Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1918)
- Date
- 1918-03-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229350--73849-3286314- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
82. Jahrgang.gNr.:ll Berlin, 18. März 1918 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Aeipmg erscheint.wöchentlich. Abonnemenls-ssreis: durch den Bach- Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324» vegrün-et v-n Rabbiner Vr. Ludwig Philippfon Unter Leitung der Geheimen Regierungrrats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Nuckelt Klosse, LerUn, Jerusalemer Strasse 4S-4S Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag 'der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße HL-49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. tlttftÄrfr* Der Weg zur Freiheit. Von Rabbiner Dr. Max Eschel- AH4L/4L4L.S bach e r (Düsseldorf). -— Die Woche. — Die ethische Grundlage de^ Büches über die Herzenspflichten. Von Abraham Geiger. — M. Friedberger, Leiter der Jüdischen Blindenanstalt für Deutschland, und Frli Jenny Bergmann. — Feuilleton: Der Weg des jungen Hermann Kahn. Von Clementine Krämer (München). — Miszellen. — Büchereinlaus. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin, Königsberg, Breslau, Hamburg, Bamberg, Frankfurt a. Ri., Wien. — Von Nah und Fern. Srr Weg?ur Freiheit. Von Rabbiner Dr. Max Eschelbacher (Düsseldorf). underbares hat der menschliche Geist erreicht, und von den Rätseln, die die verhüllte Natur vor ihm verschleiert, hat er viele gelöst. Wir entziffern die Hieroglyphen der alten Aegypter und die Keilschrift der lange schon verschollenen Affyrer und Babylonier. Wir errechnen am Schreibtische Maneten, die noch kein Auge jemals geschaut hat. Der Ozean ist für uns kein Hindernis, unsere Schiffe fahren unter dem Wasser, und unsere Flieger durchschneiden die Lust. Sobald da der menschliche Geist sich regt und im Siege über die Natur sich seiner Kraft bewußt wird, ergreift denn auch ihn auf kurze Zeit ein erhabener Stolz. Dann fühlt es der Mensch, wie reich er begabt ist, da „Gott ihn nur wenig hinter die himmlischen Wesen zurückversetzt und ihn mit Macht und Ehre gekrönt hat". Diese Freude des Geistes an seiner eigenen Kraft, an seinen herrlichen Triumphen, seinen glorreichen Siegen wird 'auch in der Heiligen Schrift laut. Die staunende Bewunderung vor einer erhabenen Leistung findet-auch in ihr ihren rauschenden Ausdruck. Das unvergleichliche achtundzwanzigste Kapitel des Buches Hiob läßt uns ein Bergwerk des Altertums schauen: „Ja, es gibt eine Stätte, wo man Silber und Gold findet und läutert, man gewinnt das Eisen aus der Erde, und aus dem Gestein gießt man Erz. Die Erde, aus der das Brot hervorwächst, wird in ihren Tiefen wie vom Feuer umgewandelt. Ern Ende setzt der Mensch der Dunkelheit und alle äußersten Grenzen erforscht er, bis zum Grenzstein des Dunkels und des Todesschattens. Man bricht einen Schacht fern vom Licht, an Stätten, die vom Fuße vergessen sind, fern von den Menschen schwanken sie dahin. Sie gehen aus Pfaden, die der Adler nicht kennt und die der Falke nie geschaut hat, die die stolzen Tiere noch nicht betreten und der Löwe noch nicht beschritten hat. An den Kiesel legt der Mensch die Hand, und an ihrer Wurzel kehrt er die Berge um. Durch die Klüfte leitet er Ströme, und alles, was köstlich ist, schaut sein Auge. Die Tiefen der Ströme verbindet er, und alles Verborgene bringt er ans Licht." Die Bewunderung des technischen Fortschrittes, die Freude am Wissen und am Können sind ewige, unverlierbare Wesenszüge des menschlichen Geistes und Gemütes. Aber ein dauerndes Glück fließt leider nicht aus dieser Quelle.. Auch darüber sind sich Menschen und Völker aus allen Zeiten und in allen Sprachen einig. Das Wissen macht auf die Dauer nicht glücklich, und selbst das Können befriedigt nicht auf immer. Merkwürdig rasch gewöhnen wir uns an den technischen Forschritt und werden dann gleichgültig gegen ihn. Der erste Zeppelin, den wir vor zehn Jahren schauten, war ein erschütternder Eindruck. Wenn aber heute, vielleicht zum hundertsten Male, einer über uns dahinfliegt, wenden wir kaum den Blick. Auch die Eisenbahn, das Telephon, der Röntgenapparat und tausend andere Wunder, die uns einst, als sie neu waren, tief bewegten, die uns als die Boten einer neuen Zeit erschienen, lassen uns heute kühl. Sie sind ein selbverständlicher Bestandteil der äußeren Zivilisation geworden, und wir. möchten sie gewiß nicht missen. Aber Friede, Freude und Ruhe bringen sie uns noch viel weniger. Unsere Großväter wußten noch nichts von den neuesten glorreichen Errungenschaften der Technik, von der drahtlosen Telegraphie, die uns mitten im Kriege mit fernen Erdteilen verbindet, von den herrlichen Farben, die aus der schwarzen Kohle gewonnen werden, von dem künstlichen Salpeter, der aus der Atmosphäre entwickelt wird. Wir wissen es und schätzen das alles vollkommen nach Gebühr. Aber deswegen sind wir nicht glücklicher als unsere Großväter. Eher möchte man behaupten, daß einige dieser Erfindungen, wenigstens im Kriege, die Leiden der Kämpfer gesteigert haben. Unsere unser wirkliches Glück wird dadurch nicht erhöht. Bestenfalls wird der Komfort erhöht und unsere Behaglichkeit gesteigert. Und wenn dereinst unseren Kindern und Kindeskindern noch ganz andere, märchenhafte Fortschritte ähnlicher Art beschieden sein werden, wird es ihnen damit auch nicht anders gehen, und deshalb allein wird es ihnen noch nicht wohler sein als uns. Was aber Vom technischen Fortschritt gilt, läßt sich in gleicher Weise vom Wissen und von der Wissenschaft behaupten. Die Forschung macht uns glücklich, solange wir uns noch darum bemühen. Sie verliert diese Kraft, sobald wir sie erarbeitet haben und sie als Ergebnis abgeschlossen und von unserer Persönlichkeit losgelöst vor uns liegt. lSuchen macht froh, Wissen durchaus nicht immer. Der ergraute Gelehrte ist lange nicht,so befriedigt von seinem Wissen wie der Abcschütz, der gestern in die Schule eintrat und heute seine ersten Buchstaben malt. Eine gewisse Traurigkeit stellt sich mit der fortschreitenden Bildung bei nachdenklichen Menschen leicht ein. Je mehr wir gelernt haben, desto mehr merken wir, wie viel uns verschlossen bleibt und welche Grenzen uns gesetzt sind. Das hat der große Isaak Newton ausgesprochen: „Ich komme mir vor wie ein Kind, spielend am Strande des Meeres, bald ein buntes Steinchen, bald eine. glänzende Muschelschale findend, indes sich der Ozean der Währheit unerforscht und unersorschlich in unendlicher Weite vor meinen Augen ausgedehnt." Und M o m m s e n machte am Ende eines