Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-03-08 · Heft 10 (8.3.1918) · p. Seite 120

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 10 (8.3.1918)
Date
1918-03-08
Page
Seite 120 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229349--73843-3286307
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

120 müßte ein Esel sein, wenn er nicht sähe, daß du es liebst, wenn man deiner Frau Komplimente macht." Und im Grunde glaubte Lies Herr Kahn auch selber. Und sogar der junge Lohse gewissermaßen. Er plauderte gern mit der lieblichen und liebenswürdigen Frau, die selten Aaren und anmutigen Geistes war. Ein anderes kam ihm lange Zeit nicht in den Sinn. Bis zu diesem Augenblick: .Eines Tages kam Friedrich Lohse an — da war er schon anfangs der Dreißig —er habe sich vor einer Woche verlobt. Nach Wunsch und Willen seiner Eltern. Ob sie hübsch sei, fragte Herr Kahn, und Frau Kahn fragte auch — mit den Augen. Da antwortete der junge Lohse:' „Hübsch? — Nein, — das heißt, wie man's nimmt; — mir gefällt sie nicht so gut, wie zum Beispiel Ihre Gattin, Herr Kahn." Dieser lachte geschmeichelt und machte einen Witz, der nicht so ganz anständig war. — Friedrich Lohse und Frau Kahn aber blickten erschreckt einander an. — Und von jener Zeit an war Frau Kahn nie mehr zu sprechen für den jungen Mann, wenn ihr Mann im Kaffeehaus war. Als dann aber der junge Lohse zu Anfang der Herbstsaison wiederkam, da antwortete er auf die Frage des Herrn Kahn, wie es gehe im heiligen Ehestand und ob auch schon eine „Kleinigkeit" unterwegs sei, daß aus der „Affäre" nichts geworden sei, und er wäre noch immer los und ledig. Und dabei blieb es. Als nun aber Friedrich Lohse von dem Plötzlichen Tod Julius Kahns in der Zeitung las, da fetzte er sich sogleich hin und schrieb einen langen Brief an die verehrte Frau: Daß sie es ihm vielleicht als Anmaßung auslege, wenn er — indem er sie seiner innigen Anteilnahme versichere — hinzufüge, daß sie sicher sein könne, daß da irgendwo in der weiten Welt einer sei, der glücklich wäre, wenn sie ihm erlaubte, ihr seine Freundschaft zu Füßen legen zu dürfen und er schloß „hochachtungsvoll", indem er in Ehrfurcht ihr die Hand zu küssen wagte. Frau Kahn beantwortete diesen Brief, wie alle anderen Beileidsschreiben, mit einer gedruckten Karte, darunter ihr und ihres Sohnes Name stand. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Auto gr aphenve rsteigerung XLI1I im Aufträge von Karl Ernst Henrici, Berlin W 35, Lützowstraße 82, geleitet durch den beeidigten Versteigerer Herrn Werner Haehnel. Aus dem oben verzeichn-eten Auktionskatalog habe -ich in Nr. 9 zwei Briefe Mendelssohns mitgeteilt, für deren Abdruck. ich der Verlagshandlung dankbar verpflichtet bin. Ich möchte aber nicht verfehlen, meine Leser -auf diese ungemein wer-tvolle Sammlung hinzuweisen, deren Versteigerung vom 14. bis 16.. März d. I. erfolgen soll. Der Katalog besitzt für Literaturfreunde eine ganz ungewöhnliche Bedeutung. Es sind darin sehr schöne Stücke, zum Teil Kostbarkeiten allerersten Ranges von Goethe und Schiller, von Luther und Voltaire, von Bismarck und Kaiser Wilhelm 1. und von Richard Wagner verzeichnet. Da unsere Zeitung nicht der Ort ist, aus allgemein-literarische Stücke im einzelnen hinzuwei-sen, so muß ich mich in bezug auf den allgemeinen Teil des Katalogs auf diese kurzen Bemerkungen beschränken. Wohl aber fühle ich mich berechtigt, ja verpflichtet, auf diejenigen Briefe etwas eingehender aufmerksam zu machen, die für jüdische Leser besonderes Interesse haben. Auster den bereits erwähnten Briefen Moses Mendelssohns und seines Großneffen Felix Mendelssohn- Bartholdy (dabei auch ein hübsches Liedchen der Schwester des letzteren, Rebekka Dirichlet) werden Briefe verzeichnet von Jacques Offenbach, Börne, Rothschild und ein, wie es scheint, sehr merkwürdiger Brief von Rahel an Börne. Als ganz besonders kostbar sind zu erwähnen viele Briefe von Meyerbeer und eine besonders wertvolle Sammlung von Briefen Heinrich Heines; unter den von letzterem herrührenden Schriftstücken soll besonders auf ein Gedichtmanufkript „Solidität" hingewiesen werden, aus dem die fleißige Arbeitsweise des Dichters klar ersichtlich ist. Von deutschen Schriftstellern jüdischen Ursprungs sei ferner auf Berthow Auerbach, Moritz Hertmann, S. H. v. Mosenthal, Max Nordau hingewiesen. Unter den Schauspielern hebe ich Lewinsky, unter den Musikern Ferdinand Hiller, Josef Joachim, Jacques Halevy, Ignatz Moschelitz hervor Als ein außerordenttich kostbarer Bestandteil, ein von dem Katalogschreiber mit Recht- ,>als Seltenheit ersten Ranges" charakterisierter Brief, sei der pon Benedikt Spinoza an G. H. Schüller vom 18. November 1675 hervorgehoben. Es ist ein Schreiben philosophischen Inhalts über verschiedene Punkte seiner Lehre. Der Katalog empfiehlt sich, abgesehen von seinem wunderbaren Inhalt, auch dadurch, daß viele ganz köstliche Faksimiles in meisterhafter Weise dargeboten werden. Es wäre außerordentlich erfreulich, wenn jüdische Privat- oder öffentliche Sammlungen sich dieses ungewöhnliche Angebot nicht entgehenließen, damit die köstlichen Stücke nicht verzettelt, sondern durch Aufbewahrung in großen Sammlungen der wissenschaftlichen Benutzung erschlossen werden. L. G-. Mchrrrmlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Lrrrücksendimg dev Bücher findet ln keinem Falle statt. Der Rote Hahn. Karl Otten: Thronerhebung des Herzens. Berlin-Wilmersdorf, Verlag: Die Aktion. Sonderdruck aus: Die Rheinprovinz 1815—1915. Bonn 1917, A. Marcus u. E. Webers Verlag. Deutschlands Lage beim Frieden. Ein Vergleich des Status quo ante mit den Zuständen, wie sie eintreten werden, wenn der Friede geschlossen wird nach den Kriegszielen: a) unserer Regierung; b) des Reichstags; c) unserer Feinde. Erste Auflage 60 000 Stück. Berlin 1917, Druck Deutscher Verlag, Ges. m. b. H... Friedrichstraße 240/241. Lprrchlaal. Eorrigenda und Nachtrag zur Geisteshygiene. Von Dr. med. Rainer. Wegen der weiten Entfernung vom Druckorte konnte leider die Korrektur nicht rechtzeitig benutzt werden. Es mögen daher nachträglich einige Verbesserungen folgen: 1. Richtig muß es heißen: ID) )'I2' ‘TD'1* bV J«H 1J'«1 Töl 112'« bj> JÄH Dl« Culomotorische Äußerungen ist richtig! 2. In bezug auf Hillels unnachahmlicher Langmut siehe an genannter Talmudstelle herrliche Erzählungen, namentlich eine größere, sehr instruktive, welche die Redaktion leider aus dem Manuskript weggelassen. Eine ergreifende Episode aus Hillels Taglöhnerleben habe ich wörtlich nach Traktat Jornah in meiner „Geschlechtlichen Hygiene" (Hygienische Rundschau 1912, Nr. 2) wiedergegeben. 3. Es muß in der Anmerkung Traktat Eruchin heißen. 4. Richtig: Quäll dich nicht mit Sorgen für „Morgen" usw. 5. In bezug auf den Zorn möchte ich noch die sehr wichtige Stelle in Traktat Berachoth 64a, ebenso Nedavim 24a anführen: D'jru '2'2 *72i 12 niob-nr nvjinrtn D212.1 ^2 „Den Zornmütigen befallen Hämorrhoiden, alle Höllenqualen beherrschen ihn", d. h. modern übersetzt: Der Ingrimm wirkt mächtig nachteilig aus das Blutzirkulationssystem und rückwirkend aufs Zentralnervensystem! Dagegen wird in Aatoth I, 10 empfohlen, stets Nachsicht zu üben.! 71121 epb an« f?2-n« p 'im 6. Was das Gerechtigkeitsprinzip anbetrifft, so sei noch auf die frappierende Erklärung des uralten Joseph Jbn Kospi (10. Jahrh.) in feinen jüngst von I. Last nach alten Handschriften herausgegebenen Kommentarien verwiesen. Er deutet nämlich das altjüdische „np*7JC" als Akt der au s gleiche nden Gerechtigkeit den Besitzlosen gegenüber. Oder betrachtet die soziale Liebestätigkeit im allermodernsten Sinne. 7. Schließlich sei noch erwähnt, was Alkohol und Gemütsaffekte anbelangt, der tiefsinnige Spruch in Erubin 66b: r 121221 1D’22 121722 12'j Dl« D'121 J"2 „Willst erkunden geschwind, weß Geistes Kind? An drei Sachen kannst es machen: An der Zornpfeile Köcher;.wie des Geldbeutels Löcher; an des Weines Becher!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.