Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1918)
- Date
- 1918-03-08
- Page
- Seite 119 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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IIS stünde, würden Me es woh l nicht glauben? Und jüdisch ging's kein, bißchen her damals, bloß daß ein paar jüdische Witze erzählt wmchen. Mer was ist denn Judentum?. Die jüdische . . und, die Raffe", wars daS-junM Wädchenchronchit ein. »Ja, natürlich die Raffe, sagen Sie", nahm Hamann das Gespräch wieder auf. „Es ist aber eine unsichere Sache damtt, das wissen Sie so gut wie ich. Ich bitte Sie> der ganze Zionismus ist schließlich, auch bloß eine Art Trutzjudentum, was uns Westeuropäer anlangt. Nie wäre man darauf gekommen ohne den Antisemitismus/ „Es spricht nicht dagegen, wodurch man auf irgendeine Sache kam", erwiderte Salomea Fingerhut, „Kolumbus hat auchnicht Amerika entdeckm wollen, sondern . „Zugegeben, unterbrach Hermann, „es ist gleichgültig, auf welchem Weg man zu einem Ziel angelangt ist, aber ich kann mir nicht Helsen, ich haste diesen Zionismus, wenn er ein anderes will, als unseren bedrängten östlichen Brüdern Helsen, diesen ZiottisnE, der-Mr inein BdttrlÄttd rauben möchte" ... Sie wollte ihn unterbrechen ..." „Min, nein", fuhr er, heftig werdend, fort, „Sie wollen mir sagen, daß Sie mir eine andere Heimat dafür geben; aber das geht ja nicht, was gehen mich die Zedern des Libanon am der ich in deutschen Tannenwäldern groß geworden bin? Wie kann ein Land mir Vaterland sein, dessen Sprache ich nicht spreche?" Salomea erwiderte: „Lernen Sie hebräisch, mein Bruder spricht es wie das Deutsche, und ich beginne soeben damit; studieren wir es -zusammen, Herr Kahn. Vielleicht geht Ihnen durch die Sprache der zugeschlossene Sinn auf." Dazu blickte sie ihn mit großen goldbraunen Augen an, und ihm kam das Wort über die Lippen, das er irgendwo in einem zionistischen Gedicht gefunden: „Führ'mich in deine Heimat, Ruch!"- Sie wollte ihm die Hand reichen: „Nein, nein", rief er beinahe ^entsetzt, „ich kann diese Hand nicht' fastetts mit- Ihnen zu wandern; unsere Wege gehen nicht nebeneinander her. Es müßte denn sein" — sie blickt« gespannt auf — „es müßte denn sein, Salomea, Sie fänden wieder heim — nach Deutschland." Sie schüttelte verneinend den Kopf und wehrte auch noch mit beiden Händen ab: „Ich habe meinen Weg gesunden und kehre nimmermehr zurück. Sie aber, sieh' mal: Hermann Kahn, ein deutscher Jude, Hermann — Arminius!" „Wie unduldsam Sie sind, Salomea!" „Ein. deutscher: Jude," wiederhotte sie, „wissen Sie, Kahn, ich bedaure/Sie um Ihrer unglücklichen Liebe willen!" * Mehr als ein Jahr war dahingegawgen, seitdem sie Hermanns Bater hina-usgetragen hatten. „Mutter", begann er, „tu mir die Liebe an und lege endlich die schwarzen Kleider ab und den Witwenschleier. Du darfst dich, nicht alt machen, nicht von außen und nicht von innen, denn ich brauche notwendigerweise eine junge Mama, verstanden?". Frau Kahn reagierte anders darauf, als. Hermann erwartet hatte; sie fuhr fast erschrocken auf und erhob langsam und fragend-den,Blick. „Ja, Mütterchen," fuhr^er zögernd fort, „ich Hab' mich nämlicheinwenig verliebt." „Salomea Fingerhut? " sagte die Mutter langsam und gelassen.- „Mutti!" — Hermann-konnte sich-nicht fasten^ vor Erstaunen und stand nicht an, die Universität Heidelberg sogleich für das größte Klatschnest in ganz. Deutschland zu erklären. „Ach nein!" meinte die Mutter, „das warst du selber, mein Junge, kein anderer wie du! Salomea Fingerhut, bald schriftlich, bald mündlich. Ob ich Salomea eigentlich-einen hübschen Namen fände? Und' ob' ich.WnÄk, daß ein rotes Tuch fein aussähe zu blauschwarzen Haaren. Und ob ich nicht auch meine, daß ein ganz Keines Schnurrbärtchen erst eine Dame interessant mache, hm?" Statt der Antwort holte Hermann seine Brieftasche hervor und zeigte der Mutter eine Ansichtskarte — ihr Bild. Frau Kahn betrachtete es eine Weile, dann gab sie es zurück: „Sie gefällt mir kein bißchen!" Hermann beeilte sich zu versichern, daß sie nicht gut getroffen sei — und überhaupt eine billige Ansichtskarte, und... „Ach nein", unterbrach ihn die Mutter, „sie posiert aus schöne Jüdin!" - „Ist sie auch", warf Hermann halb gekränkt hin, „eine schöne, eine selbstbewußte Jüdin, -begeisterte Zionistin." „Ja, ja." erwiderte die Mutter nachdenklich, „und sonst, — was macht sie sonst in Heidelberg?" - „Sie studiert Medizin, aber sie. ist, wie gesagt, vor allen Dingen Zionistin. Und — ach Mütterchen, du mußt nichtso schnell urteilen nach einem schlechten Bild, sie ist ein herrliches Mädchen. Doch Mutti, wir werden nie znsammenkommen, denn der Zionismus ..." Die Mutter schüttelte abwehrend und beinahe amüsiert den Kopf: „Was -das betrifft, mein Junge, das ist nicht so unumstößlich bei jungen Mädchen. Cousine Hermine — ich sagte immer, sie werde noch lebendig in den Himmel fliegen, ,so fromm war sie vor ihrer Verheiratung — nun, sie hat sich soeben taufen lasten mit ihrem -Mann und den beiden Kindern. Und Clara Bendiner ist orthodox geworden, seitdem sie Frau Israel Wallerstein heißt; und soll sogar einen Haarscheitel tragen. Na und Berta Löb — mir scheint, die -war auch Zionistin, heute lacht sie darüber und ist eine dicke Madame geworden!" Hermann schüttelte abwehren-d: „Ach, nein, Salomea Fingerhut ist aus anderem Holz geschnitzt." „Die Zeit wird's lehren, mein Kind," erwiderte die Mutter und sprach gefliflentlich von anderen Dingen. Urtt> dies -war es, weshalb die Mutter chrem Sohn so sonderbar erschienen war. Es hatte, sich — um es kurz zu sagen — ein- Mann in die nun bald 44jährige Frau verliebt, und — Frau Kahn liebte diesen Mann wieder. Und -gerade an diesem Tag, da die erschreckte Frau mit ihrem Sohn davon hatte sprechen wollen-, gerade da kam er selbst -mit einer Liebesgeschichte an und verdammte sie so zum Schweigen. Eine junge Mutter brauche er — hatte Hermann gesagt —, damit sie mit ihm jung sei und jung fühle; nur um seinetwillen, dachterste. Eine Mutter ist für das Kind und nimmermehr für sich selber . . . Und es war so gekommen mit Frau Kahn: Sie-war chrem Gatten all die Jahre eine gute treue Frau gewesen. Sie -hatte ihn einst-geheiratet, froh und dankbar, daß sie auf diese Weise einer harten, krankhaft geizigen und ewig zänkischen Mutter entkam. Ein Kind von 18 Jahren, ohne eine andere Liebe im Herzen. Und als sie ein paar Jahre verheiratet gewesen, da kam zuweilen ein junger Mann mit den großen Mnsterkoffern ins Geschäft, und der hieß Friedrich Lohse, und reiste für das väterlich« Tuchwaren-Engros-Geschäft Christian Friedrich Lohse. Und mit diesem jungen Lohse neckte nun Herr Kahn seine Gattin nicht zu wenig. Denn man sah jenem die-Freude an, sobald er Frau Kahn erblickte, und er setzte sich ins Kontor und plauderte mit den Leiden Gatten stundenlang. Und manchmal . kam er schon um 'AQ. Uhr mittag, obgleich er genau wußtet daß um diese Stunde der Chef des Hauses niemals in seinem Geschäft war. sondern auf ein Stündchen im- Kaffeehaus. „Nicht obgleich: er's weiß, daß ich nicht da bin, sondern eben darum", machte Herr Kahn schmunzelnd. — „Unsinn", gab seine Frau zurück/ „er will Ware verkaufen, und er