Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229348--73825-3286288- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
107 Zivil dagewesen wäre, würde er sich eines Gefühles der Befriedigung gerade über s e i n Erscheinen nicht haben erwehren können. Er gestand es sich nicht gern zu, fast schämte er sich dessen, und doches war nicht anders. Aber hatte er sich nicht gerade jetzt in den Hegel vertieft, der-da meint, daß alles, was sei, auchwernünftig wäre? Also dann mußte auch dies Gefühl seine Berechtigung haben. Wie, wie war das nur ...? Da aber tat sich die Türe leise aus und die Mutter steckte vorsichtig den Kopf ein wenig herein. Er rief sie; da setzte sie sich zu ihm auf den Bettrand, vermochte aber kein Wort hevvorzubringen, well sogleich chre Tränen zu fließen begannen, ohne daß sie imstande gewesen wäre, ihnen Einhalt zu tun. Da nahmer ihre fast allzu kleinen Hände mit diesen lieben, ein wenig zu stumpf geratenen Fingerchen, eines nach dem anderen, und küßte sie abwechslungsweise wieder und wieder. Und streichelte diese Mutterhände und sagte ein paarmal nichts als „Mutterte". Da ward sie langsam ruhiger und blieb dann ganz still bei ihm sitzen. Und er hielt noch immer ihre Hände fest. Und sie fühlte: mein großer Junge, er wird nnch halten. Er wiederum blickte sie von der Seite nachdenklich an und fragte plötzlich: „Mütterchen, wie alt bist du doch?" — „Na" — und nun lächelte sie sogar ein wenig — „rat Herbst vor zwei Jahren, da habe ich doch das Schwalbenalter erreicht und sollte ver/ . nünftiggewovdensein. Vaters freilich sagte, man hätte keinen Unterschied gemerkt." — „War ja auch nicht möglich,: so hat es Vater gemeint", erwiderte der Sohn, doch fast'ein wenig zerstreut, und blickte die Mutter ganz voll Gedanken von der Seite an. Sie trug ein neues, bequemes, schwarzes Morgenkleid, das den Hals frei ließ, der — sonst von einem Stehkragen bedeckt — weißer wie das Gesicht zart schimmerte. Und in diesem Aügenblick entdeche Hermann Kahn, daß er eine schöne Mutter hatte. Und weiter bemerkte der junge Mediziner, daß diese Mutter wohl auch noch keine alte Mutter sei. Noch kein bißchen matronal, dachte er mit unlängst erlernter Weisheit. Aber — überlegte er weiter — sie wird nun geschwind alb werden, ohne einen Gatten; nur Mutter. Er aber, er würde nicht nur Sohn sein, sondern — wie sie gestern selbst gesagt — er ginge weiter hinein ins Leben. Und gerade in diesem Gefühl sagte er: „Mütterchen, ich bleibe bei dir, die ganzen Ferien jetzt, und danach zieh' ich nach Heidelberg, da sind wir zwei nah beieinander und alle Sonntag' besuch' ich dich, ja?" — „Und München?" fragte sie, ,hein schönes, geliebtes?" Er schüttelte abwohrend: „Ach nein, das war nur alles-so schön, -solange ich es mit euren Augen ansah, daraufhin, wie es wohl euch gefiele. Nein, man kann auch in Heidelberg ein guter Arzt werden, glaubst du nicht?" O Und seit einigen Tagen war nun Hermann immatrikuliert in Heidelberg. Er trat eines Spätnachmittags in ein kleines Cafö in der Nähe der Anatomie. Da bemerkte er in einer Ecke einen Herrn mit einem Berg Zeitungen vor sich. Es war Bäumke. In Zivil. Hermann trat leise herzu, stellte sich hinter ihn und sagtemit verstellter, ein wenig näselnder Stimme: „Aeh, Leutnant Bäumke!" Dieser fuhr in die Höhe und stellte sich in Positur. Sein Schreck ob des Zivils aber wandelte sich sichtbar in Freude, als er Hermann vor sich stehen sah. Dann kamen sie ins Plaudern. Bäumke fragte sogleich nach dem Befinden von Hermanns Mutter und ob sie sich in das neue Leben zu finden wisse. Und Hermann erzählte, daß sie das Geschäft zunächst noch weiterführe zusammen mit dem Onkel, der es später wohl einmal allein übernehmen werde. „Entschuldige", sagte Bäumke, „aber mir ist das so sehr ausgefallen nach der Beerdigung: eigentlich ist deine Mutter eine schöne und im Grunde noch junge Frau." Hermann blickte überrascht auf und gestand zögernd, daß auch ihm dies gerade in jenen Tagen bewußt geworden sei. „Weißt du", fuhr Bäumke fort, „ich konnte mich, wie ich da neulich von euch wegging, nicht des Gedankens erwehren, eine solche Frau könnte, ja sie sollte, sie müßte sich eigentlich wieder verheiraten; sie müßte denn ihren Gatten unendlich geliebt haben." Hermann fiel es ein, daß er nie im Leben darüber auch nur mit einem Gedanken nachgedacht habe. „Und selbst in diesem Fall", fuhr Bäumke fort, „selbst dann müßte sie noch nicht verzichten, denn — wie die Leute sagen — mit einem Toten kann man nicht leben." ' .., V V»\ Hermann sah und sann vor sich hin: „Weißt du, Bäumke, das ist nicht so einfach bei uns Juden." „Bei uns Juden!" wiederholte Bäumke, und noch einmal: „Bei uns Juden! Soll ich dir gestehen, Kahn, kein bißchen kenn' ich mich aus — bei euch Juden — nicht das geringste weiß ich anzufangen mit dieser sogenannten Judensrage, obgleich ich einen jüdischen Freund habe, in dessen Gegenwart mir übrigens — nebenbei — nie die Idee käme, daß er ein Jud' ist, wenn er es nicht immer und immer und allzuoft betonen wollte." Hermann erwiderte darauf nichts. „Doch halt, eins", fuhr Bäumke fort, „da auf dem Kirchhof — ich war zum erstenmal auf einem jüdischen —, da hatte ich nun doch—sieh, das fällt mir jetzt erst wieder ein—die Idee, es ist irgend etwas anders wie bei uns. Nicht etwa die Rede des Rabbiners, beileibe nicht. Bei uns hätte der Pfarrer bloß beliebig variiert: „Katholik sein oder Protestant sein — heißt ein guter Mensch sein." Nein, das war's nicht. Viel- Letzte Aufnahme der Zöglinge in ihrer'Uniform.