Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 des Jahres 1349 war fast die-ganze Umgebung der.St.-Christophs'- Kirche in jüdischem Besitz. So zum' Beispiel auch «das, Haus Liebenzell, neben dem Hofe Gutenberg, und die gegenüber gelegenen Häuser „Zum Affend Die Gegend hieß noch im Jahre 1464 „Unter den Juden". Der größte Teil der verbrannten' Judenhöse wurde von der Stadt Mainz in Besitz genommen, der ihr zwar vom Erzbischof streitig gemacht wurde, aus'welchem Streite sie indessen nach zehnjährigem Kampfe siegreich .hervorging. Der Besitz fandet sich in den Rechnungen der Stadt noch langehin als „der Stede Juddenerbe". Darunter .war aber der Hof Gutenberg nicht begriffen; nur eine Scheuer .gegen Gutenberg über wird genannt, von der der Stadt'3 Pfd. zu Zins zufielen. Dagegen ergibt sich aus der am 27. Oktober 1391 ausgesertigten Urkunde, laut welcher Henne zum Jungen Heinrich dem Jungen den halben Hof Gntenberg verkauft, daß „dieselben -erbe vor zeitten judenerbe gewesen sind". Wann die von Jungen den Hof von der Stadt erworben haben, ist ni'cht bekannt. Die zu ihm gehörende Scheune war noch 1432 städtisches Eigentum. Der Hof dürfte nach der Auswanderung der Patrizier wieder an die Stadt gekommen sein. Fünfzehn Jahre nach der Niederwerfung der Stadt hat ihn Erzbischof Diether, 1477, nach Gründung der Universität der Juristenfakultät eingeräumt. Später entstand dort das 1894 abgebrannte Kasino zum Gutenberg. Noch ist es bis heute nicht bekannt, wann und wo Juden die Erfindung der Buchdruckerkunst! kennenlernten, da ja zu jener Zeit die Stadt Mainz ihnen nicht zugänglich war. Daß dies aber schon sehr früh geschah, ist daraus zu ersehen, daß bereits aus dem Jahre 1475 der erste. hebräische Druck stammt. In jenem Jahre begann der hebräische Buchdruck an zwei Orten in Italien. Abraham ben Garton beendigte in diesem Jahre den Druck des Kommentars Raschi zum Pentateuch in Reggio di Calabria, und in dem gleichen Jahr erschien in Pieve di Sacco (Provinz Paldna) ein hebräischer Gesetz öv!dex. §2 Metz, 22. Februar. Anläßlich der Kaisergeburtstagsfeier der israelitischen Gemeinde, der diesmal der stellvertretende Gouverneur der Festung Metz Exzellenz Pelkmann sowie der Kommandeur -der Festung Exzellenz v. Ingersleben, ferner der Generalarzt Dr. Koerner, ebenso von der . Zivilbehörde der Bezirkspräsident Freiherr v. Gemmingen u«. a. beiwohnten, ist von dem Herrn stellvertretenden Gouverneur dem Rabbiner Dr. Netter das Eiserne Kreuz 2. Klasse am schwarzen Bande überreicht worden. GrVerrkich-Anssra. 0. W. Een, 22. Februar. Mit Dekret vom 15. Oktober 1917 wurde der Bezirks- und Kreisrabbmer von Mähr.-Weißkirchen Professor Dr. Jakolb Rabbinowicz vom k. u. k. Kriegsministerium zum Chef der Israelitischen Militärseelsorge für das Kronland Mähren mit dem Amtssitze in Brünn ernannt. Dr. Rabbinowicz ist schon vor dem Kriege mit dem Goldenen Derdienstkreuz mit der Krone ausgezeichnet worden. Nebst seiner beruflichen Tätigkeit hat sich Dr. Rabbinowicz als Schriftsteller und Erzähler eine namhafte Beachtung erworben. Seine Romane und Erzählungen (Verlag E. Pierson, Dresden) spielen in dem jetzt zu allgemeinem Interesse gelangten russisch-polnischen Milieu und wurden in der ausgesprochenen Absicht geschrieben, darzutun, daß die judenseindliche Haltung der dortigen Bevölkerunig von außen in dieselbe hineingetragen wurde, -aber keineswegs ein Bestandteil des russischen Volkscharakters ist: eine Behauptung, welche durch die jüngsten Ereignisse in Rußland vollkommen bestätigt wird. In den „Russischen Dorfgeschichten" schildert Rabbinowicz den letzten Polenaufstand vom Jahre 1863 und die Rolle, welche der Dorfjude R. Efraim dabei gespielt hatte. Auch in der Erzählung „Der Mörder" im Roman „Fall und Erhebung", in dem Drama „Die Ofotschiks" ist der rusfisch-polnifche Dorfjude die entscheidende Mittelfigur. Die Kiewer Pogrome finden in der Tragödie „Ein namenloses Kind" eine erschütternde, lebensvolle Darstellung. Den Höhepunkt seines Schaffens aber hat - Rabbinowicz in . dem Jugendroman „Jakob Saloweicziks Jugend" erreicht, in welchem er den Werdegang eines nach westlicher Bildung strebenden Bachurs schildert. Die lebendige Darstellung der Jeschiboth zu Selwa und Slonirn mit ihren originellen Typen von. Rabbinern und Schülern, der Studienzeit, die für die meisten auch eine Hungerzeit ist, da nur der Geist genährt wird, der Körper aber in Unglaube licher Weise därbt.der reichen seelischen Quellen, aus welchen der Bachur. Kraft und Ausdauer schöpft, haben dem russisch-jüdischen I Studenten manchen Freund in der deutschen Lesewelt geworben. Euphemia Gräfin- Ballestrem schrieb in den ,,Münchener Neuesten -Nachrichten" über „Saloweicziks Jugend", es habe sie gefreut, etwas von dem Holze kennenzulernen, aus welchem mancher bedeutende Mann in Deutschlands Wissenschaft und Kunst, Industrie und Handel geschnitzt worden sei. Auch ein. Lustspiel „Ein Vermächtnis", mit welchem Rabbi nowioz die Versöhnung Mischen Deutschen und Tschechen anstrebt, datiert noch aus der Vorkriegszeit. LnglsnÄ. 2. London (indirekt), im Februar. Auf der Tagesordnung der Sitzung des Vorstandes der Anglo-Jewish Association, die am 13. Januar stattfand, standen folgende Anträge für die Delegierten der Konferenz mit den Delegierten des Board os Deputies bezüglich zukünftiger gemeinsamer Arbeit: Es ist wünschenswert, daß die Komitees für auswärtige Angelegenheiten, die bei beiden Körperschaften bestehen, vereinigt werden und ein gemein saures Komitee bilden, das sich mit allen .auswärtigen Angelegenheiten, welche die Juden .betreffen, befassen soll. 2. Der Board of Deputies soll neun, die Anglo-Jewish Association acht Mitglieder in das gemeinsame Komitee entsenden. 3. Die Frage des Zionismus soll außerhalb des Aufgabenkreises des gemeinsamen Komitees stehen, außer wenn sie von beiden ursprünglichen Körperschaften ausdrücklich diesem Komitee übertragen wird. 4. Das Ue'bereinkommen (das noch -einige die Geschäftsordnung betreffende Punkte enthält) soll in Kraft bleiben bis zum ersten, Meeting des Board os Deputies im Sivan 1919. Die Vorschläge sind dem Council der Anglo-Jewish Association schon unterbreitet und von dem Präsidenten dieser Organisation warm empfohlen worden. Ein Aenderungsvorschlag, der anderen Vereinen die Möglichkeit der Vertretung in dem zu bildenden neuen gemeinsamen Komitee eröfsnete, wurde von Herrn Joseph Cowen gestellt, erreichte aber nicht mehr als drei Stimmen. Schließlich wurden die Vorschläge, die — wie der Präsident der A.-J. A., Sir Claude Montefiore, in seiner Rede mitteilte — in dem paritätischen. Komitee zur Ausarbeitung dieser Vorlage einstimmig von den Vertretern beider Hauptvereine, also auch des Board os Devuties. anaenommen worden waren, von dem Council gutgeheißen. Die Behandlung der Vorschläae seitens des Board os Deputies wird erst später stattfinden. Man glaubt zu wissen, daß das sogenannte auswärtige Komitee dieser Organisation., das die Vorschläge schon in einer geschlossenen Sitzung behandelt hat, eine Reihe von Änderungsanträgen stellen wird. So wird verlangt, daß das Board in dem gemeinsamen Komitee durch eine Delegation von neun Mitgliedern gegenüber sieben Vertretern der A.-J. A. vertreten sein soll. Auch sollen andere Organisationen aufgefordert werden, sich in dem gemeinsamen Komitee vertreten zu lassen. 'Es wird ferner verlangt, daß der Präsident des Boards auch im Komitee den Vorsitz führen und der Präsident der A.-J. A. Vizepräsident sein soll. Endlich wird vorgeschlagen, daß die Delegationen der einzelnen Vereine einzeln darüber entscheiden sollen, ob in einem gegebenen Falle, der Beschluß des gemeinsamen Komitees den Hauptver'einen vorzukegen ist. — Die hier erscheinende Wochenschrift „Jewish World" schreibt in der Nummer vom 9. Januar: Man wird bemerken, daß Lloyd George es sorgfältig vermied, sich darüber anszusprechen, unter welche Oberhoheit Palästina nach dem Kriege kommen würde. Folglich kann man — wenn man den kräftigen Don seiner Rede im allgemeinen in Betracht zieht — schließen, daß England anscheinend nicht der Oberstaat sein wird. Es ist dies eine Enttäuschung — sowohl im englischen wie im indischen Interesse —, und zwar aus Gründen, die wir öfters auseinandergesetzt haben. In der Tat scheint es aber andauernd möglich, daß Palästina nominell türkisch bleibt unter irgendeiner Sorte von internationaler Kontrolle und mit örtlicher Selbstverwaltung. Aus Gründen, Die mithin einleuchtend sind, ist die von der Türkei eingenommene Haltung den zionistischen Bestrebungen gegenüber nicht von kleiner Bedeutung. Was Talaat Pascha einem Vertreter der „Vossischen Zeitung" in dieser Richtung gesagt hat, könnte lächerlich klingen, wenn man alle Umstände in Betracht zieht, aber Palästina ist noch nicht endgültig den Türken genommen, und jedenfalls wird ihr Wort auf dem Friedenskongresse, was die Zukunft von Palästina betrifft, immer einen Einfluß haben-.