeln durch die Gemüter klingen werde bei dem ersten Ton, der seinen Einzug verkünden wolle. Die Träume unseres Lebens können ganz ebenso viel bedeuten, vielleicht oft noch mehr, als seine Wirklichkeit; sie bleiben ein Stück unseres Lebens, unserer Jugend und unserer Frische, auch wenn dann die Tatsächlichkeit, die uns eines Tages umgibt, sö anders, so viel

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