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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-03-01 · Heft 9 (1.3.1918) · p. Seite 104

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 9 (1.3.1918)
Date
1918-03-01
Page
Seite 104 (sequence 8)
Language
German
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jüdischer Menschenbrüder und Bteüschensk^vestern in Wilna lindern helfen. - - Dr. Levi, der aus Breslau stammende und im Bereich der 10 Armee verdienstvoll wirkende Feldrabbiner, übt in den knappen Stunden, die ihm seine seelsorgerischen Obliegenheiten übrig lassen, eine ebenso ausgedehnte wie erfolgreiche charitative Tätigkeit aus, die von der jüdischen Bevölkerung seines Rabbinats mit Recht als großer Segen empfunden wird. Dr. Levj hat sich nicht damit begnügt, durch OvganisaMn der Gesellschaft «Hilfe durch Arbeit" eine Stätte zu schaffen, die heut über 500 Knaben und Mädchen jüdischen Glaubens Schutz vor den Gefahren der Straße und tüchtige Ausbildung in einem Praktischen -Gewerbe bietet. Er sah und erfuhr täglich, daß im Meere unverschuldeten Elends solche Heimstätte nur eine winzige Oase sei, und daß bloße Geldspenden, wenn sie auch noch so umsichtig und zweckentsprechend zugeteilt wurden, nicht anders wirkten als ein Tropfen auf einem heißen Stein. Es galt zu der ungeahnt emporblühenden Handwerkerschule „Hilfe durch Arbeit" ein Gegenstück zu schaffen, das besonders reiferen Knaben Schutz und Beschäftigung gewährte. Der Gedanke lag nicht fern, daß dies ein landwirtschastliches Unternehmen sein könnte. Es liegt vielleicht nicht mehr in der jüdischen Natur als in der Besonderheit der. russischen Gesetzgebung, daß die Juden in Rußland ausschließlich den Handel zu ihrem Berufe machen. Das russische Gesetz verbietet ihnen den Landerwevb, und die nie ganz aufhörende Angst, eines Tages die entfesselte Rotte erhitzter Fanatiker in die Gassen des Ghettos stürmen zu sehen, läßt das Prinzip, möglichst alles Seinige mit sich zu tragen, als das einzig mögliche erscheinen. So wurde der Jude nicht nur -durch seine natürliche Veranlagung zum Handelsmann abgestempelt, und es entstand die Ansicht, daß er zu nichts anderem tauge, insonderheit nicht zur Landwirtschaft. Dr. Levis warmherzige , Wortführung für sein neues Projekt fand die Billigung und Unterstützung der maßgebenden deutschen Behörden, und bald war in der Umgebung ein Gut gesunden, das zur Errichtung einer jüdischen Landwirtschastsschule geeignet schien. Ein Aufruf ergab so viel Bewerber, daß eine sehr anspruchsvolle ärztliche Untersuchung die geeignetsten Knaben im Alter von 13 bis 18 Jahren auswählen konnte. Stat 1. Mai des Jahres 1916 zogen die Pioniere unter Führung ihres Patrons aus Wilna hinaus nach dem 12 km entfernten, etwa 1500 Morgen großen Gut Wieliczany. Sechzig junge Leute, darunter mancher, den vor zwei Jahren noch ein elegantes Gespann täglich in das Gymnasium gefahren hatte, warben dort unter der fachmännischen Aufsicht eines als Inspektor waltenden deutschen Unteroffiziers um die anfangs oft harten und rauhen Freuden der Landwirtschaft. Kost und Lebensweise waren von spartanischer Einfachheit; der Tag begann oft schon in der zweiten Morgenstunde und an körperlicher Arbeit war kein Mangel. Aber i dieser betonte Gegensatz zu ihrem Mshertgen Leben in der dumpfen Enge der Stadt chckkcmr den Knäben ausgezeichnete Sie wurden kräftig und frisch und fantzm sich in-deu neuen ®e? ruf mit der schnellen Anpassungsfähigkeit Hrer Rasse. Die Meinung, daß der Jude nicht zur Landwirtschaft tauge, kann nach dem glücklichen Experiment von Wieliczany als widerlegt gelten! Kühehüten, Wafsertragen, Graben und Schaufeln wurde der. Mehrzahl der Knaben bald eine Beschäftigung, di? ihnen mehr bedeutete als ein notdürftiges Ueberdauern der Kriegszeit. Eine Schar auch theoretisch tüchtig durchgebildeter Landwirte wächst auf diesem Gute heran. Der erste Sommer brachte doppelte Arbeit; es galt den vernachlässigten Boden umzuackern, das verwahrloste Haus und die Nebengebäude wieder in menschenwürdigen Zustand zu bringen und den mitgobrachten Haustieren die Wohnstatt zu bereiten. Schnell war der Herbst -da und die Frage, mußte beantwortet werden, was im Winter geschehen solle. Eine Umfrage an die. Knaben ergab Einstimmigkeit für Ueberwintern auf dem Gute. Theoretischer Unterricht, Pflege der deutschen Sprache und Dichtung, Stärkung im jüdischen Glauben und kameradschaftliche Geselligkeit ließen die Wintermonate ungeahnt schnell vergehen, und im Frühling lockte die Ungeduldigen zu neuen Ufern ein neuer Tag. Freilich ging nicht immer alles nach Wunsch; Schmalhans war oft Küchenmeister, aber die knappen Monate sind überwunden, und wo es heute noch fehlt, gibt der bebaute Boden willkommene Zukost, Was aus diesem Hilfswerk, das ohne die große Opfersreudigkeit der Breslauer jüdischen Wohltäter nie hätte ins Leben gerufen werden können, später werden wird; ob-es mit dem Frieden vergeht oder als Merkstein für die Erschließung eines neuen Berufs für die Judenheit bestehen bleibt — das wird die Zukunft lehren und die politische Entwicklung der Dinge, über die zu prophezeien müßig ist. Aber was auch geschehe,, es bleibt der Gewinn, -durch ein völlig neuartiges, absolut geschicktes Experiment deutschen Unternehmungsgeistes und deutscher Menschenliebe hoffnungsvolle Stämmlinge vor Kriegsnot des Leibes und der Seele wirksam und für die Dauer geschützt zu haben! Aubrdamitr Lrirkr Males Mrndrlslohns. Von Ludwig Geiger. ie Berliner Buchhandlung von K. E. Henrici, W, Lützowstraße 82, versteigert am 16; März dieses Jahres eine ungemein wertvolle Sammlung von Handschriften und seltenen Drucken. Unter -diesen befinden sich auch sehr schöne Briefe von Moses Mendelssohn. Zunächst ein Schreiben an den Erbprinzen von Braunschweig 1770 (allerdings nur in Die Zöglinge nach der Ankunft in wieliczanp. Links: Rabbiner Dr. Levi. «&*?..x

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