Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1918)
- Date
- 1918-03-15
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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122 langen Lebens voller Studium das überraschende Geständnis, jetzt glaube er Latein zu können, aber Griechisch verstehe er immer noch nicht recht, - Und je mehr wir' wissen, desto mehr merken wir auch, wie fragwürdig, wie unsicher vieles ist, was als unbestreitbares Ergebnis der Wissenschaft gepriesen wird. Man braucht nur auf irgendeinem Gebiete der Forschung ein -Handbuch zu nehmen, das vor fünfzig Jahren den neuesten Stand der Erkenntnis, ihre „feststehenden Ergebnisse", darstellte. Wie vieles davon gilt noch? Dlirch unerwartete Ereignisse kann das stolze Gebäude rasch umgeworfen werden, an dem ganze Generationen von Gelehrten gebaut haben. Das war z. B. in diesem Kriege das Schicksal vieler nationalökonomischer Theorien, die im Frieden aufgestellt und ausgebaut worden waren. Die Wissenschaft altert also womöglich noch schneller als der Mensch. Freilich kann sie sich, anders als wir, leicht wieder verjüngen. Vor allem aber tappen wir bei aller Wissenschaft wie blind vor den großen und wahrhaft e n t s ch e i d enden F r agen unseres Lebens. Was ist der Sinn und das Ziel unseres kleinen Daseins und des großen Schicksals, das uns erfaßt? Welche Bestimmung hat dieser Krieg? Woher schöpfen wir in so vielen Nöten, in Krankheit, unter Mißgeschicken Geduld, Mut und neue Zuversicht? Wie ertragen wir die rätselhasten, grausamen Zufälle, die, im Kriege noch mehr als im Frieden, dom einen das Seine lassen und mehren, während sie dem anderen alles nehmen? Wie geben wir unserem vergänglichen Leben einen dauernden Wert? Was sollen wir tun und was sollen wir lassen? Unsicher, oft ratlos stehen wir vor diesen Problemen und können doch nur das demütige Wort unserer Gebete bestätigen, daß vor Gott alle Helden ein Nichts sind und die Berühmtesten wie nie gewesen, die Weisen wie ohne Einsicht und die Verständigen wie ohne Vernunft. Diese Erkenntnis unseres Schicksals und unserer Bestimmung, unseres Weges und unserer Berufung wird in der Sprache unserer alten Seher und Dichter Weisheit genannt, zum Unterschied von der gewöhnlichen Klugheit und von dem bloßen Wissen. Das Wissen erwerben wir uns leicht, die Weisheit nur schwer. Deshalb hegt unser Geschlecht im tiefften Herzen das Verlangen nach dieser fernen Weisheit. Der gleiche Hiob, der eben noch so stolz die Größe des Menschen und seine herrlichen Triumphe gepriesen hatte, gerät darum unwillkürlich in ein sehnsüchtiges Verlangen nach ihr. „Die Weisheit aber, wo wird sie gefunden und wo ist die Stätte der Vernunft? Kein Mensch kennt ihren Weg. und im Lande des Lebens wird sie nicht gefunden. Der Abgrund spricht, sie ist nicht in mir, und das Meer sagt, sie ist nicht bei mir. Verborgen ist sie dem Auge alles Lebenden und entrückt vor den Vögeln des Himmels. Abgrund und Tod sprechen, wir hörten nur von ihr." Und so kommt er denn zu deiner bitteren Erkenntnis, zu dem schweren Verzicht: „Gott allein kennt den Weg zu ihr, und nur er weiß ihre Stätte." So verzagen viele an einer Lösung der Rätsel des Daseins. In dem Leben, das nunmehr sinnlos und finster erscheint, suchen sie sich einen Halt und wollen sie Stütze, und Freude finden. Am nächsten liegt die Arbeit, diese wahre Quelle des Glücks. Sie ist für trübe und verzweifelte Menschen der große Tröster. Ein Gefangener war in einem elenden finsteren Loche ohne Licht und Lust eingekerkevt und sollte dort verkommen. Aber sein erfinderischer Geist wehrte sich gegen fein furchtbares .Schicksal und fand auch glücklich einen Ausweg in dieser schweren Not. Er hatte noch einige Stecknadeln bei sich. Diese warf er weg und suchte sie dann wieder mühselig in der tiefen Dunkelheit, die ihn umgab. Diese Spannung des Suchens, diese Freude des Findens hielt ihn denn - auch aufrecht bis zu dem Tage der endlichen Erlösung, sie rettete ihn vorhAn Wahnsinn. „Hier sehen Sie meine Stecknadeln", sagte der große Gelehrte, der mir diese Geschichteierzählte, und deutete dabei auf seine Studien und Manuskripte. Weniger traurignennt -der Psalm unser Lekchn köstlich, wenn es Mühe und Arbeit gewesen, upd mit ernster Fröhlichkeit mahnt Koheleth, nachdenr .er alle Eisienschast erforscht und nirgends Befriedigung erreicht, nachdem er den Weg zum Glück überall gesucht und nirgends gefunden hat, es gäbe n ichts Besseres-, als fröhlich zu sein bei der Arbeit- Das wird wohl auch zutreffen und ist von den größten Künstlern deK Lebens bestätigt worden. Einer von diesen, Werner S.i e m e n s, - beruft sich am Schluffe seiner schönen Lebenserinnerungen auf das eben angeführte Psalmwort und saßt alle seine Weisheit in dem gewichtigen Worte zusammen, sein Leben fei schön gewesen, weil es wesentlich erfolgreiche Mühe und nützliche Arbeit gewesen sei, und wenn er schließlich -er- Trauer darüber Ausdruck gebe, daß es seinem Ende entgegengehe, so bewege ihn dazu der Schmerz, daß er von seinen Lieben scheiden müsse und daß es ihm nicht vergönnt sei, an der Entwicklung des naturwissenschaftlichen Zeitalters ersvlgreich weiterzuarbeiten. Und dennoch gibt es einen Weg, der noch mehr beglückt als die Arbeit im Beruf. Das ist die Fürsorge für a n d e r e. Wie sie das Herz erfreut und die Seele erheitert, das fft eins der wahrhaften Wunder Gottes. Wer so recht mißmutig und verzagt, verärgert und trostlos ist, der versuche es mit einer solchen Arbeit, an der er mit seinem Vorteil, mit feinen Interessen nicht im mindesten beteiligt ist. Er besuche Kranke und gehe in das Haus zu armen Leuten, er mache Gänge für Verlassene, deren sich sonst keiner annimmt, er stelle sich in den Dienst einer Anstalt zur Linderung der vielgestaltigen Not, er höre geduldig die Klagen bedrückter Leute an und ertrage ruhig ihren Unmut, er bleibe ruhig und freundlich, auch wenn sie ihn lange in Anspruch nehmen. Bald wird er es spüren, wie das Dunkel in der Seele sich aufhellt, und wie die Unzufriedenheit mit -dem eigenen Ich und mit seinen Unvollkommenheiten schwindet. Seltsam! Je unangenehmer diese freiwillig übernommenen Pflichten sind, desto größer ist die innere Befreiung, die sie herbeiführen. Unser Religionsgesetz verpflichtet darum den Armen, der Almosen empfängt, selber wieder Almosen zu geben. Auch er soll diese innerliche, seelische Entlastung empfinden. So erklärt sich auch das rätselhafte Glück, die unbeschreiliche erlösende Befriedigung, die die ganz freiwillige, stille und selbstverständliche „Keduschah" bereitet, die in anderen Kreisen als „Aszese" bezeichnet wird. In einer solchen Wirksamkeit hatte auch Hiob in besseren Tagen sein Glück gefunden.- Damals war er „das Auge des Blinden, der Fuß des Lahmen, der Vater des Armen". So lebend, so wirkend hatte sein Leben seine Freude und seine Seele ihren Frieden gefunden. Nicht in Gedanken, nicht in der Theorie, nicht in der philosophischen, noch nicht einmal in der religiösen Spekulation liegt die Lösung für die Rätsel des Lebens und für die Probleme des Schicksals. Dieser Gedanke fft ein Lebensnerv des Judentums. Wohl baut es sich auf auf der Thora, das heißt auf der Lehre, aber es nennt sie den Baum des Lebens. Und wenn diese Thora selber den „Weg des Ewigen" beschreibt, den der Mensch gehen soll, nennt sie ihn: Wohltun und Recht üben. Die Lehre oder, wie man in anderen Religionen sagt, das Dogma wird zum Wegweiser. Sie leitet uns an, zu helfen, zu sorgen, mit anderen und für sie zu leben. Im Anfang steht die Forschung, am Ende steht die Tat. Die Tat ist die Lösung der sittlichen und der seelffchen Probleme: sie erst befreit uns von unserer inneren Unzufriedenheit, sie macht uns ledig unserer Ratlosigkeit und erlöst uns von dem trost-