Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1918)
- Date
- 1918-03-08
- Page
- Seite 117 (sequence 9)
- Language
- German
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117 hebräische Wort, das sie verstehen, und deshalb werfen sie es jedem Vorübergehenden an den Kopf. Gesinnungstüchtige Sporwereinler soll es geben, die von der jüdischen Nationalsprache nur Hie Turnkommandos akzeptiert haben. Man nennt das heute „Pflege der hebräischen Kultur". Ich nenne es Erziehung der Jugend zur Unlauterkeit und zur leeren Prahlerei. -Ich bekämpfe also den jüdischen Nationalismus in Deutschland nicht nur wegen des Radikalismus der Forderung, sondern vielmehr wegen des mangelnden Ernstes in der Durchführung, Gerade vor dem konsequenten Nationaljuden habe ich die größte Achtung, -nämlich wenn ihm die Pflege der hebräischen Kultur nicht nur Programm, sondern Prinzip der eigenen Lebensführung ist. Solange dies nicht geschieht, so lange unterscheiden wir liberalen Juden uns von den Nationalisten im wesentlichen deshalb, weil wir keine Forderung aufstellen wollen, die wir selbst nicht erfüllen. Nicht um den geringeren Grad an Judentum handelt es sich, sondern -vielmehr um -den höheren Grad an Wahrhaftigkeit und innerer Gewissenhaftigkeit. Nationaljudentum ohne wirkliche Kenntnis und Pflege der hebräischen Sprache ist eine Vorspiegelung falscher Tatsachen Würden wir jemanden, der nur Französisch versteht, ernst nehmen, wenn er sich in die deutsche Nation einreiht und für die deutsche Kultur Propaganda schlägt? Wir liberalen Juden verzichten auf die unechte Gloriole des Nationaljudentums und können aus diesem Grunde auch darauf verzichten, das Hebräische programmatisch zur wahren Sprache der deutschen Inden zu stempeln. Wie aber sicht es mit unserem Asstmilantentum? Der Mißbrauch, den man von nationaljüdifcher Seite mit chent Wort Assimilation bezeichnet, beruht darauf, daß man nur eine unbedingte Lösung des Problems anerkennen will. Agitatoren, wie Feuchtwanger oder Lichtheim (der Verfasser der offiziellen zionistischen Programmbroschüre), stellen einfach die Devise aus: Nationaljudentum oder unbedingte Assimilation? Etwas Drittes gibt eS für sie nicht. Das heißt aber nichts anderes, als daß man ernsthafte ethische Probleme mit leeren Schlagworten lösen will; „nur aus dem Markte wird man mit Ja oder Nein überfallen." (Nietzsche.) In Wahrheit wird man scheiden müssen. Ist man ein stammestreuer Jude nur dann, wenn man alles im Judentum erhalten will, unbesehen, ob es gut oder schlecht, fördernd oder schädlich ist, dann allerdings sind wir Assimilanten. Heißt ein guter Jude sein aber: alle jüdischen Schäden und Schwächen furchtlos bekämpfen, um so entschiedener für das einzutreten, was im Judentum groß und dauernd ist, dann lasten wir liberalen Juden uns an Stammestreue von keiner anderen Richtung unserer Gemeinschaft übertreffen. Es kommt nicht darauf an, ob man sich assimiliert, sondern darauf, wie man sich assimiliert. Ein Beispiel: Wenn Ludwig Frank zur Sozialdemokratie kam, so spielten hierbei zweifellos jüdische Motive eine große Rolle. Denn wie man sich auch zu den sozialdemokratischen Parteizielen stellen mag, das rücksichtslose Eintreten für die Enterbten und Unterdrückten ist im besten Sinne jüdisch, ist kennzeichnend schon für die politische Ethik unseres Prophetismus. Auf der anderen Seite: Wenn Frank Wissenschaft und Partei hinter sich ließ, um mit Millionen seiner Brüder sein Leben für das Vaterland in die Schanze zu schlagen, handelte er da nicht im besten Sinne deutsch? So wurde Ludwig Frank ein deutscher Assimilant. Sollen wir ihn deshalb schelten, sollen wir jenem sozialdemokratischen Ultra nacheifern, der in einer Groß-Berliner Parteiversammlung das Wort vom „Verräter Frank" prägte. Wir deutschen Juden wollen nicht beschränkten Parteifanatismus als Ueberzeugungstreue ausgeben, und wir wollen — wie immer wir uns zu seinen parteipolitischen Idealen stellen — in dem Assimilanten Frank unser unvergeßliches Vorbild ehren, den guten Juden und den guten Deutschen. II. So ist die Frage der Assimilation für die jüdische Gemeinschaft im Grunde analog der Frage der Assimilation jedes einzelnen Bürgers an die Gesellschaft. Die wahre Erziehung kann nicht darauf ausgehen, den einzelnen zu einem möglichst platten und unauffälligen Durchschnittsmenschen zu mindern, aber fie kann ebensowemg darauf bedacht sein, jede seiner Eigenheiten mit möglichster Schärfe der Umwelt entgegenzustellen, sondern Anpassung und Beharrlichkeit werden sich in gesunder Weise verbinden müssen, um wahrhaft freie Persönlichkeiten heranzuziehen. „So ists um alle Bildung auch beschaffen. Vergebens werden ungebundne Geister nach der Vollendung reiner Höhe streben." Wir deutschen Juden nehmen also gern das Gesetz deutscher Sitte aus uns, eben weil dieses Gesetz zugleich höchste Freiheit bedeutet.- Ein jüdischer Privatdozent in Berlin ist allerdings im allgemeinen assimilierter als irgendein Krämer in einer posenschen Kleinstadt; aber ist deshalb der Krämer der höherwertige Jude? Unerträglich ist es zu sehen, wie — um an Georg Hermanns Roman änzuknüpfen — die Jakobis die Geberts als die Verräter am Judentum hinstellen. Man muß daS niedrige Pamphlet lesen, mit dem vor einiger Zeit sogar der Bubersche „Jude" — zweifellos das wertvollste Organ des nationalen Judentums — den Dichter Ernst Listauer bedachte, um zu sehen, wie gefährlich eine Erziehung ist, wenn sie allzusehr auf eine äußerlich anzueignende jüdische Gesinnungstüchtigkeit abzielt und hierbei das Kriterium der seelischen Vornehmheit nicht genügend berücksichtigt. Lediglich darauf tam es uns an, vom rein ethischen Standpunkt Gefahren der jüdischen Jugenderziehung darzustellen, wobei uns jede parteipolitische Absicht sernliegt. Nicht übersehen dürfen wir aber bei Erörterung dieser pädagogischen Fragen die eifrige -Agitation, die seit einigen Jahren für die Errichtung von jüdischen Volksschulen betrieben wird. Von -besonderem Nachdruck sind hier die von nationaljüdischer Seite inspirierten Organe, >vie die „Jüdische Rundschau", die „Jüdische Presse" und in neuerer Zeit namentlich die „Neuen Jüdischen Monatshefte". Nur andeutungsweise kann ich auf dieses für unsere Gemeinschaft hochwichtige Problem im Rahmen dieser Arbeit eingehend). Wenigstens einige der dort vorgebrachten Argumente seien erwähnt. Herr Rechtsanwalt Dr. Kollenscher, der sich als nationalistischklerikaler Gemeindepolitiker der „Neuen Jüdischen Monatshefte" in besonders bedeutsamer und einflußreicher Weise für die jüdische Volksschule einsetzt (vgl. N. I. M. v. 10. März u. 10. April 1917) berichtet (S. 393) mit Befriedigung davon, daß der fortschrittliche Abgeordnete Otto „der Konfessions- ' schule nicht in der bei seiner Partei üblichen Weise die Berechtigung bestritten" habe. „Gibt der Freisinn den Kamps gegen die Konfessionsschule auf, dann werden auch ihre h Hinsichtlich der religiösen Seite der jüdischen Schulfragen — die bezeichnenderweise von den Verfechtern der jüdischen Volksschule, so z. B. in den (im Text erwähnten) Artikeln der „Neuen Jüdischen Monatshefte" recht oberflächlich behandelt werden, verweise ich auch auf meine Arbeit „Die nationalistisch-klerikalen Strömungen im Judentum und ihre Gefahr für die Gewissensfreiheit der deutschen Juden" (Im „Freien Wort", Oktoberheft 1917) sowie auf die prinzipiellen Darlegungen meines (den Religionsunterricht an Dissidentenkindern behandelnden) Artikels „Religion und Freiheit" (im „Freien Wort", Januarheft 1918).