Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1918)
- Date
- 1918-03-08
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Berlin, den 5. März 1918. üblich können wir mit erfreulichen Nachrichten beginnen. Der Friede mit Rußland ist, wie nach den früheren Verhandlungen vorauszusetzen war, am 3. März, nachmittags um 5 Uhr, unterzeichnet worden. Infolgedessen werden nun alle Kriegshandlungen gegen GroßruUand eingestellt. Unmittelbar vorher waren noch wichtige Vorstöße in verschiedenen Teilen des weit ausgedehnten Reiches erfolgt, Petersburg selbst, dessen Einnahme durch die deutschen Truppen die einen fürchteten, die anderen erhofften, ist nicht erreicht worden. Wie sich die Dinge nun weiter entwickeln werden, vermag keiner zu sagen; Tatsache scheint , zu fein, daß die beiden bisherigen Führer der russischen Bewegung, von denen der eine, Lenin, dem Frieden geneigt war, der andere, Trotzki, nach anfänglicher Zustimmung ihn hinzuhalten suchte, vom Schauplatz ah. getretensiM???beide, so wird gemeldet, seien durch Krankheit nn tvWM«: Tätigkeit verhindert. ÄWh Mit Rumänien scheinen sich die Verhältnisse günstig zu gestalten. Zwar ist der Waffenstillstand gekündigt, aber die Verhandlungen zu einem neuen haben begonnen und, was besonders verheißungsvoll klingt, diese Wasfenstillstandsberatnngen sollen nur der Vorläufer zu wirklichen Friedensverhandlungen sein; Rumänien erklärt sich bereit, in solche einzutreten, und zwar auf grund der von den Mittelmächten aufgestellten Bedingungen^ So wird sich; wenn nicht alles trügt und nicht ganz unerwartete Ereignisse eintreten, das Verhältnis im Osten sür uns außerordentlich günstig gestalten: es ist vorauszusehen, daß die Handelsbeziehungen, sich baldigst wieder entwickeln, daß Zufuhren aus dem Osten zu uns gelangen, daß die deutschen und österreichisch-ungarischen Gefangenen aus Rußland baldigst zurückkehren und, soweit sie nicht zum Heeresdienst gebraucht weiden, der friedlichen Arbeit wiedergegeben werden können und daß, was das wichtigste ist, unsere bisher im Osten gebrauchten Truppenmasien zu anderer Verwendung benutzt werden können.. Auch die Befürchtung, die man am Schluß der Berichtswoche hegen mußte, daß Japan, das ein großes Interesse an Sibirien hat, dort eingreisen und in seiner Intervention durch Amerika unterstützt wurde, scheint sich nicht zu verwirklichen. Zunächst aus dem Grunde, daß die Deutschen, die jo nun mit Rußland in Frieden leben, nicht den geringsten Anlaß haben, nach Sibirienvorzudringen — ein Plan, der schon an und für sich -etwas zweifelhaft erscheinen mußte, sodann aber, weil Japan weder gerüstet noch entschlossen genug ist, sich in die europäischen Angelegenheiten tätig zu mischen. Diese Wendung der Dinge, keineswegs unerwartet, aber von den Aengstlichen nicht mit der Schnelligkeit vorausgesehen, mit der sie wirklich erfolgt ist, gibt uns Veranlassung zur reinsten Freude, zur größten Dankbarkeit sür die Tapferkeit unserer Truppen und die Geschicklichkeit und die Energie unserer Diplomaten. Möge diese Neuordnung der Dinge nur wirklichen Bestand haben und eine frohe Aussicht für die Zukunst gewähren! Im Westen ist keine Entscheidung getroffen. Glückliche Borstöße unserer Truppen kündigen vielleicht die kommende Offensive an. Die Gegner versichern, sie seien auf eine solche gerüstet und melden, zur Ermutigung der Ihrigen, daß an vielen Stellen amerikanische Truppen sich mit lden französischen vereinigt haben. Die bestimmten deutschen Erklärungen des Reichskanzlers Bertling haben seitens der feindlichen Diplomaten keinerlei Entgegenkommen gefunden, find vielmehr als unbefriedigend abgelehnt worden. Eine Erwiderung des Präsidenten Wilson steht noch aus. Die Nachricht einer Berliner Zeitung von einer durch die Schweiz geplanten Friedensvermittlung hat keine Bestätigung gesunden. Da nun auch Gerüchte verbreitet werden, daß Italien eine neue Offensive plane, so muß der furchtbare Krieg, trotz der Friodenssehnsucht aller Völker, infolge der Hartnäckigkeit und Unbelehrbarkeit unserer Feinde weitergehen. * Die Verhältnisse der Juden im O st eit werden vielfach behandelt. In einer großen Berliner Zeitung geschieht dies in einem Aussatze von Max Cohen (Reuß), der in folgenden Ausführungen gipfelt: Die polnische Judenheit, deren erdrückende Mehrzahl (daran kann heute gar kein Zweifel mehr sein) sich als besondere Nationalität fühlt und demgemäß behandelt werden will, ist, wie ich aus verschiedenen zuverlässigen Quellen erfahren habe, über die Auslassung der „Deutschen Warschauer Zeitung" in große Erregung geraten. Zwar weiß auch sie, daß die Warschauer Verwaltung, deren Organ die „Deutsche Warschauer Zeitung" ist, den Anweisungen der Reichsregierung zu folgen hat. Und man sollte meinen, daß das Auswärtige Amt, wenn es eine sicherlich wohlüberlegte Erklärung abgibt, es nicht dulden kann, daß die in einer solchen Erklärung niedergelegte Politik von irgendeiner Stelle in Warschau konterkariert wird. Auch wenn man der deutschen auswärtigen Politik keinen allzu großen Scharfblick zutraut: über die Bedeutung der den Zionisten abgegebenen Erklärung ist sie sich ganz klar gewesen, wie sie sich ebenso der Tragweite von Handlungen anderer Stellen bewußt ist, die so tun, als ob diese Erklärung gar nicht vorhanden sei. Ebenso wie in Polen, entwickeln sich auch in Litauen die Dinge keineswegs zugunsten der nationalen jüdischen und anderer Minderheiten. Was von dem Verhalten einer ganzen Anzahl hervorragender Mitglieder des litauischen Landesrats nach und nach durchstckert, läßt nicht daraus schließen, daß sie gewillt seien, den nationalen Bestrebungen der Juden entgegenzukommen. Und es scheint so, als ob auch die sozialistischen Mitglieder des Landesrats noch keine einwand- und zweifelsfreie Stellung eingenommen haben. In dem offiziellen Organ des Landesrats, „Litwas Aidas", kann man des öfteren sehr stark antisemitisch gefärbte Artikel lesen. Die obendrein nicht einmal in voller Schärfe an die Oefsentlichkeit gelangen, denn die Zensur, ohne deren Zustimmung nichts veröffentlicht werden kann, dürfte noch mancherlei Milderungen vorgenommen haben. Und die deutsche Verwaltung in Oberost scheint auch recht lange Zeit zu gebrauchen, bevor sie sich dazu entschließt, den Juden Litauens die Möglichkeit, sich untereinander zu verständigen, zu geben. Bereits Anfang Oktober des vorigen Jahres baben die Juden an die Verwaltung in Wilna das Ersuchen gerichtet, den Zusammentritt einer Konferenz zu genehmigen, auf der alle jüdischen Angelegenheiten, auch die bisher nicht erfolgte Beteiligung am litauischen Landesrat, besprochen werden sollen. Bis heute, also vier Monate nach der Einreichung des Gesuchs, ist nicht einmal eine Antwort gegeben worden. Das ist nun freilich nicht die Art und Weise, in der man sich die Zuneigung einer Bevölkerung erwirbt, die ohnedies durch den Krieg Fürchterliches erduldet bat. Es wird wirklich hohe Zeit, daß die heimische Zentralgewalt in allen diesen Dingen einmal nach dem Reckiten sieht, vor allem aber den nationalen Minderheiten die Möglichkeit, gibt, in geordneter Weise ihre Vertretungen zu bestimmen. Am wichtigsten aber ist es, daß sie sich der berechtigten Wünsche der nationalen Minderheiten annimmt. Das Deutsche Reich darf nicht dulden, daß in der Mehrheit befindliche Nationalitäten das Recht der Selbstbestimmung für sich in Anspruch nehmen, aber durch eine ungehemmte Machtpolitik das Selbstbestimmungsrecht kleinerer, in ihrem Bereich wohnender Völker rücksichtslos mit Füßen treten. Daß es aber sehr wohl möglich ist. Formen zu finden, die den Minderheiten eines Staatswesens nationale Autonomie gewähren, dafür bietet das Vorgehen der Zentralrada der ukrainischen Volksrepublik das beste Beispiel. (Vgl. unten. D. Red.) Sie hat nach der Proklamierung der eigenen Selbständigkeit durch einen Gesetzentwurf rtitcCi die national-personale Autonomie für die Minoritäten in die ukrainische Verfassung ausgenommen und damit «inen Schritt getan, der sie im Innern vor zerrüttenden nationalen Streitigkeiten bewahren wird. Sollte es wirklich so schwer sein, den Polen nnd Litauern begreiflich