Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229348--73816-3286279- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
98 gemeinschaft wird und wo unser Widerspruch einsetzen muß.' Für ihn ist jeder engere Verband innerhalb der ganzen großen Menschheit Isolation. Absonderung. Auflösung deS Zusammenhanges mit der Menschheit. Aber diese Gegenüberstellung von Isolation und Zusammenhang ist grundsätzlich falsch, denn es ist nicht so. daß jede Betonung einer Eigenart Isolation ist; man kann den stärkeren Zusammenhang einer Menischheitsgruppe innerhalb ihrer selbst, durch Geschichte und gemeinsamen Willen, wohl betonen und dabei ein starkes, überstarkes Menschheits-Zusammenhangsgefühl, ein starkes Verantwortlichkeitsgesühl für das Schicksal der Menschheit im Herzen tragen. Worin erblickt er nun die Isolation, die in der Existenz einer Jndenheit läge? Für ihn ist nicht etwa bloß der Zionismus Isolation, sondern der jüdische Kult überhaupt. Er leugnet einfach das Gegebensein eines jüdischen Bewußtseins aus geschichtlichem Zusammenhang, eines inneren Gefühls der Gemeinsamkeit untereinander und mit Ahnen aus Geschichte und gemeinsamen Gedanken und Zielen. „Die Tatsache Judentum, die Tatsache irgendeiner Gemeinsamkeit der Juden liegt nicht in der Natur, sondern nur in ihrer Isolation. Woher aber, wird man noch fragen, eben diese Isolation? Aus dem Kult, antworte ich. Wer Sabbat macht und beschneiden läßt, ist isoliert. Es ist auch nur ein Kult, gar keine wirkliche Religion mehr." Hier liegt der Kernpunkt. Und von hier geht eine Kette von Jrrtümern aus. Es ist darauf zu sagen: Vor allem ist es nicht wahr, daß das Judentum nur ein Kult sei und keine Religion. Eine sehr lebendige, zukunstsreiche sogar! Judentum und Christentum zum Beispiel unterscheiden sich ja nicht bloß durch einen verschiedenen Kult, sondern vielmal mehr durch die verschiedenen Gedanken über Gott. Mensch und Welt. Judentum ist die Religion, die neben die Hoheit Gottes die Selbständigkeit der sittlichen Persönlichkeit des Menschen aufpflanzt, diesen Gedanken unter allen Religionen der Welt allein mit Entschiedenheit vertritt, ja eben daraus das Zentrum einer Religion, eines Verhältnisses zu Gott gemacht hat. Judentum ist die, Denkweise, die aus dem Glauben an das Gute im Menschen eben eine Religion gemacht hat, die aus dem Messianismus, der Menschheits- Hoffnung, eine Religion aemacht hat. Der Kult ist nur das Symbol dieser Denkart. Man kann ja, wie das Beispiel vieler gläubiger Juden zeigt, sogar mit diesem Kult in vielem brechen, und doch Jude, religiöser Jude sein. Aber es ist auch ferner nicht wahr, daß der Kult etwas Isolierendes ist. Er wäre es, wenn er dazu da wäre. Menschlichkeitsgesinnung auszuroden; aber da er doch, wie alles echt Religiöse, Menschheitswerte begründen und festigen, Menschheitsgesinnung erzeugen will, wie soll er da ein Isolierendes sein? Man könnte umgekehrt sagen, je mehr Kult, um so tiefere Menschheitsgesinnung. Warum aber nennt Rubiner den jüdischen Kult ein Isolierendes? Well, sagt er. dieser im alten Orient zu Hause, in allem Wesentlichen nickt mehr zu den Tatsachen des neuen Abendlandes paßt. Wie durchaus schief! lGewiß, es stammt dieser oder jener kultische Brauch aus orientalischer Lebensgewohnheit, aus der mit dem Orient verknüpft gewesenen Geschichte, aber in allem Wesentlichen da ist weder Orient noch Abendland, sondern einfach Religion, Stellung und Lösung von Menschheitsfragen. Wenn ein Jude z. B. den Versöhnungstag begeht, was hat das mit Orient zu tun? Das steht im Mttelpunkt seines Denkens die ewige Menschheitssrage der Aenderung des Sinnes, des rechten Handelns, der Besierung. Inwieweit sollte das nickt zu den Tatsachen des neuen Abendlandes Pasten? Wenn ein Jude Paffah feiert, so ist ihm ja nicht die Mazzoth die Hauptsache dabei, sondern da will er aus dem Erlebnis seiner Ahnen neu für sich die Antwort auf die Frage finden: Wie wird man ein freier Mensch, wie lebt man als Freier? Was paßt da mcht zu den Tatsachen des neuen Abendlandes? Und wenn der Sabbat etwas Isolierendes sein sollte, weil er auf orientalisches Weltbild in der Schöpfungstheorie zurückginge, so müßte man über den Sonntag und jeden wöchentlich wiederkehrenden Muhetag dasselbe Verdskt fällen. Man kann ruhig Ruhiners These Mnkchren; sagt er vom Judentum, sein Kult stimme „in allem Wesentlichen^ nicht zu den Tatsachen des Abendlandes, so möchte man umgekehrt sagemim ,;Unwesentlichen" vielleicht nicht, aber gerade im Wesentlichen stimmt er zum Abendland und zu jedem Fleck auf . Erden, wo Menschen leben und zum Menschen streben und nach Heiligung der Seele verlangen. Ach, und welches sind denn die bewunderten Tatsachen des Abendlandes, um derentwillen der Kust als Isolation fallen sollte? Das 'Abendland "hat Technik, Organisation und * Wissenschaft geboren, hat Denkfreiheit erstritten, aber was die großen' Menschheitsgedanken anlangt, was das Abendland da bisher gebracht hat, das ist in den fruchtbaren Epochen und in den überragenden Persönlichkeiten Vertiefung und Wiederentdeckung, denn die großen Menschheitsgedanken selbst sind doch im Orient gedacht worden, und selbst was in Rubiners Denken, unter uneingeschränktem Lobe, das Ausschlaggebende ist, die Menschheit als Angelpunkt des Lebens und Denkens jedes einzelnen, ist das nicht auch ein Gedanke, der im Orient geboren ist? Beinahe könnte man aus den Erlebnisten von heut mit bitterer Ironie sagen, „er" passe nicht zu den Tatsachen des neuen Abendlandes. Hier und da wären gegen einzelnes Einwendungen zu machen. In seiner Polemik z. B. gegen Bubers Versuch, den jüdischen Mythos zu neuem Leben zu erwecken, ist zunächst viel Richtiges. Es ist in der Tat ein aussichtsloses Bemühen, aus einen Mythos, der nicht mehr lebendig im Herzen ist, eine neue Frömmigkeit aufzubauen; ganz abgesehen davon, daß es trotz Buber doch wahr bleibt, daß alles Vorwärtsführende im Judentum gerade von der Ueberwindung des Mythischen stammt. Aber wie unendlich störend ist in der Polemik Rubiners sein Versuch, das Mythische im Judentum auf altbabylonischen Sternenglauben zurückzuführen. Was je jemand von Astralmythen phantasiert hat, nimmt er, der sonst von Kritik Durchtränkte, kritiklos als Wahrheit hin. Aber selbst in ihrer Verzerrung noch muß man die jüdische Mystik, die noch in ihrer Entartung einen so tief ethischen Charakter hat, selbst wenn man sie ablehnt, gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, Abklatsch babylonischer Sternenmhthen zu sein. Sternenmythos wird nie ethische Energie freimachen, und Rubiner versteigt sich doch sogar zu der Behauptung, daß selbst der prophetische Messianismus, diese reiffte Frucht, edelster Menschheitsgesinnung, eine Auswirkung vom Sternenmythos sei. Kehren wir zur Hauptsache zurück! Was will Rubiner schließlich? Er verlangt, daß man um der Menschheit willen;ede Form eines Sonderdaseins, jedes Bewußtsein einer Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit im kleinen aüfgeben solle. Auf uns angewandt hieße das, wenn man die ganze Menschheit will, muß man nicht Jude, gleichviel in welchem Sinne und welcher Auffassung, sein wollen, sondern nur und einzig und allein Mensch. Das alte Rezept, das unS schon viele Menschheitsapostel verordnet haben, daß man zugunsten der Menschheit sich zunächst selbst aufgeben müste. Aber indem man sich aufgibt, hat man der Menschheit noch lange keine Kraft zugeführt, hat man ihr durchaus keinen Dienst erwiesen. Wir sind zu unserer Menschheitsgestnuung gekommen, weil das Judentum in ihr gipfelt. Wenn der Quell zu fließen aufhört, wer bürgt dafür, daß der Strom der Gesinnung in alter Stärke bleibt, daß er ewig sich erneut? Wer bürgt dafür, daß die harten Tatsachen und Enttäuschungen des Lebens nicht die Menschheitsgesinnung ertöten, die die Energie der religiösen Forderung allen Enttäuschungen zum Trotz immer aufs neue aufpflanzt und als ragendes Wahrzeichen hochhält? Rubiner denkt, wenn eine Sondergruppe wertvolle Kräfte erzogen hat, sollen diese Kräfte sich mit der Sondergruppe nicht