Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1918)
- Date
- 1918-03-08
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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82. Jahrgang Nr. 10 Berlin, 8. März 1918 V'lllvUlMVMM VV« Beilage zur „Allgemeinen Leitung de- Judentum-". korrklponl>kn?en und Aschrichtk». SemWanL. Berlin, 5. März. Der Zentralverein -deutscher Staatsbürger j ü d i s ch e n G l a u b e n s beging letzten Sonn oben d abends die Feier seines 25jährigen Bestehens mit einer Festversammlung in der Philharmonie. In dem großen Saale hatten sich mehrere tausend Mitglieder des Vereins zur Feier eingesunden. Unter den Anwesenden bemerkte man Vertreter von Reichs- und Staatsbehörden, Abgeordnete der Groß- Berliner Stadtverwaltungen, der Jüdischen Gemeinde, der Gemeinde Adaß- Jisroel, des Verbandes der Deutschen Juden, des Rabbi nerv erbau des und der anderen großen jüdischen Organisationen. Nach einem Orgelpräludium trug Frau Johanna M e y e r einen von Fritz Engel verfaßten Prolog vor, dann hielt Geheimer Justizrat Dr. E u gen F u ch s die Festrede, die das Dhema „Erreichtes und Erstrebtes" behandelte: „Für die preußischen. Juden endete das Mittelalter erst mit dem- Jahre 1812, das Gdikt vom 12. März wurde die Maprna Charta liibertatum der jüdischen Preußen. Die Verwirklichung des Edikts ließ jedoch lange aus sich warten. Zwar betonte 'das Judengesetz von 1847 den Standpunkt der gleichen Rechte und der gleichen Pflichten, doch wurden den Juden nur die Pflichten der Vollbürger auferleat, deren volle Rechte ihnen weiter verweigert wurden. Mit dem Auftreten des Antisemitismus trat Ende der siebziger Jahre eiste große Verschlechterung der Lage der Juden ein. Me der Antisemitismus die Masten fanatistert, die Regierung terro>- risiert, wie er unsere Religion gelästert, Leben. Ehre und Freiheit des einzelnen und ganzer Gemeinden bedroht hat, ist noch frisch in unserem Gedächtnis. In der Stunde der größten Gefahr ist der Zentralverein aegründet, der bald au einem Mittelpunkt der deutschen Juden wurde. Aus der.negativen,Aufgabe der Abwehr entstand, im Verlauf der Jahre ein positives Programm, das die Stellung der Jü>den zum Vaterlande, zur Glaubensgemeinschaft und zu allen Fragen des volitiichen Lebens bestimmte. Der Zentralverein fordert Treue für das Vaterland und Treue für den Glauben der Väter. Für den Zentralverein ist das Judentum nur Religion sa emei nsch'aft, nicht Nation oder Nationalität. Wir wollen aut deutschem Boden an deutscher Kultur Mitarbeiten und dabei unsere Eigenart, festbalten. Wir lehnen deshalb den Zionismus ab, aber wir sind bereit, mit den Zionisten Schulter an Schulter zu kämpfen, wo gemeinsame Ziele au erreichen lind. Die Zionisten wiederum können gemeinsam mit uns die Wwehrkämpfe gegen Antisemiten u'nd Renegaten führen. . Wir wollen mit ib-nen ihre kulturellen und kolonisatorischen Bestrebungen Nr die östlichen Juden fördern und das Los der Ostiuden lindern Helsen. Alle Richtungen im Judentum sollen au gemeinschaftlicher Arbeit auf mittlerer Linie vereinigt werden. Es ist sehr bedauerlich, daß sich der Einheitsfront, die im Verbände der Deutschen Juden geschaffen wurde, die Freie Verei n i gun g noch nicht angefchlvsten bat. Dieser Mangel an Einigkeit bat sich bei der Regelung der Militärseelsorae recht unanaenehm fühlbar gemacht und bat auch in der Herrenbausfraae einen großen Mißstand gezeitigt. Durch den Antisemitismus sinddi-e Juden in die radikalen Parteien gedrängt worden. Die bedinaungslose Verbindung von Liberalismus und Juden- Heit ist beiden nicht sehrzuträglich aewesen.- Gewisse Fraaen muffen zu gewissen Zeiten auch von rem jüdischen. nicht von doktrinär-liberalen oder demokratischen Gesichtspunkten aus betrachtet und erledigt werden. Selbstverständlich will der Zentralverein keinen Einfluß auf die politische Stellung des einzelnen ausüben. Die Fraaen der inneren Judenpolitik müssen unabhängig: von einem politischen Parteivroaramm behandelt werden. Hieran wurde »der Verband der Deutschen Juden aegründet. der die Gesamtvertretung' der deutschen Juden darstellt. Seit 1905 übt der Verband seine segensreiche Wirksamkeit aus. Der Krieg hat neue Fragen aufgerollt und neue Orgamsationsformen notwendig gemacht. Ueber die Grenzen des Vaterlandes hinaus müssen wir uns im wohlverstandenen deutschen Interesse der bedrängten Juden des Ostens -annehmen, denen möglichst in ihren jetzigen Ländern Bürgerrechte und Existenzrnöglichkeiten geschaffen werden müssen; erst in zweiter Linie ist an. eine ausgedehnte Auswanderung zu denken. Es ist gelungen, in zwei wichtigen Fragen eine geschloffene jüdische Front herzustellen: für hm Friedenskongreß und in der Palästinasrage. Hierbei wie bei allen anderen Aufgaben wird leicht eine mittlere Linie gefunden werden können, bei der deutsches und jüdisches Jntereffe gewahrt bleiben. Der kommende Frieden wird dem Zentralverein ein gehäuftes Mjaß Arbeit bringen. Die Idee der Selbstverteidigung und der Selbsterziehung muß ein Gemeingut aller deutschen Juden werden. Durch Aufklärungin unseren Reihen und in den anderen Dolksschichtenmüssen Unwissenheit und Vorurteile zerstreut werden. Genugtuung und Hoffnung erfüllendie Leitung -des Zentralvereins -an dieser Wegscheide. Sie hofft, daß ihre Arbeit dem Vaterlande und dem Judentum in gleicher Weife dienen wird." Nach dieser mit lebhaften Beifall aufgenommenon Rede sprach Rabbiner Professor Dr. Werner (München) .über den inneren Frieden. „Die Arbeit des Zentralvereins ist neben der Abwehr auch dem Aufbau gewidmet. Das Hochziel, das er anstrebt, ist die Versöhnung zwischen dem Judentum und dem Deutschtum, dem Judentum und dem Menschentum. Das Bewußtsein unseres Rechtes, gibt uns die Kraft zum Kampfe. Wir erstreben die Versöhnung zwischen den großen Bekenntnissen, nicht -durch Vermischung, sondern durch gegenseitige Achtung. Wir fühlen uns als Volldeutsche, wir besitzen deutsches Empfinden und deutsche Bildung. Der Geist ist es, der sich den Körper baut! Das Gefühlist alles, und wer uns die Zugehörigkeit zur deutschen Nation rauben will, zerreißt unser Herz. Deutschtum und Judentum stehen uns gleich nähe: für das Deutschtum gehen unsere Kinder in den Tod und für das Judentum sind unsere Väter gestorben!" Auch diesem Redner dankte die große Versammlung durch lebhaften Beifall. Gcheimra-t Fuchs dankte dem Redner für feine inhaltsreichen Ausführungen und gab dem Wunsche Ausdruck, daß di-e Mitglieder dem Zentralverein die durch ein Vierteljahrhundert bewahrte Treue'weiter bewahren möchten. Mit dem Wunsche, daß das Vaterland sich bald der Segnungen des Friedens erfreuen möge, schloß der Vorsitzende die Jubiläumsversammlung des Zentralvereins. E. M. Berlin, 5. März. Ueber biblis che Motive in deutschen Dramen sprach Julius Ba b in einer Montagsvorlesung der Lehranstalt für die Wi'ffenschaft des Judentums. Seit etwa einem Jahrzehnt nehmen biblische Stoffe in der dramatischen Produktion Deutschlands einen breiten Raum ein, nachdem mit dem Einsetzen des 'Naturalismus in den -achtziger Jahren die bis dahin bestehende Vorliebe der deutschen Dramatiker für das biblische! Stoffgebiet erloschen schien. Fast der gesamte Sagenkreis des Alten Testamentes hat im deutschen Drama seine Gestalt gesunden: zuerst der Urmythos vom ersten Menschen, dann die Geschichte von Kain und Abel, welche in der letzten Zeit fast gleichzeitig. drei Dichter bearbeiteten, und die Epoche der Erzväter. Diese Frühzeiten der Bib^l bieten dem Dramatiker keine dankbare Aufgabe, sie bilden eine lyrische Märchenwelt, in deren heiter-frommes Hirtenleben Gott noch persönlich eingreift. Auch der Moses-Kreis ist für die dramatische Erfassung nicht besonders günstig, weil die Moses-Gestalt zu überragend ist. Die reichste -Fundgrube für dramatische Stoffe ist die Richterzeit, in der sich die Nomaden zu Bauern wandeln und die einzelnen Persönlichkeiten sich schon deutlich aus der namenlosen Menge hervorheben. Besonders oft ist die Snnson-Gestalt verkörpert worden. Den stärksten biblischen Stoff und wohl den größten Konflikt der Weltliteratur überhaupt enthält die Geschichte von Saul und David, das Drama des einfachen, physisch-großen, düsteren Mannes, der von dem hellen, zierlichen Jüngling Überstunden wird.. Dieser Stofs, der zu dem größten der Menschheit gehört, ist unzählige Male dramatisiert worden. Aber noch ist das große Drama nicht geschrieben. das so wie Rembrandts Bild diesem gewaltigen Stoff gerecht wird. Mit der Geschichte Salomos endet die den Dramatiker am stärksten anziehende Epoche der jüdischen Geschichte. Die starke Anziehungskraft, welche die biblischen Stoffe auf die deutschen Dramatiker der Gegenwart ausüben, ist nach der Meinung des Vortragenden aut die Verwandtschaft der Auffassung zurÄckz'uMren, die alles Geschehen als Lohn oder Strafe der göttlichen Gerechtigkeit an sieht. Diele Berührung des deutschen Geilstes mit der altjüdischen Vergangenheit-eröffnet