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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-03-01 · Heft 9 (1.3.1918) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 9 (1.3.1918)
Date
1918-03-01
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
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102 Tempetbezirk im kleinen. Nur der äußere Glanz des jerusalemifchen Tempels fehlt, obwohlauch dieser verhältnismätzig einfach, wenn auch mächtig gehalten war. Aeußere Einfachheit, die oft sogar so weit geht, daß im Stil der Zweck des Baues nicht ausgesprochen ist, ist der Wesenszug besonders der polnischlitauischen Synagogen, von denen von nun an die Rede sein soll. Wenn sie nicht das doppelte, oft dreifach gestaffelte Dach hätten, -das himmelweisend, das Gotteshaus Wer feine Umgebung Hinausheden soll, und mitunter einigen Schnitzzierat, so wären sie von den Wohnhäusern, an deren Baustil sie sich noch dazu oft anlehnen, kaum zu unterscheiden. Auch dursten sie von Staats wegen nicht sonderlich auffallend gebaut werden. Doch hat man schließlich das Gotteshaus gefunden, so geschieht es oft, daß man noch ein Stockwerk hinuntersteigen muh, ehe man die Herrlichkeiten entdeckt. Diese tiefe Lage ist nicht ursprünglich; erst die im Osten -übliche Anhäufung des Straßenschmutzes schuf die Verschiedenheit des' Niveaus, die schließlich nach Jahrzehnten durch Stufen ausgeglichen werden mutzte. Verbannte Demut ist das Wesen dieser Bauten, wenigstens in den nicht rein jüdischen Städten; doch in manchen von ihnen, besonders den Steinsynagogen, wie der von Zaragrod, -liegt auch ein gewisser Stolz. Denn sie ähneln kleinen Festungen und stammen meistens aus der Zeit, als die Juden noch willkommene Gäste der Polenkönige waren. Darin liegt anscheinend ein Widerspruch, denn Gäste brauchen sich nicht zu schützen. Aber diese Befestigungen, die in den Flügeln und Anbauten der Holzsynagogen sich erhalten haben, sind wohl einmal Sinnbilder' für die Macht und die Festigkeit des jüdischen Glaubens; anderseits aber ist es sehr lvahrscheinlich, daß sie Nachahmungen der Ecktürme der' Holzschlösser und Burgen des 15. und 16. Jahrhunderts sind. Unbewußt mag bei der Uebernahme dieser Bauart, gleichsam zu ihrer' Rechtfertigung, die Erinnerung an die gewaltigen Befestigungen des herodianischen Tempels mitgespielt haben. Nicht nur in dieser für den Osten bezeichnenden Einzelheit lehnen sich die Holzsynagogen an den Baustil ihrer Umgebung an. Schon daß sie überhaupt aus Holz bestehen und nicht aus Stein, ist für den Westeuropäer auffallend. Aber die Schlösser, und Landhäuser bestehen meist aus dem gleichen Stoff, denn Holz gibt es' bekanntlich in Fülle in Polen und Litauen. Es ist der billigste Baustoff, den den zugewanderten Juden meistens die Gutsherren selbst lieferten — so viel war davon vorhanden. Es war schließlich also ganz folgerichtig, wenn die Juden den Stil der Gutshäuser auf die Gotteshäuser übertrugen, sowohl aus Dankbarkeit als auch aus Berechnung. Und doch wieder ist nicht ohne weiteres anzunehmen, daß ein Volk mit einer so großen und zähen Ueberlieserung nicht im Stile seines letzten Wohnsitzes weiterbaüt. Da dem jedoch nicht so ist, muh man die Frage stellen, ob denn die Holzsynagogen überhaupt von jüdischen Baumeistern stammen. Die Frage muh im wesentlichen verneint werden. Mit ganz geringen Ausnahmen. An Hand folgender Punkte führt der Forscher östlicher Synagogenkunst, Matthias Versöhn, den. Beweis: 1. Die litauisch-polnischen Magnaten, wie die Radziwill und Lubomirski, ließen in vielen Fällen die Synagogen selbst bauen. Sie werden dafür natürlich ihre eigenen Baumeister verwendet haben. '2. Trotz eifriger Nachforschungen und Umfragen bei. den Gemeindevorstehern ist es nicht gelungen — mit zwei oder drei Ausnahmen, den Synagogen von Olkieniki und Lutomierz —, einen jüdischen Baumeister aus dem 17. und 18. Jahrhundert zu entdecken. Es ist aber im höchsten Grade unwahrscheinlich, daß die Juden in ihren Gemeindegeschichten, den sogenannten „Pinkos", die Namen der eigenen BauMnstler verschwiegen hätten.- 3. Noch heute kommt auf 20 bis 30 christliche Zimmerleute kaum ein jüdischer; «früher aber betrieben die Juden überhaupt nicht dieses Handwerk. Aus alledem geht hervor, daß die Holzshnagogen- bis auf wenige aus neuerer Zeit, Werke christlicher Baumeister sind. Dem entgegen steht die Ansicht einiger deutscher Gelehrten, nach der die. Juden zu ihrer Bauart durch die schlesischen Holzkirchen angeregt worden seien; doch ist dies nur eine Vermutung und als - solche nicht stichhaltig. Im übrigen wird die erste Ansicht spater noch erhärtet werden. Wenden wir uns nun zum Aeutzern der Holzsynagogen selbst. In einem kleinen Orte von 900 Einwohnern, Wysokie-Mazowieeki im Gouvernement Suwalki, liegt dieälteste Hollzsynagogedie ays dem 16; Jahrhundert stammt. Als Bers«chn. sie im Jahre 1870 zeichnete, war sie bereits so altersschwachdaß sie ein Jahr darauf abgebrochen werden mußte. Der Bau besteht also nicht mehr. Aber seine Art mutet uns Deutsche-so fremd an, daß schon aus den ersten Blick der Beweis geliefert ist: das ist kein aus Deutschlarrd mit den zuMvanderten Juden eingeführter Baustil, sondern es ist ein polnisches Bauernhaus, bester noch eine Scheune, auf einen quadratischen Grundritz gestellt. Das Dach ist typisch: die Urform ist das Strohdach der Bauernhütte. Für den heiligen Bau, der durch'seine Höhe die Umgebung überragen sollte, wurde es durch dreifache Staffelung stilisiert. Abweichend vom Grundriß des Bauernhauses mußten, dem Ritus entsprechend, nach dem die Frauen nicht mit den Männern im gleichen Raume beten dürfendie Anbautenentstehen, in denen die Frauenlogen sind. Und auch hier ist die Form des Daches erhalten. Die Eckdächer sind Verkleinerungen des Haüptdaches; die zwischen ihnen liegenden Formen ergeben sich in ihrer einfacheren Art von selbst. Die Steilheit sämtlicher Dächer ist einmal bedingt durch den Synagogenstil überhaupt, der in Ermangelung des Glockenturms sich dieses Merkmal gesucht hat; zum anderen aber durch die klimatischen Verhältnisse: bei eintretendem Tauwetter muhte, um ein Faulen des Holzes zu verhüten, das Wasser rasch abfließen. Freilich, unpraktisch war diese Bauart bei den Frauenlogen; denn die dazwischenliegenden Rinnen hätten so viel Schmutzwasser aufzunehmen, daß bei diesen wirklich' Fäulnis eintrat und' den frommen Jüdinnen' das Wasser auf 'den Klops tropfte. So katn man'bald" wieder vom dieser "Bauart ab, und die ' späteren Synagogen - bringen die Frauenräüme unter' .das - gemeinsame Dach; man steht sogar bei vielen von - ihnen noch Spuren der ursprünglichen Einzeldachform. Dies läßt darauf schließen, daß diese Bauform in. ganz Litauen und. Polen vielfach, verbreitet war. Fast ebenso .alt, aber viel schöner als die einstige Synagoge Won Wysokie-Mazowiecki ist die von Zabludow, einem Städtchen von 2000 Einwohnern südöstlich Biälhstok. Hier sind die Dächer des Frauenraumes bereits zu einem Zusammengefaßt; nur die der' beiden. Anbauten rechts und' links vom- Mittelbau erinüern an die älteste Form und-zugleich wie diese anvie Ecktürms der Hdlzschlösfer. Aber um - wieviel gefälliger Knuten - diese Aende'ru ngen u nd Fortschritte-derBäua-rt an. Wie -schön baut sich-väs dreigliedrige Dach des Franenraumes über dem mit einer Galerie versehenen oberen Stockverk auf, gekrönt voneinem kreisrunden Fenster, das der Mä-nnersynagoge Licht spendet. . Das kleine Dach schmiegt sich gut an das Hauptdach an. Außer dem runden Männereingang unter der Balustrade .besitzt die Synagoge noch zwei Nebeneingänge sowie einen Treppenaufgang, die in die Frauenbogen führen-. Bon der Seite «betrachtet, nimmt sich die Synagoge von Zubludöw gleichfalls nicht übel aus. Da sieht man deutlich die Entwicklung des Frauen-va-umes'. .Das ÄuG. vwbMM hitzn bereits sämtliche Logen, -und die Fenster, die auf der linken. Seite schon ganz fehlen, sind nicht mehr so eng nebeneinandder gesetzt wie früher. Nur will sich dieser seitliche Anbau nicht recht dem Hauptbau angliedern, so daß die Seitenansicht nicht den gleichen künstlerischen Reiz der Vorderansicht ausübt. Bemerkenswert ist hier nur der-breite Fries, der dicht unter der Dachrinne «hinläuft. AM Ganzes' bietet^ die Synagoge ein abwechslungsreiches Bild. Schon die verschiedene Behandlung der beiden Ecktürmchen vermeidet jede' Eintönigkeit. Der li-rrke ist die Wiederholung des Hauptdaches; der rechte ist: viel leichter und zierlicher gehalten. Daß die stitlichen Ansichten gleichfalls ver- .schiedenes Gepräge tragen, wurde .'bereits angedeutet. Die Synagoge von Zabludowgehört zu --den. < «bezeichnendst^ - des Ostens. Alle Motive: der Dachstuhl, die Ecktürme, die Balustrade, die seitlichen Anbauten, das steile'Dach find den Gutshöfen der Magnaten entnommen: Ein Radziwill soll! ihr Stifter sein; es ist also höchst unwahrscheinlich, daß ein jüdischer Baumeister Urheber des Bauwerks ist. Aehn lich liegt der Fall -bei der Synagoge von Wolpa im Gouvernement Groduo; im Baustil erinnert sie . stark an die vorige, während -wir in Pohrobyszcze, Gouvernement Kiew (Ukraine),, einen Ban. vor uns habender zwar gleichMs Aablndower Formen , zeigt, aber doch einen Mnsiler von« ausgesprochenem persönlichen Geschmack zum Schöpfer haben muß. Auch hier liegt eine Schenkungder ehemaligen' Bescher des- Städtchens vor; sie lieferten die EichenstämMe, aus denen die Synagoge

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