Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1918)
- Date
- 1918-03-08
- Page
- Seite 115 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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115 und: >,Die Armettverwaltung imalten Israel". Das erstgenannte.-Werk, das in den Jahren! 872/73 erschienen ist, bietet in edler, volkstümlicher Sprache eine kulturgeschichtliche Einführung, in -die Wbel und eine Charakterstik der verschiedenen Zweige ihrer Poesie mit geschmackvollen- Uebersetzungen ausgewählter Stellen und. kann noch heute als -eine verständige, aus -kritischer Forschung beruhende Anleitung zur Würdigung des Jdeengchaltes- und der Schönheit der Heiligen Schrift empfohlen-werden. Das „Lehrbuch der jüdischen- Geschichte und Literatur" (Leipzig, F. A. Brockhaus, 1879) ist ein zuverlässiger Wegweiser für jeden Gebildeten, der sich über die Schicksale und Leistungen der Juden in der Zerstreuung unparteiisch unterrichten will, -ohne umfangreichere Werke durcharbeiten oder Quellenstudien treiben zu Wimen. In diesem Buche hat Cassel sein Bestes gegeben. Zwischen beglaubigter Geschichte und legendärer Ausschmückung scharf unterscheidend und sich geflissentlich von.gewagten Hypothesen und Konstruktionen fernhaltend, breitet er die Fülle der Begebenheiten und. geistigen Bewegungen mit ruhiger Sachlichkeit vor dem Les-er aus und überläßt es chm zumeist, sich selbst ein möglichst objektives Urteil zu bilden. Der .„Offene Brief an Mvchow", in dem-Cassel dessenabfällige Bemerkungen über mangelnde Krankenpflege im Judentum sowie über die Intoleranz des „hierarchischen" jüdischen Staates gegen Fronrdlinge durch eine aufschlußreiche Darstellung «der nichtdogmatischen, sondern ethischen Grundlagen -des jüdischen Staatslebens widerlegt, ist geradezu ein Muster ftMnütiger» - abervornehmer Polemik, und der im Akademischen Verein für jüdische Geschichte und Literatur gehaltene Vortrag über die Armenverwaltung im alten Israel zeichnet ein schönes, anschauliches Bild dersozialen Fürsorge, zu der das -biblische Gesetz, modernen Bestrebungen -weit vorauseilend, schon vor Jahrtausenden den Grund gelegthat. . David Cassel -war -kein Gelehrter; er stand mitten in dem reich -bewegten Leben seiner Zeit und nahm zu den wichtigen Vorgängen aus dem allgemeinwiffenfch-aftlichen, politischen -und religiösen Gebiete Stellung. Er suchte den Kampf nicht, wich ihm aber nicht -aus und wirkte gern im Sinne der Milderung von Parteigegensätzen. Im Gemeindeleben vertrat er den Standpunkt pietätvollen Festhaltens an dem geschichtlich überlieferten Judentum. Dieses erschien ihmals ein lebendiger Organismus, der sich stets fortentwiMt hat und fortentwickeln wird, aber nur nach seinem inneren, wissenschaftlich" festzustellenden Prinzip und gemäß dem Bedürfnis und Bewußtsein deS ganzen Israel. So mußte er folgerichtig sowohl der radikalen Reform als auch der extremen Orthodoxieentgegentreten, die sich innerhalb der Berliner Gemeinde um die Mite des twrigen Jahrhunderts heftig, befehdeten und die Einheit des Judentums zu untergraben drohten. Er tat es mit den Streitschriften „Woher und wohin? Zur Verständigung über jüdische Reformbestrebungen" und „Die Kultusfrage in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin". - In jener unterzog er den von Dr. Stern und seinen Gesinnungsgenossen Unterzeichneten- Aufruf zur Gründung der ' Dr. David Cassel, weltfremder geb am 7. März 1818, geft. 22. Januar 1893. jüdischen Reformgenossenschaft einer eingehenden Kritik, in dieser wies er die Angriffe einiger hyperorthodoxer Heißsporne gegen seinen Freund Michael Sachs, der etliche harmlose Aenderungen der Liturgie der Alten Synagoge gebilligt hatte, als jeder wissenschaftlichen Begründung entbehrend, zurück. In beiden Fällen machte er das alleinige Recht der Wissenschaft geltend, der Weiterbildung des Judentums die den Zeitumständen angemeffene Richtung anzuweisen, wie er . überhaupt den Standpunkt vertrat, daß Wissenschaft und Judentum fast identische Begriffe sind und Freunde der einen, nicht Feinde des anderen sein können. Aus dieser Anschauung ergab sich für ihn die heilige Pflicht der jüdischen Gelehrten, der erschreckenden Unkenntnis der Geschichte und der Lehren des Judentums bei Juden und Christen mit aller Macht durch Verbreitung von. Belehrung und Aufklärung -entgegenzwirken. Der Erfüllung dieser Wicht galten seine Vorträge in jüdischen Vereinen, seine Vorlesungen im Beth Hamidvasch über die Sprüche der Väter und die Geschichte der ethischen Literatur der Juden, seine zahlreichen Aufsätze in der Sonntagsbeilage der „Voffischen Zeitung" und seine Artikel über Juden und Judentum im Brockhausschen Konversationslexikon; ihr galten ferner seine weitverbreiteten Schulbücher, der „Leitfaden für den Unterricht in -der jüdischen Geschichte und Literatur", das „Schulwörterbuch der hebräischen Sprache", das größere „Hebräisch-deutsche Wörterbuch" und die kurzgesaßte „Hebräische Grammatik"; ihr galten vor allem seine vortrefflichen „Säbbat-Stunden" (Berlin 1868), ein köstliches Belehrungs¬ und Erbau-ungsbuch, das als die schönste schriftstellerische Leistung Cassels bezeichnet werden kann und dem die neuere pädagogisch - homiletische jüdische Literatur nichts Gleichwertiges an die Seite zu stellen hat. Aus Cassels Vorträgen beim SchAerg-ottesdienste der Knabenschule der Berliner Gemeinde hervorgegangen, bietet es der Jugend den Gedankenschatz der jüdischen Sittenlehve in -Form und mit herzlicher Liebe dar, zu richtiger Schätzung der Vergangen- und rüstet sie zum Gange durch das zum Kampfe für das Judentum mit anmutiger leitet sie heit an Leben und Charakterfestigkeit, religiösem Selbstbewußtsein und Opferfreudigkeit aus, um -sie „zu guten Menschen und treuen Bürgern" zu erziehen. Die wertvollsten Dienste hat David Cassel dem Judentum als Lehrer geleistet; sie sichern ihm einbleibendes Andenken in der Geschichte der Bildungsanstalten, an denen er eine fast fünfzigjährige, reich gesegnete Pädagogische Tätigkeit entfaltet, und die dankbare Verehrung seiner zahlreichen Schüler, denen er die reifen Früchte seiner Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und Weisheit gespendet hat. Der Verfasser dieses Lebensbildes kann es aus seiner und seiner Studiengenoss-en Erfahrung bezeugen, daß der treffliche Mann ihnen nicht bloß ein treuer, gewissenhafter Lehrer, sondern auch ein wahrhaft väterlicher Berater, Freund und Helfer gewesen ist. Unermüdlichwar er darauf bedacht, ihnen das grammatische und inhaltliche Verständnis der biblischen Bücher und ihrer Erklärer zu erschließen, den inneren Zusammenhang der Häüptepochen der