Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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103 besteht. Auch sie wurde im 17. Jahrhundert errichtet; im Jahre 1730 war sie baufällig gelworden und wurde von den Juden, ausgebessert. .So steht wohl nicht'ganz fest, aus welcher Zeit ihre heutige Form stammt. Alber es ist anzunWuen, baß sie jünger ist als die von Zabludow. Denn als bauliches Kunstwerk bewertet, ist sie wesentlich vollendeter und ausgeglichener als jene. Wie sabelhast einprägsam ist allein das Dach. Diese einzig dastehende Form vergibt man nicht so leicht. Der Baumeister ist hier auf, den beinahe wahnwitzig zu nennenden Gin,fall gekommen, zwei Dachformen -des polnischen Landhauses nbereinanderzusetzen, mW doch gelingt es ihm, sie zu einem 'harmonischen Ganzen zu vereinigen, so daß> sich der Bau als Gotteshaus aus seiner baulich verwandten Umgebung, heraushebt. Die Ecktürme wiederholen gemeinsam die obere Dachform; die Fvauenräumh sind unter ein sortlausendes Dach gebracht. Haben wir in Pohr^byszcze eine leichte, gesällige, beinahe geistreiche Bauweise, so tritt uns in der Synagoge von Nasielsk in Masovien, nördlich Warschau, eine schwerere, gedrungenere Form entgegen: Das Landhaus ist hier außerordentlich stark betont. Auch hier wieder vereinigen sich die Dachsormen, nur zu gepreßterer Einheitlichkeit. Much die Ecktürme sind wesentlich schwerer. Ueberall an den Gesimsen,-Säulen, Fenster- und Türumrahmungen sind reiche Schnitzereien, die in ihrer Grobheit -die Schwere des Baues noch betonen und ihn dadurch bezeichnend in Gegensatz zu den Schwesterbauten stellen. Nicht unschön wirkt auch die Holzsynagoge in Jurburg an der Memel zwischen Kowno und Tilsit. Leider ist sie durch das später -angeklebte Treppenhaus zum oberen Frauenraum verunziert worden. Aber wenn man sich dieses wegdenkt, wäre eine künstlerische Einheitlichkeit erzielt. Sehr gut ist auch hier wieder die Form des dreistöckigen Dachstuhles gelöst. Als letztes und vielleicht eines der meisterlichsten Denkmäler östlicher Holzbaukunst sei die Synagoge in dem verwahrlosten Städtchen NarowLa (an der Mündung der Narowlanka in den Pripet, Gouvernement Minsk) erwähnt. Das viergliedrige und als solches schon unvergeßliche Dach ist herrlich. Seine Wucht wird durch die relative Leichtigkeit der Ecktürme gemäßigt, -und die Ausgabe, die sich der Künstler gestellt hat, vollendet gelöst. Der Eingang, der durch keine Galerie verborgen bleibt, laßt sich ' kaum anders denken als in dieser schlichten und doch der Bestimmung des Baues angepaßten Form. Diese Synagoge ist wie aus einem Guß. Bevor wir das Aeußere der Bauten verlassen und ins Innere gehen, sei noch einmal kurz zusammengesaßt, was bezeichnend für diese Baukunst des Ostens ist. Es ist zunächst hervorzuheben, daß der alte polnische- Baustil, der sogenannte, Stil von Zakopane (Ort in den Karpathen, der noch jetzt von Polen 'bewohnt ist), dem Holzbau meistens zum Vorbild gedient hat. Dieser Stil -findet sich heute nur noch in alten Landsitzen und Gutshösen, -und nur in wenigen Städtchen stimmt die Synagoge mit ihrer Umgebung stilistisch überein. Wer wie der Jude in allen Lebensformen, besonders den rituellen, streng konservativ ist, so hat er auch an seinen alten Gotteshäusern, die ihm von christlich-'polnischen Baumeistern geschahen wurden, fast nie geändert. Ep hat morsche Balken durch neue in ihrer alten Fptm ersetzt. Mußte er jedoch dadurch, daß. die Gemeinde wuchs, die Synagoge vergrößern, so mißlang ihm dies meistens; wir erhalten dann künstlerisch entwertete Bauten. In weiser Selbsterkenntnis haben die Juden wohl schon aus diesem Unvermögen heraus die Baukunst Berufeneren überlassen. Der alte Stil von Zakopane prägt sich besonders im Dachgiebel aus; aber auch die typischen Türumrahmungen, die Mansarde, die Arkaden sind Merkmale alter polnischer Bauernkunst. Andererseits dienten das Holzschloß mit seinen Türmen und Seitenflügeln und der herrschaftliche Gutshos der adeligen Stifter zum Vorbild. Nun zum Inneren der Holzsynagogen. Das ist je nach Größe der Gemeinde natürlich sehr verschieden, denn zur Bildung einer solchen reichen zehn Männer bereits aus. Daher die zahlreichen kleineren und 'kleinsten Synagogen neben der Hauptshnagoge. Wilna hat. davon allein etwa hundert, deren Betraum oft nur aus einem gemieteten Zimmer besteht. Das Wesentliches aller Synagogen ist jedenfalls, daß der Schrein, .der die Thorarollen enthält, der sogenannte Aron Hakodesch, nach Osten gerichtet ist. Sonst ist der Grundriß hinsichtlich der Raumanordnung an keine Regel gebunden, wenn auch feine Form bei den' Holzsynagogen dos Ostens häufig wiederkehrt; denn die rituellen Anforderungen ^bestimmen. daß das Gotteshaus ein Vorzimmer, ein Ratszimmer für die Gemeindevorstände, Abteilungen für Frauen und den eigentlichen Betraum für Männer enthält. Gerade die Lage des Frauenraumes ist je nach den örtlichen Verhältnissen verschieden, bald oben, bald unten, bald an der Seiite. In der Mitte des Hauptraumes erhebt sich die „Bima", das heilige Zelt. Die Bima in Zabludow', die als Musterbeispiel gelten uwge, besteht aus einer Erhöhung, zu der von -entgegengesetzten Seiten zwei Treppen -hevauWhren, und hat ein baldachinartiges Dach, das ans drei KuppHp. besteht, die auf zwölf geschnitzten eichenen Holzsäulen ruhen. Sie entspricht unserer Kanzel; aus dem Tische liegen während des Gottesdienstes die Rollen, die in hebräischer Schrift die fünf Bücher Mosis enthalten, aus denen vorgelesen wird,. Gegenüber dem Haupteingang liegt der Altar, der Aron Hakodesch, das wertvollste Stück der Synagoge von Zabludow. Er besteht aus Kiefern- und Eichenholz; die reichen Schnitzereien sind im italienischen Renaissancestil gehalten, wie überhaupt das- Innere der östlichen Synagogen nicht immer glückliche Mischungen aus diesem, dem Barock- und Rokokostil, ausweisen. Zu einem eigenen Stil hat es das jüdische Volk noch nicht gebracht. In Zabludow scheint aber ein wirklich bedeutender Meister am Werke gewesen zu sein. Denn im Altar ist ein echtes Kunstwerk entstanden. Hier begegnen wir auch Pflanzenornamenten. Es war schon bei Gelegenheit der Schilderung der Holzsynagogen von Olkieniki davon die Rede, daß es ein Irrtum sei: der jüdische Ritus verbiete Pflanzen- und Tierdarstellungen. Nur das menschliche Antlitz ist streng verpönt. Sonst jedoch hat die Plastik sehr wohl ihren Einzug in die Synagogen gehalten. Besonders der Löwe, das alte Wappentier von Juda, ist jederzeit dargestellt worden. Es gab zwar jüdische Gelehrte, die strenge Gegner jeglicher Ornamentik waren; doch sie sind nur vorübergehend durchgedrungen. Hier im Osten jedenfalls -findet man keine schmucklosen Synagogen im Sinne jener Gegner. Auch das armseligste hölzerne Gotteshaushat seinen Zierat, wenn auch, wie zum Beispiel gerade in Zabludow, zaghaft. Dennabgesehen von den schon, erwähnten Schnitzereien und der mit phantastischen Tierköpfen versehenen Balustrade der Frauengalerie sind die Wände dieser Synagoge kahl; hingegen ist das Ratsznnmer um so reichlicher ansgeschmückt. Hier ranken sich in blaßgrünen und grauen Farbtönen gehaltene Blumengewinde die Wände empor, unterbrochen von allerhand Fabeltieren und Inschriften. Die Ausschmückung dieser Ratskawmer ist neueren Datums, urkundlich vom Jahre 1712, während das Gotteshaus bereits 1646 erwähnt wird. Weitere Beispiele der Innenkunst ostjüdischer Holzsynagogen anzuführen, erübrigt sich.- Diese Kunst ist, wie gesagt, an den Ritus und seine uralten biblischen Formen gebunden und wiederholt sich in ihren Grundzügen. Die Entwicklung führt über die Jahrhunderte in gerader Linie von Jerusalem nach Polen und Litauen. Die Kunst der Holzsynagogen dieses Landes zeugt einmal von der Starrheit und der Zähigkeit, mit der die Juden an ihrer religiösen Kultur sestgehalten haben; zum anderen hat diese Kunst alle Leiden und Kämpfe, alle Unterdrückungs- und Ausrottungsversuche des rufstschon Herrenvo'lkes überdauert. Eine Milche Landwirtlchsktslchule. (Mit 3 Bildern.) Von Landsturmmann Fritz Ernst Bettauer. s ist vielleicht die schönste Erholung, die die an öder Eintönigkeit so reiche Etappe dem deutschen Soldaten zu bieten hat, daß er hier in der -unmittelbaren Nachbarschaft des Kriegesauch die Saat kommenden Friedens schon schüchtern aufgehen sieht. Daß die niederdrückende Wirkung des Krieges -als Gewohnheit und Dauerzustand bekämpft wird durch Taten, die von Nächstenliebe und Versöhnung, von Fürsorge für die Opfer des Krieges und von dem Guten im Menschen unaufdringlich und eindringlich reden. Eine ganz besondere Freude, die man in der Heimat wohl kaum voll nachempfinden kann, ist es, wenn mit solchen Werken des Wohltuns der Name der Heimat -aufs engste verknüpft ist, wenn man plötzlich staunend miterlebt, -wie Spenden Breslauer Wohltäter -die Kriegsnot