Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 zu hören bekommen; wir werden uns dadurch weder in unserer Gesinnung, noch in unserem Verhalten wankend machen lassen. Bedenklicher und nicht so kurz abzumachen ist ein anderes Vorkommnis. Im Deutschen Reichstag hielt bei der Beratung des Friedensvertrages mit der Ukraine, der übrigens in allen drei Lesungen mit großer Mehrheit angenommen wurde, Herr Dr. Cohn von den Unabhängigen Sozialisten eine Rede, die eine große Lärmszene hervorrief. Ueber diese Rede und den darauf folgenden Tumult berichtet das „Berliner Tageblatt": Mg. Dr. Cobn (U. Soz.): Wir lebnen diesen Vertrag ab, weil er eine Vergewaltigung der Polen enthält. Die sogenannten Hilferufe aus dem Baltenland sind nur Vorwände für längst McftTofferte Annexionen. (Unrube.) Die Svmpathieerklärunaen des Rates von wandern für Deutschland eröffnen die Aussicht auf Sonderfriedensbestrebungen mit Flandern. Der Redner bespricht^ dann die Entstehungsgeschichte des Krieges und wird Zweimal zur Sache gerufen. Das deutsche Volk muß wie alle Völker sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, aeaen die Fürsten und Staatsmänner, gegen den Militarismus. (Lebhafte Unruhe im ganzen Hanse, ^uruke rechts: Landesverräter! — Zurufe der Fortschir. Volkspartei zur Rechten: Den Mann haben Sie gewählt! — Gelächter der Unabbängiaen Soz.) Ein solch kurzer Bericht ist natürlich nicht imstande, ein vollkommen zutreffendes Bild des Vorganges zu gewähren. Soviel geht daraus hervor, daß der Abgeordnete mit dielen Worten zur Revolution aufgerufen hat. Dagegen Protest einzulegen. halten wir für unsere Pflicht. Wir würden uns dazu genötigt sehen als freunde 'der Ordnung und Anhänger ruhigen gesetzlichen Verfahrens, wenn irgendein beliebiger Reichsbote solche Worte gesprochen hätte; wir fühlen uns in um so höherem Grade dazu gedrängt, da der betreffende Abgeordnete Jude ist. Bei dem unlöblichen Verfahren unserer Gegner ist es nickt nur möglich, sondern wahrscheinlich, daß die antisemitische Rotte, auf solche Worte hinweisend, diese als Gesinnung der gesamten Iudenheit herausbebt. Wir wollen daher keinen Zweifel aüfkommen lassen, müssen vielmehr aufs entschiedenste behaupten, daß Herr Dr. Eobn nur seine persönliche Ansicht und die eines kleinen Häufleins von Parteigenossen ausgesprochen hat, nicht aber die unserige. Auch wir sind freunde der Freiheit, aber wir verwahren uns aufs entschiedenste daaeaen. daß dieser wilde Ausruf des Haffes, dieser ungezügelte Aufruf zu gesetzlosem Treiben irgendwie der Anschauung der Juden entspräche. Wir sind und bleiben freunde der Dreiheit, aber wir werden keinen Schritt abweichen von der Bahn des Rechtes und des Gesetzes und haben mit den Anschauungen des Herrn Cohn nicht das Allergeringste gemein. . W Das Jüdische Preßbureau in Stockholm veröffentlicht folgende Nachrichten, für die wir ihm die Verantwortung überlassen müssen: D a s Sy sie m D j e m a l P a scha §. Die „Jüdische Wiener Morgenzeituug" bringt in ihren Nummern vom 30. und 31. Januar sowie vom 2. Februar d. I. einen Artikel: „Die Wahrheit über Palästina", der trotz aller Streichungen der 'österreichischen Zensur einen guten Einblick in die Leiden der palästinensischen Iudenheit während des Krieges unter' der Herrschaft des militärischen Despoten Djemal Vascha. gewährt und insbesondere gewisse Vorgänge der letzten Monate in Palästina ans Licht zieht, von denen die europäische Oefsentlichkeit bisher nur wenig erfahren hat. Das Blatt knüpft an die vor kurzem erfolgten Erklärungen türkischer Regierungsmänner über die Stellung der Türkei zur jüdischen Kolonisation Palästinas an und bemerkt mit Recht, daß die türkische Regierung für das System Djemal Paschas die volle Verantwortung trägt, da sie seine unmenschlichen Taten geduldet hat und noch weiter duldet. Djemal Pascha ist von -einer krankhaften Feindseligkeit gegen die jüdische Kolonisation besessen. Er verdächtigt die gesamte Iudenheit des Verrates und der Spionage und verfolgt deswegen die gesamte jüdische Bevölkerung des Landes. Die von ihm ungeordneten Maffenvertreibungen ganzer Gruppen von Juden ausdem Lande, die Verhaftungen der angesehensten Personen tnt Lande haben dem AnseKen der Türkei vre? geschadet. . ' Ohne auf die bereits bekannten Taten Djemal Paschas Mgendie Juden Palästinas feit Ausbruch des Krieges einzugehen, erWlt dann das Blakt eine Reihe grauenhafter Einzelheiten über die furchtbaren Verfolgungen, welche die jüdische Bevölkerung in den allerletzten Monaten im Zusammenhang mit den Kriegsereignissen in Palästina erdulden mußte. Im September 1917 ist ein Jude namens Näaman Belkind ergriffen worden, als er durch die Front nach Aegypten kommen wollte. Bei der Untersuchung, die nach allen Regeln der Inquisition durchgesühvt wurde, beschuldigte Belkind einige Juden der Spionage. Einer von diesen, namens Joses Liszanskh, zog die gesamte Organisation der jüdischen Koloniewächter „HaschöMer" und andere jüdische nationale Kreise herein. Belkind und Liszansky würden« in Damaskus zum Tode verurteilt (nach anderweitigen Informationen wurden ste dann zu lebenslänglichem Kerker begnadigt. ~ Das Jüdische Pressebureau). Zwei andere Beschuldigte, Sara Aronsohn und Schwarz, sollen im Gefängnis Selbstmord begangen haben. Es ist aber die Annahme begrüm«det, daß sie durch die an ihnen angewendeten Inguisttionsrnothoden gestorben sind. Der Vater der Frau Aronsohn, ein unschuldiger, angesehener Greis, ist infolge der Mißhandlungen wahnsinnig! geworden. (Hier folgt eine lange Zensurlücke.) Ueber die Art der Untersuchung berichtet das genannte Blatt, daß die Beschuldigten mit glühenden Eisenstangen auf der Brust, mit Prügeleien aus die Fersen und sonstigen furchtbaren Peinigungen und Martern bearbeitet wurden; man kann sich eine Vorstellung davon machen, welchen Wert Geständnisse unter solchen Bedingungen haben. Und diese Jnquisitionsmethoden wurden gegen die gesamte jüdische Bevölkerung angewendek! Viele Kolonisten in Galiläa und insbesondere die , Mitglieder des „Haschorner" haben darunter schrecklich gelitten. Diese seltsame Untersuchungsmethode wird aber nicht nur gegen Spionageverdächtige angewendet, sondern auch bei gewöhnlichen Haussuchungen nach Waffen und dergleichen. So war es in den Kolonien Schichron Jakob, Dheman und Kinereth. Eines schönen Tages umzingelt eine Militärabteilung die Kolonie, schleppt alle Kolonisten in ein Lokal und man beginnt in den Wohnungen nach Waffen zu suchen.' (Lange Zensurlücke.) Wie leicht und grundlos man unter dem Regime Djemal Paschas in Verdacht geraten kann, beweist der Prozeß gegen den „Haschorner". Trotz aller barbarischen Jnquifitionsmittel .konnte keinem einzigen der Mitglieder 'dieser Wächterorganisation das ihnen vorgeworfene Verbrechen nachgewiesen werden, denn die angeklagten Wächter ertrugen mutig und heldenhaft die größten Qualen und Peinigungen und ließen sich kein Geständnis erpressen. Die Unsicherheit im Lande illustrieren ferner folgende Fälle: In Tiberias wurde -der jüdische Bankdirektor Ben-Towim verhaftet, weil irgendwo im Lande englisches Geld gefunden wurde. An einem anderen Orte wurde ein Ingenieur zur Verantwortung gezogen, weil man bei ihm einen photographischen Apparat gefunden hatte. In Kinereth wurde Frau Channa Meisel, eine angesehene Schulleiterin, von einem jungen Offizier geprügelt und beleidigt. In einer anderen Kolonie hatten die Offiziere die Frechheit zu fordern, daß man ihnen die Frauen der Kolonie ausliefere. Sie stießen aber auf den Widerstand der Kolonisten und Wächter. Für die Juden wurde ein Verbot des Reifens von einem Ort in den anderen erlassen, und dies rief bei der nichtjüdischen Bevölkerung den Eindruck hervor, daß die Juden vogelfrei seien. In einer Moschee in Jerusalem wurden die zahlreich Versammelten von einem Pascha, öffentlich zum Haß gegen die Juden ausgereizt. Den jüdischen Kolonisten und Wächtern wurden die zur Bewachung und zum Schutz der Kolonisten bestimmten Waffen ausnahmslos weggenomwen,. während die Beduinen im Besitze ihrer Waffen bleiben durften. Aus diese Weise sind die Kolonien den Ueberfällen der Beduinen wehrlos ausgeliefert worden. Die Verfolgungen Djemal Paschas gegen die Juden setzten gleich bei Ausbruch des Krieges ein, noch bevor irgendwelche Spionagesülle Vorkommen konnten und als die ganze jüdische Bevölkerung im Lande vom patriotischen Geiste .gegenüber der Türkei erfüllt wor. Djemal Pascha benutzte den Kriegszustand, um die ganze verhaßte Kolonisation ein für allemal zu zerstören. Diesem Zwecke sollten alle Verhaftungen und Vertreibungen, alle Inquisitionen und strengen