Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1918)
- Date
- 1918-03-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82. Jahrgang:. Nr. 10 Berlin, 8. März 1918 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements,pxeis: durch den.Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebssteym) bezogen virrteljShrlich 8 01 — Postscheckkonto S2H. Ve-ründet von Aabbiner Vr. Ludwig Philipps»» Unter Leitung der Geheime« Regierungrratr Professor vr. Ludwig Geiger Vetlag: Rudolf Moese, Berlin, Jerusalemer Strasse 46*49 Allx Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 4H.49, zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. Politische uttb wissenschaftliche Revolution. Von Sanitäts- V öLLß LÜTL * rat Dr. Scherbe! (Lissa i. P.). — Die Woche. — Zu David Dassels 100. Geburtstag. (7. Marz 1918). Von Rabbiner Dr. Blumeülhal (Berlin).—. Der Jude in der nichtjüdischen Umgebung. Von Dr. jur. Ernst Emil Schweitzer (Breslau). — Feuilleton: Der Weg des jungen HermannKahn. Von Clem en tin e Krüm er (München). — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur «Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin^ BreSlau, Magdeburg, Dresden, München, Hamburg, Köln, Stratzburg i. Elf., Wien, Madrid. — Von Rah und Fern. Oolitilchr und willeulchsktlichr Lroolutian. Von Sanitätsrat Dr. S ch e r b e l (Lissa i. P). s War einmal ein Fürst, den pries alle Welt glücklich. Denn er war der mächtigste und reichste Herrscher seiner Zeit; nichts fehlte ihm, alles huldigte ihm, und man glaubte, seine Macht und sein Glück könnten nie ein Ende habtzn. Aber ' „Noch keinen sah ich fröhlich enden. Auf den mit immer vollen Händen Die Götter ihre Gaben streun. Ihn faßte der Uebermut, und, von bösen Ratgebern aufgestachelt, beschloß er, seine Herrschaft noch weiter auszudehnen nnd das Nachbarreich mit Krieg zu überziehen. Da er aber immer zur Mystik neigte, fragte er vorher ein Orakel, und es gab ihm die zweideutige Antwort: Wenn er den Grenzfluß überschritte, würde er ein großes Reich zerstören! Und so kam es. Er zerstörte ein großes Reich — aber das eigene. Nicht Krösus, der König von Lydien, ist es, den wir im Sinne haben, sondern Nikolaus II., der Kaiser von Rußland, der vom allgewaltigen Schicksal Zermalmte, besten Riesenreich infolge seiner Niederlage sich in einzelne kleine Teile auflöst, wie wir, diese Tragödie mit erlebend, mit staunender Verwunderung mit ansehen. Aber noch etwas anderes Merkwürdiges sehen wir Zeitgenossen mit steigender Ueberraschung: die Rehabilitation der Revolution. Das Wort „Revolution" hatte einst, besonders zu gewissen Zeiten des vorigen Jahrhunderts, eine sehr üble Bedeutung, weil man niemals die Französische Revolution von 1789 aus dem Gedächtnis verlor. Selbst Schiller, der den „Wilhelm Tell" gedichtet und die Geschichte des Abfalls der Niederlande geschrieben hat, sagt in seinem „Liede von der Glocke": „Wenn sich die Völker selbst befreien, da kann die Wohlfahrt nicht gedeih'n" und „der schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn". Es gab kein Wesen in der Schöpfung, dem man so viel Böses zutraute wie dem „Revolutionär". Was für Leiden haben Männer wie Gottfried Kinkel, Karl Schurz, Georg Herwegh, Däniel Schubärt, Ferdinand Freiligrath, Fritz Reuter, Johannes Schorr, Ludwig Bamberger ‘ und so viele andere alH. ^Revolutionäre" erdulden müssen! Und jetzt! Wir sehen die deutschen Friedensunterhändler und die der verbündeten Mächte mit den russischen Delegierten freundlich und friedlich über den Frieden zwischen den Völkern beraten, und einer der Hauptvertreter, der Revolutionsideen, aus dessen Wort die ganze Welt horcht, ist der I u d e Tr 0 tzki. „Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen." Wird es erst so weit kommen müssen, daß auch die starrsinnigen Regierungen der anderen Ententeländer durch die Revolution ihrer Völker zum Einlenken und zum Frieden werden bekebrt werden müssen? Denn immer klarer wird es, daß die Freiheit, der Friede, das Heil der Welt ans dem Schoße der Völker selbst heraus geboren werden. Aber nicht nur in der großen Politik der Staaten, auch in der kleineren Sozialpolitik und in der Wissenschaft kann die Revolution wohltätig sein, „wie des Feuers Macht", wenn sie, reinigend und läuternd, durch weise Hand „bezähmt und bewacht wird", Zwar liebt die Wissenschaft mehr die Evolution, die ruhiae, stetig und gesetzmäßig fortschreitende Entwicklung. Aber die Wissenschaft kennt' auch revolutionierend wirkende Gedanken, wie Athene aus dem Raubte des Zeus, mit goldenen Waffen gerüstet, hervorsprang. So haben das Gravitationsgesetz des Newton, die Lehre des Kopernikus von der Drehung der Erde und der übrigen Planeten um die Sonne, die Entdeckuna des mechanischen Wärmeäguivalents durch Julius Robert Mayer eine Revolution im Reiche der Wissenschaft hervorgerufen. Revolutionierend (si parva liest eomponers ma^nis, wenn man Kleines mit Großem Vergleichen darf) hat auch ein Vorschlag gewirkt, den der unvergeßliche Senat 0 r als einen bis dahin unerhörten Gedanken in die wissenschaftliche und soziale Welt hineingeworfen hat, und zwar im Sinne der Eugenie und der gesunden Fortentwicklung des Menschengeschlechts. In dem von ihm und Dr. Kamin er herausgegebenen Lehrbuch „Krankheiten nnd Ehe" findet sich folgender Hinweis: „Man darf wohl, hoffen, daß, wenn die Lehre von den: Beziehungen zwischen Ehe einerseits und Gesundheit und Krankheit andererseits in den ärztlichen Kreisen mehr in Fluß gekommen ist, durch ihre Bemühungen, durch Belehrung, Aufklärung. Ermahnung immer größere Bevölkerungskreise von der Erkenntnis werden durchdrungen werden, wie wünschenswert, ia wie notwendig die Berücksichtigung der vhhsischen Verhältnisse für Schließung und Führung der Ehe ist, und daß eine ärztliche Begutachtung dabei mindestens ebenso am Platze wäre, wie etwa bei der Einschulung der Kinder und der Beaufsichtigung der Schulen, oder wie bei der Aufnahme von Personen in eine Lebensversicherung. Es wäre auch wünschenswert, daß von seiten des Staates oder der Gemeinden den somatischen (körperlichen) Verhältnissen der eine Ehe eingehenden oder bereits ehelich verbundenen