Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1918)
- Date
- 1918-03-15
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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124 In O e st erreich regt sich der Antisemitismus von neuem. Dies geht aus folgender Notiz hervor: Das „Jüdische Preffebureau" in Stockholm berichtet: Anläßlich der polnischen Demonstrationen gegen die Zuerkennung des Cholmer Kreises an die Mraina durch die Zenträlmächte kam eS in verschiedenen Städten Galiziens zu judenseindlichen Ausschreitungen des Pöbels. In Krakau, Lemberg, Rzefzow und anderen Städten wurden in jüdischen Häusern die Fenster eingeschlagen und jüdische Bürger in den Straßen tätlich angegriffen. In Lemberg wurden gegen die Juden aufreizende Flugzettel in den Gaffen, in den Aemtern und Schulen verteilt. An den Exzessen nahm die polnische Studentenschaft einen hervorragenden Anteil. Die Behörden schritten gegen diese Aufhetzung des Pöbels gegen die jüdische Bevölkerung nicht ein. Die gesamte jüdische Presse. Oesterreichs legt gegen diese Vorgänge feierlichen Protest ein und verlangt von der Regierung energische Maßnahmen zum Schutze der jüdischen Bevölkerung. Freudig ist zu begrüßen, daß dem Elend der galizischen Juden tatkräftig gesteuert wird. Darüber entnehmen wir der „Neuen Freien Presse" nachstehendes: Eine Aktion für die Kinder Galiziens. Generalversammlung deS Vereines zur Rettung verwahrloster jüdischer Kinder Galiziens und der B u k ow i n a. Unter sehr reger Beteiligung von Abordnungen der israelitischen Kultusgemeinde, der Alliance Jsra^lite, der angesehensten humanitären und Kriegsfürsorgevereine fand kürzlich die zweite Generalversammlung des Vereines zur Rettung verwahrloster jüdischer Kinder Galiziens und der Bukowina statt. An derselben nahmen teil in Vertretung des Mnisterrmns für soziale Fürsorge der Vorstand des Kriegshilssbureaus Hofrat Dr. Eduard Prinz von und zu Liechtenstein, für das Ministerium für Galizien Hofrat Neumann, die ReichsratAabgeordneten Dr. v. Löwenstein und Kolischer und für die Sektion Lemberg Dr. Parnaß. ' Der Präsident Dr. Eduard Kohn schilderte in der Eröffnungsansprache die traurige Lage der jüdischen Bevölkerung Galiziens. Der . staatliche Unterhaltsbeitvag für eäre Kriegerwaise von 1 Krone 50 Heller reiche nicht aus, um die Bedürfnisse zu befriedigen, es seien mindestens 2 Kronen erforderlich, damit der Verein seine Aufgabe erfüllen, könne. Die Schwierigkeiten, die verlassenen Kinder unterzubringen, seien nur dann zu überwinden, wenn der Verein, der auch bereitwilligst sich der armen Kinder anderer Konfessionen angenommen hat, von seinen Gönnern und edlen Menschenfreunden unterstützt werde. In dem Tätigkeitsberichte wird hervorgehoben, daß der Verein in zwanzig neuen Anstalten 1200 Kinder untergebracht hat. Die größten befinden sich in Lemberg, Przemyfl, Sambor, Tarnow, Jaroslau, Stanislau, Kolonien, Tarnopol, Krakau und Ernsdorf bei Bielitz. Die Leitung und Verpflegung ist eine mustergültige. Die von der Regierung für diese Zwecke gewidmete Subvention von 450 000 Kronen reicht bei weitem nicht auS, das grenzenlose Elend der Krieger- und Flüchtlingswaisen aus der Welt zu schaffen. Bei Familien sind 5000 Kinder untergebracht.' Für diese betrage der staatliche Zuschuß 300 000 Kronen. In einer längeren mit lebhaftem Beifall aufgenommenen' Ansprache würdigte Hofvat Dr. Eduard Prinz von und zu Liechtenstein die außerordentlich verdienstvolle Tätigkeit des Vereins und zollte namentlich der Werbetätigkeit und wirtschaftlichen Betätigung des Herrn Dr. Ludwig Gelber und feiner Gemahlin, der Vizepräsidentin Lisette Gelber, ehrendste Anerkennung. Er teilte mit, daß Aussicht vorhanden sei, die Jakob Hermannsche Stiftung zu Lemberg bald ins Leben zu rufen, welche es ermöglichen soll, in vier Häusern in Lemberg etwa die Kinder zur Hälfte jüdischer, zur Hälfte christlicher Konfession zu vereinigen. Für die Erreichung dieses Zweckes wurden vom Kriegshilfsbureau 50 000 Kronen zugesagt; der durch Adaptierung und Investition noch fehlende Beitrag wird baldigst aufgebracht werden. „Wenn, meine Verehrten, eine gewisse nationale Ueberempfindlichkeit, über die ich nicht richten will, weil ich die Gefühle eines in einer langen Leidensgeschichte vielgeprüften Volkes mit empfinde und seine Enttäuschung würdige, in Galizien, vielleicht gegenwärtig auch Erscheinungen zeitigt, die wir mit Kopfschütteln beobachten und in denen wir eine schwere Gefährdung nicht nur des Ansehens und der Macht unseres Vaterlandes, sondern vielleicht auch des Sieges des Friedensgedankens erblicken, so wollen wir doch das Werk der Nächstenliebe und der Kultur, das wir aus dem Boden der gemeinsam eingeleiteten Hilfsaktion für galizische Kinder aller Kdnsesfionen begonnen habennicht etwa für beendet halten." - - Ueber Oesterreich geben wir ferner einen ArtikÄ Die Behandlung der jüdischen Sprache in Oesterreich.. Das „Jüdische Pressebureau" in Stockholm berichtet: Anläßlich der Interpellation Straucher Und Genoffen an die österreichische Regierung betreffs Aufhebung des aus dem Jahre 1814 stammenden Verbots der jüdischen Sprache in Dokumenten teiltdie jüdische Presse Oesterreichs unerhörte Einzelheiten betreffs der Behandlung der jüdischen Sprache durch die österreichische Verwaltung mit: Bekanntlich wurde während des Krieges ein Verbot der Benutzung der jüdischen Sprache und Schrift in Briefen, die der Zensur unterliegen, erlassen. Trotz mehrfacher Proteste der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit ist dieses Verbot bis zum heutigen Tage nicht aufgehoben worden. Vielfach erlauben sich untergeordnete Organe auch in denjenigen Orten, in welchen der Briefverkehr nach dem Innern Oesterreichs der Zensur nicht unterliegt, jüdisch geschriebene Briefe von der Beförderung auszuschließen. Die jüdischen Soldaten und deren Familien, die keine andere Sprache beherrschen, sind der Möglichkeit beraubt, miteinander in brieflichem Verkehr zu stehen. Die jüdische Presse protestiert gegen diese Kulturschande, durch welche eine Million Juden ihres primitivsten Rechtes beraubt wird. * Hefter Rumänien schreibt eine Berliner Zeitung: Warschau, 1. März. Die Warschauer Zeitungen „Hajnt", „Moment" und „Jüdisches Wort" vom 25. Februar bringen eine jüdische Proteststimme gegen eine Vereinigung Beßarabiens mit Rumänien. Rumänien habe trotz aller Versuche von außen niemals die Bestimmungen des Berliner Vertrages über die Gleichberechtigung der Juden durchgesührt, sondern die Juden zu absoluter Rechtlosigkeit verurteilt. Jetzt sollten sich alle Juden an die Zentralmächte wenden, damit bei einem zweiten Ausbau Rumäniens dieses himmelschreiende Unrecht beseitigt werde. Es sollte unter den Friedensbedingungen die sofortige und vollständige Gleichberechtigung der Juden gefordert werden. Dies sei die Genugtuung, die die Zentralmächte für die schweren Blutopfer, die die Juden gebracht haben, gewähren können. Es ist dringend zu wünschen, daß dieser Notschrei nicht ungehört verhallt. Aber es ist wohl, wie schon oben angedeutet, wahrscheinlich, daß bei den Friedensverhandlungen die Frage berührt und in einer Weise behandelt werden wird, daß die Gerechtigkeit endlich den Juden zuteil wird. ■ * Die Palästinafraa e steht nach wie vor im Vordergründe. In der Monatsschrift des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens „Im Deutschen Reich" schreibt der Vorsitzende des Vereins, Herr Geheimer Justizrat Dr. Eugen Fuchs, unter anderem: Durch einen sehr geschickten Schachzug haben die Engländer zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Sie haben sich als Protektoren und Befreier des Judentums ausgespielt, das zionistische Heirnstättenprogramm durch unentgeltliches Wohlwollen unterstützt und dadurch versucht, die Türkei zu spalten und zu schwächen. England liegt natürlich nichts am Judentum, sondern es benutzt es nur als Mittel zum Zweck, um über Palästina seine die Juden schützende und die Türkei schwächende Hand zu halten. Es kam darauf an, diesen . Schachzug so zu parieren, daß er, ohne die Türkei zu schädigen, die neutralen und nicht gerade englischen zionistischen Juden aus den Armen der Engländer trieb. Die zionistischen Blätter Deutschlands haben fast durchweg diesen englischen Lisbeswerbungen gegenüber eine vom vaterländischen Standpunkt aus nicht zu beanstandende Politik verfolgt. Sie haben die Judenfreundschaft Englands akzeptiert, aber kurz und bündig erklärt, daß die Juden als solche neutral und daß die türkischen Juden getreue türkische Staatsbürger bleiben, in den Streit der Nationen nicht eintreten wollten, die. türkische Herrschaft anerkennen und Aspirationen auf Schaffung eines Judenstaütes in Palästina nicht haben. Eine Reihe von deutsch-nativn-alen Juden wollte den Vorstand dazu bringen, eine Erklärung gegen die Zionisten vom Stapel zu lasten, durch welche wir in aller Form-dem Palästinaprogramm der Zionisten energisch entgegentreten sollen.