Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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99 mehr beschäftigen; das hieße Krastverzettelung, sie gehörten dann ganz und gar derMenschheit ohne Einschränkung. Aber wer da glaubt, daß einer Spndergruppe von Menschen um ihrer Denkart willen wertvokleKräfte zueigen seien, der muß die Gruppe erhaltendamit der Quell dieser wertvollen Kraft nicht verlorengeht, sondern in ewiger Neuschöpfung fortwirkt. Löst er die Gruppe auf, so setzt er ihre Glieder Einflüssen aus, die die Kraft verdünnen. Und kommt denn die Kraft nur der Gruppe zugute? Sie wird ja doch, und das ist die alleinige Hauptsache, dem Dienst am Menschen zugeführt, Um der Aufgabean der Menschheit willen haben wir das Odium, Andersdenkende zu sein, jahrhundertelang getragen. Was ist denn heut schon geschehen, daß wir. abtreten sollen? .Weil wir der.UeberzeuMyg>sind, daß wertvolle Kraft in uns ist, daß die religiösen Gedanken, . die wir bislang allein vertreten, der Menschheit notwendig sind, darum ist unser Sinnen auf unsere Erhaltung und Festigung gerichtet. Treten wir ab, verfiele unser Denken, und was hätte die Menschheit davon Gewinn? Mit jedem Juden, wahrhaftem Juden, der als Jude lebt und Judentum fortgepflanzt, erwachst ein neuer Kämpfer des mesiianischen Gedankens, und gerade, weil wir Juden bleiben, tönt um so . voller der Chor derer, die mit dem Autor rufen: „Es lebe die Menschheit!" Berlin, 26. Februar 1918. as Chaos der russischen Verhältnisse scheint sich einigermaßen zu entwirren. Schon bevor die letzte Nummer dieses Blattes erschien, wurde im Deutschen Reichstag die offizielle Mitteilung gemacht, daß ein neues Friedensangebot seitens der gegenwärtigen russischen Regierung an die unfrige ergangen ist. Eine offizielle Bestätigung ist seitdem eingegangen; von wirllichen Verhandlungen hat man jedoch nichts erfahren. (In letzter Stunde kommt die Nachricht, daß die Unterhändler unterwegs sind und daß nun wirklich Ernst gemacht, wird.) Trotzdem dauert unser Vormarsch. weiter: in Estland und Livland, wo unsere Truppen als Befreier ausgenommen worden sind. Reval und Dorpat sind in unserem.Besitz. Dabei ist eine große Zahl von -Gefangenen gemacht und ungeheure Beute an Lebensmitteln, Munition und Eisenbahnwagen etngebracht worden. Auch unsere Verbindung mit de» Truppen der Ukraine hat sich vollzogen. So ist zu hoffen, daß wir dem gewaltigen verbrecherischen Treiben der Roten Garde Einhalt tun und die russische Regierung Wirklich bald zum Frieden zwingen werden. Auch sonst mehrt sich wie das Friedensbedürfnis so das Verlangen, ernstliche Friedensverhandlungen. vorzubereiten. In England-wird das Verlangen in der Presse, in Arbeitervevsammlungen ausgedrückt; in Frankreich sind von den Sozialisten geradezu Beschlüsse gefaßtworden, die -weit von den-offiziellen Erklärungen der Machthaber abwetchew, z. B. von der Rückgabe sämtlicher deutschen Kolonien an Deutschland sprechen, die auch nicht die Wiedererstattung Elsaß- Lothringens fordern, sondern ausdrücken, daß die Bewohner jener Provinzen durch Volksabstimmung über ihr eigenes Schicksal entscheiden sollen.. -Wennauch in Italien große Reden geführt, werden, die Werfließenam Festhalten an ihren Kriegszielen, so sind die Verhältnisse im Süden nicht derartig, daß man eine Erreichung dieser Mäwe zu fürchten hat. Denn die Unzufriedenheit, NePch dort gegen die Ententemächte und gegen die Lauheit Amerikas gegenüber den italienischen Plänen ergibt, ist gewaltig und die Not nimmt einen so erschreckenden Umfang an, daß man an. einer langen Dauer des .italienischen . Widerstandes und 'der Kampfeslust billig Zweifel hegen darf. Ebenso wie mit Rußland scheint mit Rumänien der Friede nahe zu sein. Darauf deutet nicht nur das Gerücht, daß gegen Bratianu, den schlimmsten Kriegshetzer, eine Untersuchung angestellt werden soll, sondernl Tatsachen. Die eine ist, daß Rumänien den Ententemächten die Erklärung abgegeben hat, eS fühle sich nicht mehr an die mit jenen - geschlossenen Verträge gebunden; die andere ist, daß von rumänischer wie von deutscher Seite Vertreter abgeordwet worden sind, die über den Frieden zu verhandeln haben. Auch die Ententemächte haben Rumänien vollkommen preis- . gegeben, und es ist nur zu wünschen, daß dieses Land sich endlich auf feinen wahren Vorteil besinnt und zu Kreuze kriecht. Dagegen hört man nichts von einer Selbstbesinnung .Serbiens. .Vielmehr hat der in England weilende König jenes Landes, von dem man lange nichts gehört hat, seiner Zuversicht Ausdruck gegeben, bald wieder in den Besitz seiner Herrschaft zu gelangen. Worauf er diese Hoffnung gründet, hat er wohlweislich verschwiegen. Von wirllichen Kriegshandlungen ist, abgesehen von den außerordentlichen Fortschritten in Rußland, nichts zu melden, außer der wirksamen Fortsetzung des U-Boot-Krieges und der erfolgreichen Beschießung englischer und französischer Küsten und Städte. Aber eine Offensive, von der man schon lange spricht, ohne zu wißen, von welcher Seite sie erfolgen soll, hat noch nicht begonnen. Auch die Elemente sind unseren Feinden ungünstig gewesen. Französische Schiffe, ein großer englischer Geleitzug sind durch Explosionen und gewaltige Stürme vernichtet worden. Dagegen ist ein deutsches Schiff, der Hilfskreuzer „Wolf" nach 15monätiger Fahrt zurückgekehrt und hat Hunderte von Gefangenen und eine riesige Menge von Vorräten heimgebracht. Das ist eine Heldentat ersten Ranges/zu der unsere Marine beglückwünscht werden darf. - Im Gegensatz zu diesen erfreulichen Taffachen und Aussichten sind die innerpolitischen Verhältnisse wenig erquicklich, Die Wahlrechtsvorläge ist in ihrem wichtigsten Paragraphen von dem parlamentarischen Ausschuß abgelehnt worden. Damit ist das Schicksal der Vorlage zwar noch nicht endgültig besiegelt, denn die Abstimmung im Plenum kann ein anderes Resultat ergeben als in einer Kommission, zumal die Entscheidung bei den Nationalliberalen liegt, die eine große Geschicklichkeit im Umfallenbesitzen. Mer es bleibt doch betrüblich, daß die großen politischen Parteien, von denen in Preußen das Wohl des Landes abhängt, sowenig Einsicht in die Verhältnisse, so geringes Verständnis für die Bedürfnisse besitzen, daß sie eine dringende Forderung der Zeit, eine von der Regierung versprochene Vorlage rundweg ablehnen, daß sie aus ihren veralteten Meinungen, ihrem unzeitgemäßen Standpunkte verharren und sich gegen eine Aenderung erllären, die uns gerade in den Augen unserer Feinde zu erheben und deren Vorwürfe gegen unsere Rückständigkeit zu entkräften imstande ist. Einem solchen unbegreiflichen Vorgehen gegenüber bleibt zu hoffen, daß die Regierung, eingedenk ihrer Verheißungen, Mittel finden wird, diese rückschrittlichen Ansichten zu bekämpfen und schon jetzt einen Widerstand zu brechen, der, wenn er mit Erfolg fortgesetzt werden sollte, nur dazu dienen kann, unser Ansehen im Auslande zu schädigen und unsere innere Entwicklung überflüssigerweise aufzuhalten. In der großen Heerschau -der Landwirtschaftler. die vorige Woche stattfan-d, hat Herr v. Oldenburg wiederum seine beliebte Redensart über und gegen die Juden losgelassen. Der dröhnende Beifall, den solche Tiraden früher entfesselten und auch jetzt noch Hervorrufen, mag uns betrüben, regt uns aber nicht sonderlich auf. Wir sind an derartiges gewöhnt, werden es wohl auch in Zukunft vielleicht in etwas veränderter Form