Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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106 Da ich Gelegenheit habe, von Mendelssohns Briefen zu sprechen, so sei folgende Notiz angefügt. In manchen öffentlichen Blättern, besonders in literarischen Zeitschriften, war vor einigen Monaten zu lesen, baß die hessische Landesbibliothek zu Kassel durch Schenkung in den Besitz einer großen Reche von Briefen Mendelssohns gelangt sei. Ich wandte mich sofort an die Direktion der Bibliothek und bekam die Schriftstücke zur Benutzung auf die hiesige Königliche Bibliochek zugeschickt, aber meine Erwartung wurde sehr enttäuscht, denn es handelt sich nicht um Originale, sondern um Abschriften und auch nicht um ungedruckte, sondern um gedruckte und bekannte Briese. Es sind nämlich die Briefe an Elkan Herz in Leipzig, die in Kayserlings Biographie Mendelssohns 1. Ausgabe veröffentlicht sind. Es sind Schreiben fast ausschließlichgeschäftlichenJnhalts, im ganzen 31 Stück, von denen Kayserling nur 20 hat abdrucken lassen, aber die von ihm ausgelassenen 11 sind in der Tat recht unbedeutenden Inhalts. Es lohnt sich daher nicht, diese Schreiben hier zu veröffentlichen, um so weniger, als der Text der Abschrift recht verderbt ist. Ich war nicht in der Lage festzustellen, ob die Kasseler Briefe nicht etwa dieselbe Abschrift sind, die Kahserling Vorgelegen hat, oder ob sie aus derselben Urschrift geflossen sind; es scheint freilich, daß Kayserling sich manche Verbesserungen erlaubt hat, und es ist sicher, daß in der Uebersetzung der vielfach vorkommenden hebräischen Stellen große Abweichungen zwischen beiden Fassungen existieren. Doch besitzen die Briefe nicht Interesse genug, zumal sie einen ziemlich großen Raum einnehmen würden, als daß ich den beschränkten Raum meiner Zeitung dafür verwenden könnte. Wenn einmal eine wirklich vollständige Ausgabe der Briese Mendelssohns erscheint, so müßten allerdings auch diese Schriftstücke verwertet werden, aber bis dahin hat es noch gute Wege; es genügt daher einstweilen auf diese Abschriften in der Kasseler Bibliothek hinzuweisen. LS». Der Weg des jungen tzermsnnOshn. (4. Forts.) Von Clementine Krämer (München). Und dann fragte er den Hermann, ob er noch nicht bald ausstudiert habe und wie lange es noch hin sei, bis man „Herr Doktor" sagen müsse/ Da bat Onkel Louis die Anwesenden ins Eßzimmer hinüber, wo eine lange Tafel gedeckt war mit Waffeln und Gesundheitsbund und Käsekuchen und Apfelkuchen. Und der Onkel Salomon setzte sich ganz oben hin und fragte über den Tisch hinweg, ob Hermann nicht auch gesunden habe, daß „der Pfafs" viel zu lang geredet hätte. Denn der Onkel Salomon hatte nicht viel vor sich gebracht im Leben- Darum war er nun auf seine alten Tage beleidigt mit dem lieben Gott und gab sich gern als Freigeist. Und apropos, wer denn der schöne junge Offizier gewesen sei. Und nun waren alle in ihrem Fahrwasser. Ach ja, der Bäumke. Schön von ihm, war extra von seiner eine Stunde entfernten Garnison herübergekommen, um dem Vater seines Schulkameraden die letzte Ehre zu erweisen. Und indem sie von ihm sprachen, klingelte es draußen, die Tür ging auf und Leutnant Bäumke verbeugte sich vor Frau Kahn. Er habe ihr, ehe er — in einer halben Stunde — zurück müsse in die Garnison, noch gern sein Beileid aussprechen wollen. Man wollte ihn nötigen Platz zu nehmen, doch der junge Mann dankte, reichte der Frau des Hauses noch einmal die Hand und war gleich darauf — von Hermann geleitet — wieder draußen. Und nun war des Löbens kein Ende. Schön war das, sehr schön, überhaupt von einem Christen- und gar noch von einem Offizier. Und der Hermann verehre in München gewiß wohl auch viel mit. Christen, fragten die Verwandten aus der Provinz. Und Frau Kahn werde sehen, sie werde noch viel Freude an ihm erleben. Da und dort erhob man sich nun gesättigt vom Tisch. Gruppen bildeten sich, man saß oder stand beisammen und erzählte. Viele hätten sich seit Jahren nicht gesehen und berichteten einander nun von Haus und Hof; von Weib und Kind . . . ‘ Hermann setzte sich neben die Mutter und nahm ihre kleine Hand in die seine: „Siehst du, Mütterchen, sie denken schon kaum mehr daran, uns aber bleibt das Leid." — „Uns," erwiderte sie, „nein, mein Kind, mir. nur mir. Denn du gehst dem Leben entgegen, und" — sie lächelte fast ein wenig — . „-und es ist gut so und kann nicht anders sein." Da dachte Hermann tief innen, daß es so wäre, wie die Mutter sagte, und daß er nur bis zur Stunde nicht gewagt häbe, es sich eingugeftehen, nämlich dies: däß es am Ende . gar' Echt so sehr die eigene Trauer sei, die so tief in ihm sitze. Und daß er hauptsächlich litt um Mutters Leid . . . Und ferner mußte er denken, daß es nun im Grunde gar nicht s o war, wie er sich wohl gedacht, daß es sein würde, wenn ihm einmal der geliebte Vater stürbe. Schon in der Eisenbahn waren ihm gegen seinen Willen ganz andere Dinge als Vaters Tod im- Kopf herumgegangen, und es war schon so, wie die Mutter sagte. Und war zuftieden, daß sie ihn verstand, noch ehe er sich ganz klar geworden. Und daß er nun sich selber nicht für herzlos nehmen mußte, weil er ihr nicht dafür galt. Man war froh, wie endlich dieser trübe, lange, bange Tag zu Ende ging und Bettgehenszeit ward. Hermann schlief fest und tief. Doch in aller Frühe wurde er mit eins so wach, als hätte einer neben ihm gestanden und ihn plötzlich Unsanft geweckt, und zwar mit dem Namen „Bäumke". Gestern war alles dumpf und gewissermaßen unwirkliche an ihm vorübergezogen. Jetzt aber fühlte er, wie er errötete in dieser Erinnerung. Es hatten alle kaum gewagt zu redem-.solange der Bäumke im Zimmer war, und selbst die Aeltesten unter ihnen hatten tiefe Bücklinge gemacht vor dem dreiundzwanzigjährigen Leutnant. Gewiß war es dem Bäumke auch nicht entgangen. Und wiederum stieg Hermann das Blut ins Gesicht über diese würdelose Art, sich so gänzlich zu verlieren. Ekelhaft war das, und es würgte ihn ordentlich im Halse. Vielleicht hatte der Bäumke den Kameraden im Kasino noch gestern einen vergnügten Abend bereitet mit der genauen Schilderung einer „Jüdenleich". Und er? Ganz aufrichtig, hatte er sich vielleicht nicht gefreut, als er den flotten Kameraden aus dem Friedhof gesehen? Ganz gewiß. Aber über alle andern doch auch, über den Schlesinger,, den Bendiener, den Cohn, den Hirsch, über jeden einzelnen. Doch ganz auftichtig: fteute er sich nicht noch besonders über den Bäumke? Gewiß gestand er sich, ganz extra noch —. Aber — da konnte er sich nun.mal nicht helfen, so war er schon: es.machte sich gut auf dem Friedhof — der schöne Offizier mit dem wehenden Helmbusch. Und er hatte denken müssen, daß Vater stolz wäre, wenn er es sehen könnte, und Mütterchen würde sich freuen, wenn er ihr daheim davon erzählte. Also, wenn der Bäumke in Zivil gekommen wäre, dann würde er sich nicht mehr darüber gefreut haben wie etwa über die Anwesenheit, von Karlchen Dreifuß oder Fritz Benediner? Ganz auftichtig? Ganz aufrichtig mußte er sich gestehen: auch in diesem Fall — auch wenn der Bäumke in