Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1918)
- Date
- 1918-03-08
- Page
- Seite 116 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229349--73839-3286303- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
116 jüdischen Geschichte mit der allgemeinen Welt- und Kulturgeschichte aufzuzeigen und sie anderHand der Quellen in die verschiedenen Zweige des jüdischen Geisteslebens einzuführen. Noch mehr aber als Lurch sein belehrendes Wort erfüllte er sie durch seine vorbildliche Persönlichkeit mit Liebe zum Judentum und zu seiner Wissenschaft. Er erschien ihnen als die verkörperte Bescheidenheit, Milde und Sanftmut. Nie sprach er ruhmredig von seinen wissenschaftlichen Leistungen, nie geringschätzig von denen anderer jüdischer oder christlicher Gelehrten. Lernen. und Lehren war ihm selbstverständliche Pflichterfüllung, . Gerechtigkeit und Menschenfreundlichkeit höchstes Lebensziel. ..... David Cassels wissenschaftliche, schriftstellerische und pädagogische Tätigkeit erwuchs aus seiner tiefen jüdischen Religiosität und Pietät und erhob sich, in völliger. Freiheit, von dogmatischem Starrsinn, mystischem Halbdunkel und partikularischen Tendenzen, zur lichten Höhe reinen edlen Menschentums,wie es die Propheten Israels, die Weisen des Talmuds und die Sittenlehrer des. Mittelalters als den Inbegriff der jüdischen Religion verkündet und in ihrem Leben .dargestellt haben. Gegen die aus Unkenntnis, Vorurteil oder Uebelwollen entspringende Verdunkelung und Entstellung des ethischen Gehalts des Judentums hat er zeitlebens in Wort und Schrift, gekämpft, aber er hat diesen Kampf im selbstlosen Dienste der Wahrheit und der Gerechtigkeit geführt, mit den ehrlichen Waffen der Wissenschaft und um des Friedens der Menschheit willen. So hat er sich den jüdischen Weisen angereiht, die nach einem Ausspruche des Talmuds durch das Lernen und Lehren der Thora den Frieden der Welt mehren, und der deutschen Judenheit ein Vermächtnis hinterlassen, zu dessen Bewahrung sein 100. Geburtstag sie von neuem aufruft. Der Jude in dermchtMilchrn Umgebung. Von Dr. jur. Ernst Emil Schweitzer (Breslau). I. n den Kant-Studien (1917, Band 21, Heft 4) lese ich in einem Nachruf, den Ernst Bergmann dem verstoroenen Leipziger Philosophen Wilhelm Metzger widmet: „Als Soldat hat M. viel Schweres zu leiden gehabt, vor allem an moralischen Strapazen von seiten einer Umgebung, die für seine Individualität und seine seelischen Beschwerden keine Art von Verständnis hatte oder haben konnte. M. ertrug diese Strapazen mit bewunderswertem Gleichmut und tat seine Pflicht, daheim wie draußen, nach den Grundsätzen der Kantischen Ethik, nicht aus Neigung — er war in jedem Sinne eine Friedensnatur —, sondern aus Achtung vor dem Gesetz." Es ist nicht uninteressant, in dem führenden philosophischen Organe zu lesen, wie hier der Gegensatz eines christlichen Gelehrten zu seiner Umgebung beim Militär gekennzeichnet wird. Vor einiger Zeit wandte ich mich (K. C.-Blätter, August bis Oktober 1917) gegen das Organ der nationaljüdischen Studentenverbindungen, welches es den K. C.-Blättern sehr verübelt hatte, weil diese die gesellschaftliche Lage der jüdischen Soldaten nicht Grau in Grau malte, sondern Feldpostbriefe wiedergab, die von dem guten Verhältnisse zwischen jüdischen Soldaten und ihren Kameraden M berichten wußten. Ich schrieb damals: „Gewiß, auch wir Nichtzionisten wißen, daß nicht immer alles so steht, wie es stehen sollte, wir haben niemals die Augen vor den Tatsachen verschloffen; aber wir find hellsichtig genug, um neben dem Kleinen auch das Große, zu sehen. Wo einzuschreiten war, da haben Männer unseres Vertrauens, soweit ihnen möglich, geholfen, ohne viel Ger^>e dcwonr zu machen und ohne es in alle Welt hinarMuPosaunen. Eine Studentenzeitschrist aber, die sich in der jetzigen Zeit darin gefallen hätte, die (Lage der jüdischen Soldaten möglichst in den schwärzesten Farben zu maWi, die den. jungem jüdischen Kriegern ihren schweren Dienst noch verekelt hättt, ttkdem sie in jene die Saat des Mißtrauens gegen ihre ntchtjüdischen Kameraden ausstreute, eine solche Zeitschrift hätte ein verbrecherisches Spiel mit den Interessen des deutschen Volkes und mit den Interessen des deutschen Judentums getrieben." So sehr wir uns also vor jeder Schwarzmalerei hüten wollen, so. wenig haben wir auch von unserem Standpunkt Anlaß, irgend etwas zu verheimlichen. Wir können: daher ganz offen anerkennen, daß sich das Verhältnis des jüdischen zum ntchtjüdischen Soldaten oft für den Juden als ein ernstes Problem darstellen mag. Gang verfehlt wäre es meines Erachtens, wenn wir jene schon vom Buche Hiob zurückgewiesene Verschuldungstheorre auch auf dieses soziale Zusammenleben üoertragen wollten und etwa grundsätzlich den Juden, der es nicht so sehr versteht, tn ein gutes Verhältnis zu seiner Umgebung zu gelangen, als den minder taktvollen und den nnnder wertvollen hinstellen wollten. Denn so gewiß hier Takt und Erziehung oft eine große Rolle spielen mögen, so gewiß Verträglichtett höher einzuschätzen ist als Dreistigkeit, Humanität höher als Hochmut, so gewiß kann es doch oft gerade den Fernsten und Höchstdifferenzierten unserer Gemeinschaft schwer fallen, den Weg zu einer vielleicht proletarischen Umgebung zu jinden. (Es ist charakteristisch, daß jüdische Offiziere und Aerzte sich oft mit größter Zufriedenheit Uver das kameradschaftliche Zusammenleben ausfprechen, obwohl doch ihr Umgang politisch weit eher zu den Antisemiten zu rechnen ist, als die des gewöhnlichen Soldaten) Wir würden höchst -ungerecht handeln, wenn wir einem vielleicht verschlossener und zurückhaltender gearteten Geistigen nun jeden geschickten Anviederer als sittliches Muster Vorhalten wollten. Ganz abwegig aber ist es, aus solchen Tatsachen nun die Folgerung zu ziehen, daß wir Juden Fremde und Ausgeftoßene sind, denen nichts anderes übrig bleibt, als sich als besondere Nation in Deutschland zu konsolidieren oder auch aus Deutschland zu requirieren. Das obige Beispiel aus den Kant-Studien möge vielmehr veranschaulichen, daß es sich hier um ein allgemeinmenschliches Problem handelt, Ueberyaupt, in je werteren und tieferen Zusammenhang wir die jüdischen Fragen stellen, desto fruchtbarer wird die Erörterung sein. Und sicherlich schadet es unserer Gemeinschaft, wenn Leute in ihr das große Wort führen können, denen die wissenschaftliche Vorbildung und Reife fehlt und die durch mehr gesrnnungstüchtige als tiefe Behandlung jüdischer Probleme sich schnell und mühelos einen Namen zu machen suchen. Da yerrschl natürlich das platte Schlagwort, und so auch konnte das hohle Gerede v o m A s s i m i l a n t e n t u m jene erschreckende Bedeutung erlangen, deren es sich heute in der jüdischen Agitation zuweilen erfreut. So werden z. B. in der „Judenfrage" des Nationaljuden Dr. Feuchtwanger die Anhänger des Zentralvereins einfach damit abgetan, daß sie in den Abgrund des Assimilantentums gewiesen werden. Sehr bequem, aber auch sehr falsch, Nur Buchstabengläubige können meinen, daß ein deutscher Jude, der der Zionistischen Vereinigung angehört, deshalb weniger assimiliert ist als ein Zentralvereinsmitgliod, . daß der Grad der . jüdischen Stammesbewußtheit abgestust ist, je nachdem jemand seinen Schekel zahlt oder der Liberalen Vereinigung für das Judentum beitragspflichtig ist. Allerdings soll es Wandervögel geben, die glauben, das Judentum in Erbpacht genommen zu habenwell sie „Heil" auf hebräisch rufen können. Es ist so gut wie daS einzige