Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1918)
- Date
- 1918-03-08
- Page
- Seite 114 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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114 bedingen zumeist die mundartliche Abschattung; doch hat der Jargon als Bindemittel zwischen -den Juden weitgetrennter Landschaften ein gewisses Maß von Einheitlichkeit, wie er auch über ein Schrifttum (jiddische Zeitungen, Theaterstücke, volkstümliche Erzählungen) und sogar jargonische Grammatiken verfügt. Lu David Laltrls IWGrüurtstsgk. (7. Mürz 1918.) Von Rabbiner Dr. B l u m e n t h a l (Berlin). avid Cassels Schaffen und Wirken ist mit dem mächtigen Aufschwünge, den das geistige und soziale Leben der deutschen Juden in der nachmendelssohNschen Zeit genommen hat, eng verknüpft. Obwohl er mit feiner religiösen Anschauung und Lebensführung noch ganz in der altüberlieferten jüdischen Frömmigkeit wurzelte, nahm er die Errungenschaften deutscher Bildung und Kultur, die der Anbruch einer neuen Zeit seiner Glaubengemeinfchaft eben erst erschlossen hatte, willig und freudig in sich auf und verschmolz sie rückhaltlos mit seinen auf die geschichtliche Erkenntnis des Judentums gerichteten Bestrebungen zu einer unauflösbaren Einheit. Als Forscher, Schriftsteller und Lehrer entfaltete er für den Ausbau der von Leopold Zunz begründeten Wissenschaft des Judentums eine das gesamte jüdische Geistesleben umfassende erfolgreiche Tätigkeit. Dem Vorbilde und Plane des vielbewunderten Meisters folgend, wandte auch er die in. der deutschen Geisteswiffenschaft glänzend bewährte Wechode der historischen und literarischen Kritik mit ziMtzwnßter Entschiedenheit auf die Erforschung des jüdischen Altertums an. Von der Ueberzeugung durchdrungen, daß das Judentum das Licht echter Wissenschaft nicht zu scheuen brauche, rang er nach klarer und wahrer, genauer und gründliche- MkWltzMs seiner Vergangenheit, seines Lehrinhaltes und seines Kulturwertes, erachtete es aber auch für seine Aufgabe, die. gestierten Ergebnisse der gelehrten Forschung in immer weitere Kreise hineinzutvagen. Am 7. März 1818 in Gryß-Gloggu geboren, wurde David Cassel schon frühzeitig in das Verständnis der- Bibel und des Talmuds eingeführt und empfing von dem regen jüdischen Leben seiner durch Frömmigkeit, Wohltätigkeit, eifrige Pflege des Talmudstudiums und deutsche Bildung hervorragenden Heimatgemeinde tiefe und nachhaltige Eindrücke. Vom 9. bis zum 17. Lebensjahre besuchte er das Klosterghmnastum in Glogau. Obwohl er als einziger jüdischer Schüler desselben von der religiösen Unduldsamkeit einiger Lehrer und Mitschüler mancherlei Kränkung erfuhr, betrachtete er es später doch als eine hohe Schicksalsgunst, daß er sich in einem regelmäßigen Bildungsgänge neben dem jüdischen das allgemeine Wissen hatte aneignen können, das ihm für die kulturgeschichtliche Behandlung des Judentums als unentbehrliche Grundlage erschien. Er entschloß sich, Theologie zu strwieren, wie es schon vor chm seine Landsleute Michael Sachs, Josef Zedner und Salomon Munk getan hatten, und begab-stch nach Berlin, um bei dem Rabbinatsverweser Oettinger talmudische, bei Zunz rabbinisch-literaturgeschichtliche Studien zu -treiben und gleichzeitig an der Universität philosophische und philologische Vorlesungen zu hören. Von den Berliner Professoren übten der Aristoteliker Trendelenburg, der Orientalist Petermann und besonders der berühmte klassische Phllologe Böckh einen starken Einfluß aus ihn aus. Schon seine 1840 im Literaturblatt des Orients erschienene Erstlingsarbeit „Die Psalmüberfchriften in kritischer, historischer und archäologischer Hinsicht" und die 1842 in der Zeitschrift „Sulamith" veröffentlichte Skizze „Ideen zu einer Geschichte des mosaisch-jüdischen Gesetzes" zeigen uns im Keime die Vorzüge feiwer Forschungs«ise,l nämlich gründliche uZtoffbeherrschung, unbefangenEachlichkeit, geschichtkichen Ueberblick und freimütige KritiL Jn-einerl843 erschienenen Schrifilegte er den in Gemeinschaft mit seinem Studienfreunde Steinschneider gefaßten Plan, eine Realenzyllvpädie dEJydentUMs, vor und begründete darin eingehend die Möglichkeit, Nützlichkeit und Notwendigkeit der AuKfHrung dieses groß gÄmchten Unternehmens, welches eine wissenschaftliche Darstellung, aller in die jüdische Wissenschaft gehörenden ReÄien in. einer allen Gebildeten verständlichen Form zur allgemeinen Belehrung über Theologie, Geschichte, Kulturgeschichte, Literaturgeschichte und Sprachkunde der Juden geben sollte. Der Plan kam leider nicht zustande, ist aber für den idealen Sinn und den freien, weiten Blick des jungen Gelehrten ungemein charakteristisch. Nachdem Casiel 1842 mit einer lateinischen Bearbeitung der erwähnten Abhandlung über die Psalmüberschriften promoviert und im folgenden Jahre von Oettinger und Zacharias Frankel das Rabbinatsdiplom erhalten hatte, blieb er zunächst als Privatgelehrter -in Berlin, bis er 1846. zum Leiter der Dina Nauenschen Erziehungsanstalt, berufen Wurde, an der er 33 Jahre wirkte. Daneben erteüte er den Religionsunterricht an der Mädchen- und Knabenschule und ander Lehrerbildungsanstalt der Berliner Gemeinde, Erst im Alter von 54 Jahren erhielt er durch seine Berufung auf den Lehrstuhl für Bibelexegese und jüdische Geschichte und Literatur an der neugegründeten Hochschule für die Wiffenschast des Judentums die Möglichkeit, die reichen Früchte seiner ausgebreiteten wissenschaftlichen Lebensarbeit in einer akademischen Lehrtätigkeit zu verwerten. Es waren ihm nur noch, zwei Jahrzehnte für die Ausübung dieses Lehramtes beschieden, aber er konnte in ihnen seine beste Kraft für das gedeihliche Wachstum der jungen Lehranstalt einsetzen, mit der er stch im tiefsten Grunde itnd in der reinsten Art seines Wesens, verknüpft fühlte, und es gewährte dem erprobten Pädagogen, volle Beftiedigung, an der Heranbildung wohlunterrichteter und charaktervoller Verkünder des Judentums mitzuwirken.. Er starb in der Nacht vom 22. zum 23. Januar 1893. Für die Würdigung der wissenschaftlichen Bedeutung David Cassels kommen vor allem seine überaus sorgfältigen Editionen wichtiger Werke des mittelalterlich-südischen Schrifttums in betracht, denen er gut orientierende liteiAturgefchichlliche Einleitungen , erläuternde Anmerkungen,. Quellennachweise, Personen- und Sachregister und teilweise auch eine deutsche Übersetzung beigogeben hat. Cassel Hat durch diese kritischen Textausgaben, welche das halachische, astronomische, bibliographische, kulturgeschichtliche und religionsphilofophische Gebiet -der jüdischen Literatur behandeln, wichtiges und wertvolles Material für die wissenschaftliche Erforschung des jüdischen Geisteslebens herbeigeschasst- und zur- Aufhellung ganzer Perioden der jüdischen Kultur- und Literaturgeschichte mit einem Aufwande von Mühe und Arbeit, Gelehrsamkeit und Scharfsinn mitgewirkt, den manbeider Benutzung dieser Werke immer von neuem bewundert. Als besonders verdienstvoll mögen die Editionen des Jesod olam (Grundlage.der Wjelt) von Isaak Jsratzli, des Kusaki von Juda Halevi und. des Meor enajim (Augenleuchte) von Asarja de Rosst hervorgehobcn werden. Mt-einer M«iten -Reihe, größerer Werke und kleinerer Abhandlungenwollte Cassel der.Verbreitung von Belehrung und Aufklärung über die-, jüdische Geschichte und Literatur und über MnzekftcMp aus. dem, Gebiete der jüdischen Altertumskunde dienen. Hierher ge^rtm seine groß angelegt«', leider nicht über die poetischen und prophetischen BÄchMr kwr MbAHinausgelangte „Geschichte der jüdischen Literatur " und sein - „Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Literatur"; aber -auch feilt „Offener^ Brief eines Juden an Herrn- -Professor Dr. Birchow"