Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1918)
- Date
- 1918-03-08
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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verheißungsvolle Perspektiven für die Uebe Mündung der- Gegensätze Mischen Deutschen und JudenunsererTage. -—.Die Lrsteressante-wAussüihrungen des Redners wurden von dem zahlreichen Publikum mit großem JüteWsie verfolgt. E. dl 5. März. Ueber den Kampf um die Reform im Juden tum sprach Prediger Dr. Jels.ki an einem von der Berliner Jüdischen Reformgemeinde veranstalteten Vortragsabend im Logenhaus. Der Kamps gegen den starren Dogmatismus der christlichen Kirchen rief auch bei den Juden ein Streben nach Reform wach. Der gleichzeitig geführte Kampf umdie bürgerliche Gleichberechtigung Rieb auf die religiösen- Reformbestrebungen nicht ohne Einfluß. Während 1823 eine preußische Kabinetts* order die deutsche Predigt verbot, wurde sie in Sachsen-Weimar vorgeschrieben; 1831 machten die bayerischen und badischen Kammern den Versuch, eine Reform im Judentum einzuführen. Diese staatliche Einmischung in religiöse Angelegenheiten rief bei den Juden eine Gegenströmung hervor. Ms Wortführer derselben erklärte Gabriel Rieher, daß die deutschen Juden ihrem Vaterilande alles, aber nicht ihre Religron opfern wollen. Die Berliner Resormgemeinde versuchte die religiösen und nationalen Momente völlig zu scheiden. Gerade in dieser Scheidung liegt aber eine große Schwierigkeit, weil der Mpsaismus als Theokratie jeden Bürgerdienst gleichzeitig als Gottesdienst ansteht. Als erster und bedeutsamster Urheber und Lehrer der Reform erscheint S i g i s mund Stern. Von dem Standpunkt ausgehend, daß das Judentum keine offenbarte Religion, sondern offenbartes Gesetz sei, betonte er die Bedeutung der Bildung als Ausgangspunkt und Ziel der-Wischen Reformbestrebungen. Die Wissenschaft des Judentums hat bewiesen, daß auch das Judentum der Entwicklung unterworfen ist und ihrer bedarf, um «lebensfähig zu bleiben. Das Wesentliche und Bahnbrechende der Sternschen Auffassung gegenüber denanderen zeitgenössischen Reformbestriebungen ist, daß er das Wesen und die Bedeutung der Reformbewegung nicht theologisch oder wiffenschafflich, sondern vom reinen religiösen Gesichtspunkt-aufsaßt. Die 1844 erschienene Verfaffungsurkunde der Refornrgomeinde fand Widerhall in allen Kreisen. Die seit sieben Jahrzehnten unveränderten Merkmale derselben sind -die deutsche Gebetsprache und der SonntagSgottesdienst. Beide sind nach dem Talmud zulässig, der die Landessprache als Gebeissprache duldet und das Gebet an keinem Tage verbietet. Die Reform gem ei n de wird auf den beschrittenen Wegemweitergehen; fern von jeder einseitigen Parteilichkeit ist sie bereit, gemeinsam mit den anderen Religionsrichtungen im Judentum zur Abwehr feindlicher Angriffe zu wirken. E. M. Berlin, 5. März. Die Darstellung der jüdischen Geschichte in der Musik -behandelte Kapellmeister Eduard Le vH in «einem Dortrag im Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Aus keinem Stoffgebiet hat die Musik so viel Anregungen empfangen als aus der alten Geschichte des jüdischen Volkes, die noch heute die Musiker aller Nationen zu großen Schöpfun«- gen begeistert. Die Geschichte der Gri«ochen und Römer, die auf die moderne Kultur so nachhaltig emwirkte, hat in der Mufik kei-ne Spuren hinberlasfen. Die wenigen Bearbeitungen griechis«cher Stoffe, die sich in der Musik finden, sind der Mythologie und nicht der Volksgeschichte entnommen, während die politische GeWchte der Jachen unzähligen Komponisten den Stoff zu un-vergänglichen Werken geliehen -hat. Alle Epochen des biblischen Zeitalters und der nachbiblischen Periode haben eine vielfache Bearbeitung in der Musik gefunden. Die Schöpfungsgeschichte, der Aufenthalt der Juden in- Aegypten, Josephs reine Gestalt, die Mose-Zeit, die Richter, die Königszert, alle diese Epochen find von den großen Meistern der Töne gemalt worden, sogar die Zeit des inneren Zwistes zwischen dem Reiche Juda und Israel hat ihren Komponisten gesunden. Ost find auch die kleineren lieblichen religiösen Dichtungen der Bibel, -die Bü«cher Ruth« und Esther, Mirjams Siegesgesang. und das Hohelied vertont worden. Die Erklärung für diese auffällig Tatsache fand der Vortragende darin, daß das politische Leben der anderen Völker von wirtschaftlichen Bedürfnissen beherrs«cht war, während das gesamte Volksleben der Juden durch eine große Idee eine besondere Weihe erhielt, die den anderen Nationen abging. Die Darstellung dieser ungewöhnlichen Erscheinung muhte die Donkünftler anzichen, denen ihre Kunst wie kerne andere die Möglichkeit gibt, die gottbeseelten Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte und die großen Epochen derselben darzustellen. Ein Ueberblick über die besten Schöpfungen «der großen Werke der Tonkunst, die dem Gebiet der jüdischen Geschichte entnommen« find, beschloß den 'Vortrag, den Frau Gina Grätz-Levh du«rch den künD Lerischen Do-vtvügWon Avion und.Liedern mrS den vom Vortragenden besprochenen "Tonwerken 'besonders genußreich gestaltete. E. M. Beelin, 5. März. Der Verein für Ferienkolvnren jüdischer Kinder hielt seine Generalversammlung im Gemeindehaus cch. Rabbiner Dr. Blumenthäl eröffnete die Sitzung mit einem Nachruf für die verstorbenen Mitarbeiter und gab dann seiner Freude Ausdruck, daß der Verein im* stände war, trotz der großen, Schwierigkeiten 468 Kinder gegen 451 im Vorjahre aufs Land zu schicken. Der Geschäftsbericht des Schatzmeisters Herrn Ko rach bringt interefsanie Einzelheiten über "die Tätigkeit des Vereins. Den 52 641 M., betragenden Mnnähmen standen Ausgaben in Höhe von 40 000 M. gegenüber, der Eiserne Fonds weist ein Vermögen von 30 000, M. «auf. Von den Kindern wurden 311 — davon 136 Knaben und 175 Mädchen — in eigenen VMkolonien untergebracht; 28 Knaben und 43 Mädchen erhielten Freistellen, während in bezahlten Pstegestellen 81 Knaben und 5 Mädchen Aufnahme fanden. Die Erfahrungen mit den Pstegestellen waren teilweise sehr ungünstig. Das Fehlen eines Lehrers zieht unliebsame Disziplinlosigkeit nach sich Im allgemeinen war das Befinden der Kinder befriedigend; die in den meisten Fällen erzielte Gewichtszunahme betrug, wie in dem Vorjahr vier bis fünf Pfund. -Zahlreiche Organisationen haben «den Verein für Ferienkolonie jüdischer Kinder unterstützt: die Berliner Jüdische Gemeinde leistet einen höheren Jahresbeitrag; 4000 Mark beträgt die vom Berliner (allgemeinen) Verein für Ferienkolonien gewährte Beihilfe. — Der Geschäftsbericht wird ohne Debatte genehmigt. Die Zahl der Ausschuß- Mitglieder wird von 22 auf 24 erhöht. Nach den erforderlichen Wahlen wird die Generalversammlung vom Vorsitzenden mit einem Danke an die Mitarbeiter geschlossen. B.L. A. Breslarr. 1. März. Einer unserer ältesten jüdischen Mitbürger, Herr Jacob Wehl, ist im ehrenvollen Alter von 94 Jahren am 25. v. M. sanft entschlafen. 1824 in Rogasen (Provinz Posen) geboren, hat er etwa 80 Jahre seines arbeitsamen Lebens in diesem Städtchen verbracht. Von Beruf Lehrer, nebenamtlich Rendant, führte er ein Leben strengster Pflichterfüllung und gottergebener Frömmigkeit. Als 80jähriger Greis verlor er seine Gattin Johanna geborene Bradt; da verlegte er 1904 seinen Wohnsitz nach Breslau, wo er im Kreise von Kindern, Enkeln und Urenkeln in einer selten anzutreffenden geistigen und körperlichen Frische und Regsamkeit seinen Lebensabend als Privatmann zubrachte. Sein gediegenes jüdisches Wissen, eine hervorragende Redegewandtheit machten ihn, verbunden mit einer persönlichen Bescheidenheit, gelegentlich privater Festlichkeiten zmn Mittelpunkt seiner Umgebung. Auch die Besucher der Synagoge „Zum Tempel" durften sich jahrelang in der Sevhirah seiner Vorträge erfreuen. Die Beerdigung fand am 27. v. M. auf dem Friedhof Cosel unter großer Beteiligung statt. Die Gemeinderabbiner Dr. Rosenthal (Breslau) und Dr. Dünner (Rogasen) gaben dem Empfinden seiner zahlreichen- Verehrer würdigen. Ausdruck. — Magdeburg, 1. März. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt Rabbiner Dr. Lange verflossenen Sonntag einen Vortrag über „Nationalismus und UnivevsalismuG. des Judentums". Redner gab dem Dortrag die Form der Apologie. Er richtete sich gegen die von Baur, Wellhausen, Kneuen, Bousiet. Wundt und anderen erhobenen Einwendungen in bezug ans daS Wesen des Judentums, die den Zweck haben, eis in ein engbegrenz:es nationalistisches Gewand zu kleiden und die Menschheitslehre im Judentum in Abrede zu stellen. Die Schöpfungsgeschichte der Bibel, die jedem Volke die gleiche innere Befähigung zu schreibt, der Begriff und Namei des Menschen „Adam", der jedes menschliche Wesen einbezieht, die Gestalt Abrahams, in der Milo ebenso wie Paulus die hervorstechende rein .menschliche Natürlichkeit loben, das ethische und soziale Gesetz Moses, das über den Nahmen des jüdischen Volkes hinaus die Fremden einer gleichen Berücksichtigung und Wertung würdigt, die Ideen der Propheten, die den Menschen zur Menschheit. die Nation m einem die ga.n«ze Welt umfassenden Gebilde erweitern und die Zertrümmerung des Staates zur Grundlüge einer über die Völker sich erstreckenden Gotiesverkündiaung machen, das. Wesen des Tempels als Zentralheiligtnm -der Menschheit, der allgemeine Charakter der Festtage, die Sklaven und auch'den Tieren Rübe und Erholung verschaflfen, die- Ehrfurcht vor üllem, was Gott in das Leben gesetzt, bezeu-gten offenkundig den universailistischen