Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1918)
- Date
- 1918-03-08
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
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110 Personell mehr Aufmerksamkeit, als bis jetzt der Fall war, gewidmet würde. Man braucht dabei nicht Mich an obrigkeitliche Zwangsmaßregeln zu denken. Gewiß ist die Ehe eine Einrichtung von tiefgehender Bedeutung für VoKswohl und Volkswirtschaft, und es dürft? wohl die Frage aufgeworfen werden, ob es nicht angezeigt wäre, mit demselben Recht, mit welchem Impfzwang, Desinfektionszwang und mancher andere Zwang eingeführt ist, im Interesse der Allgemeinheit Bestimmungen zu treffen, die geeignet wären, bei groben sanitären Mißständen das Heiraten einzuschränken oder schon verheiratete Personen mehr als bisher vor Gefahren zu schützen." Auf den von Professor Senator eingenommenen Standpunkt hat sich eine große Zahl medizinischer und sozialpolitischer Gesellschaften gestellt, die am 6. Februar 1917 von der Berliner Gesellschaft für Rassenhhgiene zu einer Aussprache über den Austausch von Gesundheitszeugniffen vor der Eheschließung in der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin eingeladen' worden war. Als Ergebnis der Verhandlungen wurde ein Antrag von Geheimrat Prof. Dr. I. Schwalbe (Berlin) angenommen, nach dem ein Merkblatt über den Wert von Gesundheitszeugnissen zu Zwecken der Eheschließung ausgearbeitet werden soll und die Regierungen der Bundesstaaten angegangen werden sollen, zu genehmigen, daß dieses Merkblatt von den Standesbeamten an Brautpaare bei der Anmeldung ihres Aufgebots ausgegeben werden soll. In der Tat scheint die Verbreitung eines solchen Merkblattes wohl geeignet, zur Förderung der hygienischen Belehrung und damit der Volksgesundheit nicht unerheblich beizutragen. Von den Dingen, über die es aufklärt, erwähnen wir hier nur die irrtümlich verbreitete Meinung/ daß die im Kriege erworbenen Verstümmelungen für die Gesundheit der Nachkommen nachteilig seien, was tatsächlich nicht der Fall ist. Dagegen schädigen Krankheiten der Eltern sehr oft ihre Nachkommen, z. B. Nervenkrankheiten und Tuberkulose, während Geisteskrankheiten sich oft «direkt auf die Kinder vererben. Freilich ist die EKe ein zartes, zerbrechliches Ding. Leicht fällt ein „Reif in der Frühlingsnacht" noch vor dem Gang aufs Standesamt und nicht selten auch, wenn die Ehe bereits geschlossen ist. Wenn es in dem Merkblatt als eine sittliche Vsiicht eines jeden hinaestellt wird, das Urteil eines gewissenhaften Arztes über seinen Gesundheitszustand einzuholen, bevor er sich zu einer Ehe entschließt, so ist dagegen sicherlich nichts einzuwenden. Dagegen sind gegen einen Austausch von Gesundheitszeugnisien zwischen den Verlobten Bedenken erhoben worden, über die jedoch ärztlicher Takt und ärztliche Einsicht und Gewissenhaftigkeit/hinweghelfen könnten. Es kann sich doch immer nur um schwere Leiden handeln, die eine Ehe widerraten lassen, und leichtere Krankheiten werden sich zumeist durch rechtzeitig gegebene, zweckmäßige ärztliche Verordnungen noch vor dem Eingehen der Ehe heilen lasten. Dadurch kann oft auch eine Unfruchtbarkeit der Ehe. verhütet und einer Schädigung der Nachkommen durch die Krankheit der Eltern vorgebeugt werden. Nicht mit Unrecht wird von Schwalbe darauf hingewiesen'), daß es nicht so sehr auf eine Erhöhung der Geburtenziffer an sich in Zukunft ankommen wird, als auf eine Vermehrung gesunder Nachkommen. Schwächliche und M „Austausch von Gesundheitszeugnissen vor der Eheschließung." Von Geh. Sanitätsrat Professor Dr. I. Schwalbe. Sonderabdrück auSder „Deutschen Medizinischen Wochenschrift" Nr. 45, 1917. — Ein dahingehender Antrag ist beim Reichstage emgegangen. kranke Kinder belasten die allgemeine soziale Fürsorge in hohem Maße, wenn es auch ärztlicher Kunst oft gelingt,, sie zu erhalten. Nur eine gesunde, kräftige Nachkommenschaft werbörgt Üfne glückliche Zukunft unseres Vaterlandes, Diesen Satz kann man als vollgültig auch für die deutsche Judenheit hinistellen, der man . bereits den Untergang prophezeit hat. Je weniger bei ihnen Verwandtenehen Vorkommen werden2 3), je weniger jüdische Männer und Frauen mit nervöser, zuckerkranker, krebsiger FamilitznbelastuNg einander heiraten werden, desto biester wird es um den 'Fortbestand der Judenheit bestellt sein. : Iw letzterer -Hinsicht ist zwar, zu -bemerken,: daß der NnteMtbsktebs bei jüdischen Frauen sehr selten vorkommt3), aber Magen-, Darm- und Leberkrebs sind unter den Juden doch noch recht häufig anzutreffen, und bei Heiraten in solchen Familien sollte dringend darauf Rücksicht genommen werden, um des Glückes der Ehen und um einer gesunden Auslese des jüdischen Stammes willen. Auch Dr. Hans Guradze (Berlin) weist statistisch nach'), daß an Krebs auffallend viele Juden sterben, hingegen an T u b er ku l o se am' meisten Katholiken; ja'die Tuberkulosesterblichkeit der Katholiken scheint ihm eine Eigentümlichkeit gerade dieser Konfession zu sein. Er hat lange vor dem Kriege auf die überaus traurigen Verhältnisse in der französischen Armee infolge des häufigen Vorkommens der Tuberkulose aufmerksam gemacht, und da Frankreich vorzugsweise katholisch ist, sieht er darin einen weiteren Beitrag zur starken Tuberkulose der Katholiken. Dies zeigt' sich ihm auch an einer Berliner Statistik aus den Jahren 1911 bis 1914 über die Todesfälle an Tuberkulose während dieser Zeit. An ihnen tritt wieder deutlich der hohe Anteil der katholischen und der niedrige der jüdischen Bevölkerung zutage. Das Verdienst daran schreibt er mit Dr. Eisenstadt im wesentlichen dem verhältnismäßig geringen Alkoholgenuß der Juden zu, zum Teil vielleicht auch den rituellen Speisegesetzen. Dr. Guradze schließt seine interessante Arbeit mit den Worten: „So tut sich noch als -ein weites Feld die soziale Medizin auf. Wir haben gerade jetzt im Kriege allen Grund, so oft wie möglich aus die bittere Notwendigkeit einer besseren Krankheitsstatistik hinzuweisen." Aber noch e i n s hat der Krieg gelehrt. Nicht die Zahl, die Menge hat die Entscheidungen herbeigeführt, sondern die Kraft des Geistes und des Willens, und diese Kraft des Geistes und des Willens hat auch alle Umwälzungen in der Geschichte und Wissenschaft hervorgerufen. Denn „Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen." Jede politische oder wissenschaftliche Revolution aber braucht den Frieden, um die sin ihr liegenden Kräfte zu entwickeln und fruchtbar zu machen. Nur im Frieden und durch den Frieden können sie der Menschheit ein Segen werden. 2) S3gt. mein Buch „Heber Ehen zwischen Blutsverwandten", 2. Auslage. Selbstverlag. . 3) Dgl. den Artikel „Ist das Uteruskarzinom bei jüdischen Frauen selten?" Von Dr. med. Rainer. Wiesbaden, z. Z. in Kopenhagen. Sonderabdrück ans D«r Frauenarzt". Benno Konnegen Verlag, Leipzig. Dr. Ratner erklärt die Seltenheit mit den strengen jüdisch-hygienischen Vorschriften über das sexuelle Leben und der Seltenheit von Geschlechtskrankheiten. ') „Beiträge zur Krankheitsstatistik einzelner Konfessionen." Von Dr. Hans Guradze, Berlin. „Halbmonatsschrift für Soziale Hygiene und-praktische Medizin" (Allgemeine Medizinische Derlagsanstalt, Berlin W 57), Nr. 22, 25. Oktober 1917.