Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1918)
- Date
- 1918-03-15
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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128 lvM Bedanken, daß unser Dasein nutzlos und überflüssig sei. Sieist auch auf dem sittlichen Gebiete der W e g i n d i e F v^ih e i t. Und mit diesem Gedanken schließt auch Hiob die herrliche EWüÜung seiner "Sorge, -und seiner inneren Not. Eben noch hatte er es ausgesprochen, daß uns Menschen die Weisheit unerreichbar ist. „Nur Gott weiß den Weg, der zu ihr führt, und nur er kennt ihre Stätte." Dann aber schließt er ruhig und zuversichtlich ab: „Aber zum Menschen sprach er: Steh e, Gottesfurcht, das ist-Weisheit, und vom Bösen weichen Einsicht:" Berlin, 12. März 1918. ^Verhandlungen mit Rumänien nehmen den erwünschten FortggM; für unß ist die Nachricht besonders wichtig und erfreulich, 'daß Graf Czernin die Judensrage ,bei den Friedensverhandlungen witzubehandeln entschloffen ist. Die japanische Intervention in Sibirien ist verschoben, Argentinien bewahrt seine Neutralität. Die U-Boot-Ersolge sind in der Berichtswoche besonders groß gewesen. Auch haben wirkungsvolle Luftangriffe auf London, Paris und Venedig stattgefunden. Von: eigentlichen Kriegshandlungen ist nicht viel zu melden. Nur einzelne Erkundungsvorstöße, die für uns glücklich waren, sind erfolgt. Der Anfang einer großen Offensive ist dagegen bisher nicht eingetreten; in einigen Zeitungen wird berichtet, daß Präsident Pörncar4 eine solche. seitens der französischen Truppen verlange, daß aber der Oberbefehlshaber Petain einer solchen widerstrebe. Manche Politiker wollen als Grund des Aufschubs des gewaltigsten Ringens, das allgemein als Schluß des furchtbaren Völkermordens aufgefaßt wird, Friedensverhandlungen ansehen, die imi Werke seien; wir Verhalten uns solcher Meinung gegenüber skeptisch, weil wir glauben, daß kein Friedensvermittler vorhanden und daß noch keine Basis gefunden worden ist, aus der solche Verhandlungen eingeleitet werden können. Alle Welt würde einen solchen Abschluß sreudigst begrüßen; es ist die höchste Zeit, 'daß die Menschheit zu gesegneter Friedensarbeit zurückkehre.? * lieber die Verhältnisse der Iuden in Deutschland ist verschiedenes zu berichten. Zunächst entnehmen wir der Zeitschrift „Im Deutschen Reich" folgende Ausführung: Antisemitische Vorstöße im hessischen Landtag. Am 26. Oktober 1917 wurden im hessischen Landtag von Bauernbündlern unter Mißachtung des Burgfriedens Angriffe gegen Juden aerichttt. die wir in einer Brieskastennotiz des Novenrberheftes bereits gestreift haben. Inzwischen sind wir in den Besitz des amtlichen Verhandlung,sberichtes gelangt, und wir können gründlicher darauf eingehen. . Der Abg. Bähr hat in jener Sitzung darüber Beschwerde geführt, daß anläßlich der Erhöhung der Fleischration, als nicht genügend Vieh geliefert wurde, die ViehkommMionäre in die Ställe gegangen seien und auch hochträchtiges Rindvieh weggeführt haben. Cr wiederholte hierbei die Worte eines Abgeordneten vom Tage zuvor, daß diese Herren besser inden Schützengräben aufgehoben, daß sie aber zum sogenannten Wohl des Landes reklamiert seien. Die sachlichen Angaben wollen wir ohne nähere Untersuchung als richtig voraussetzen, obgleich aus dm Wunsch eines Regierungsvertreters, ihm diejenigen Ställe, in denen hochträchtiges Vieh zur Schlachtung weggesührt worden sei, anzugeben, Herr Bähr erwiderte, das sei etwas umständlich, die Regierung solle sich von den Schlachthöfen in Hessen die Nachweise einfordern. Äuch in anderen deutschen Bundesstaaten wurde ja von agrarischer Seite nicht nur über die starke Abschlachtung des Viehs, sondern auch darüber geklagt, daß trächtige Rinder geholt wurden. . Daß in Hessen die Viehkomnüssionäre im wesentlichen Juden.sind, hat seinen -natürlichen Grund darin, daß dort seit lcmgem der Viehhandel hauptsächlich in den Händen der Inden liegt. Anderseits aber ist bekannt, daß in anderen Bundesstaaten auch die -christlichen Viehkommissionäre unter dem Zwangder Verhältnisse trächtiges Vieh zum Schlachten geholt haben und daß auch sie reklamiert sind. Don hem antisemitischen.Vorstoß bleibt somit nur ein flagranter Bruch des Burgfriedens übrig, in einer Landtagssitzung, in der — das vervollständigt das Bild — lebhafte Klagen über die teuren K a r t o f f e l p r e i s e und über die Anr eizpoli tik der Lan-dw irte erhoben worden sind. Ferner brachte der Abg. Dorsch einen Fall vor, wonach das Militär-Erfatzmagazin in Frankfurt a. M. ein Angebot der christlichen SPiri tu sinteressent-en in Gießen auf Lieferung von 65 000 Liter Kümmelbranntioein abgelehnt habe unter Hinweis auf Wagen« Mangel und Kohlenersparrns bei der Eisenbahn; aber zugleich habe eine jüdische Firma in Gießest einen Auftrag von 150000 Liter Branntwein erhalten, deren beide Inhaber wegen Heereslieferung dauernd vom Heeresdienste befreit seien; jene 150 000 Liter seien ebenfalls von einer jüdischen Firma geliefert worden. Wenn das so -weiter gehe, dann werde nach Beendigung des Krieges der größte Teil der Milliarden, „die wir aufgebracht haben", in Jndenhänden sein. Dieser Angriff richtet sich ja weniger gegen die Juden als gegen die Militärbehörde, und die hessische Regierung hat die Untersuchung der Angelegenheit versprochen. Abg. Adelung hat jedoch Herrn Dorsch in jener Sitzung erwidert, wenn Herr Dorsch in -den Kreisen Umschau halte, die ihm nahestehen, dann werde er „in bezug auf den Milliardensegen auch seine Beobachtungen machen können"; vielleicht werde er dann auch Aufklärung über die Zahl der Befreiungen vom Militärdicnst, die dort, erfolgten, erhalten können. Darauf trat Herr Dorsch einen kleinen. Rückzug an und sagte wörtlich: „Ich gebe gern zu-, daß auch Christen befreit sind, um mich nicht in den Geruch zu setzen, daß ich nur gegen die Juden vorgehe." Also auch hier ein ebenso rücksichtsloser wie einseitiger antisemitischer Vorstoß, der. wie schon, angedeutet wurde, einen besonderen- Beigeschmack dadurch erhielt, daß in derselben Sitzung den Landwirten vorgerechnet wurde, welche ungeheueren Gewinne sie. mit den Lebensmitteln gemacht haben. Wir haben diesen Fall etwas näher beleuchtet, nicht weil er etwa interessanter, ist als viele andere — wir glauben auch kaum, daß Abgeordneter Bähr. irgendwelche Bedeutung in Hessen hat —, sondern weil wir hier im kleinen -ein Spiegelbild -dessen haben, was im großen so häufig zu beobachten ist. Von den Kriegsgewinnlern, zu denen ja nicht nur die Schwerindustrie gehört, von allen, die kein reines Gewissen haben, wird krampfhaft versucht, Schläge gegen die Juden zu führen, um die Aufmerksamkeit abzulenken. In den Parlamenten treten sie noch einigermaßen zahm auf, weil ihnen auf der Stelle mit unangenehmen Enthüllungen -geantwortet werden kann, sie treten sogar Rückzüge an, aber draußen in der Presse, in Versammlungen, in dev Hausagitation wird Haß gegen die Juden als Verteurer. und Drückeberger geschürt. Und sind doch selbst der Sünde blost * Sodann ist aus Baden nach der „Norddeutschen All-, gemeinen Zeitung" nachstehendes zu melden: Auch im Großherzogtum Baden beschäftigten sich die Regierung und die gesetzgebenden Körperschaften, wie bereits kurz gemeldet, mit der Frage der Reform der Ersten Kammer. Es liegen drei Anträge vor, von denen diejenigen des Zentrums und der Nationalliberalen eine Verstärkung der Ersten Kammer um je einen Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirche verlangen, wogegen von sozialdemokratischer Seite für den Fall der Annahme der vorerwähnten Anträge auch eine Vertretung der Israeliten und der Altkatholiken in der Ersten Kammer verlangt wird.— Diese Anträge kamen am Donnerstag in der Verfassungskommission der Zweiten Kammer zur Verhandlung. Wie aus Karlsruhe geschrieben wird, wandte sich in der Aussprache ein Vertreter der Sozialdemokratie gegen eine Verstärkung der kirchlichen Vertretung überhaupt. Aehnlich äußerte sich ein Vertreter der Fortschvittspartei. Der Vertreter der Regierung behielt sich die endgültige Stellungnahme noch vor. Die Abstimmung wurde zurückgestellt. *