Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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82. Jahrgang. Nr. 9 Berlin, f. März 1918 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint «Schentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verttiebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 01. — Postscheckkonto 324» SegrSndet von Rabbiner Dr. Ludwig PHMppfon Unter Leitung des Geheimen Regienmgrrats ProWor Dr. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46 49, zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. -Der Mensch in der Mitte." Von Rabbiner Dr. DienejflllJUIi* mann (Ratibor). — Die Woche. — Die Holzshnägoaen im Osten. Von Landsturmmann Walter Jäger. — Die jüdische Landwirtschaftsschule. Bon Landsturmmann Fritz Ernst Bettauer. — Unbekannte Briese Moses Mendelssohns. VonLudwigGeiger. — Feuilleton: Der Weg des jungen Hermann Kahn. Don Clementine Krämer München). — Büchereinlauf. — Sprechfaul. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums")- Berlin, Posen, Dresden, Zweibrücken, Hamburg, Göttingen, Frankfurt a. M., Mainz, Metz, Wien, London. — Von Nah und Fern. „Ser Mensch in der Mitte">. Don Rabbiner Dr. T iencmann (Ratibor). - II. . in Kapitel des Buches ist unter der Ueberfchrift „Legende vom Orient" der Auseinandersetzung mit dem Zionismus gewidmet, und diese Auseinandersetzung ist derart, daß man zu ihr Stellung nehmen muß, und um so mehr, je mehr man sonst mit der ethischen Tendenz des Buches einverstanden ist. Der Autor lehnt den ZioniBnus ab, aber es geschieht dies zu einem Teile aus Gründen, denen man entgegentreten muß, auch wenn man selbst Nichtzionist ist und die Grundvoraussetzung des Zionismus nicht anerkennt. Man kann den Zionismus aus den verschiedensten Gründen ablehnen, aber die gemeinsame Wlehnung braucht noch nicht einen gemeinsamen Boden der Stellungnahme zu bedeuten; sie darf nicht blind machen gegen die Gründe, aus denen einer kämpft; sie bedeutet noch nicht, daß man dasselbe positive Ziel hat. Ein gut Teil der Gründe und der Gedanken, die in dem Buche vorgetragen sind, richtet sich im letzten Grunde nicht bloß gegen den Zionismus, gegen die Bewegung, die das Nationale als den Grund der jüdischen Gemeinsamkeit ansetzt und in der Erweckung und Pflege eines jüdischen Nationalgefühls das Mittel der Befestigung der jüdischen Gesamtheit erblickt, sondern richtet sich letztlich gegen die Existenz eines Judentums, einer Judenheit überhaupt. Die Grundforderung deS Kapitels ist keine neue: es ist dieselbe, die uns schon so viele Menschheitsapostel entgegengebvacht haben, es ist die alte Forderung, daß, wer die Menschheit wolle, wer ernst und aufrichtig die Menschheitsgesinnung im Herzen trage, jegliche Form eines Sonderdaseins aufgeben müsse.' „Was soll da noch falsche Scham, was noch Maskenzug mit Orient, Zion, Judenschaft! Den Mund auf! Keine Sekunde mehr! Wir können nur noch schreien: Es lebe die Menschheit!", so schließt das ganze Kapitel ab. ES wäre schon aus diesem Schluß ersichtlich, daß die Konsequenz dieser Stellungnahme nicht bloß die Ablehnung eines Sonderdaseins als jüdischer Nation, sondern auch die Ablehnung einer jüdischen Religionsgemeinschaft sein müßte; man braucht diese Folgerung aber nicht bloß zu erschließen, sie ist in dem Kapitel selbst deutlich genüg-ausgesprochen. An ihm kann man also nicht widerspruchslos vor- . Siehe Leitartikel der vorigen Nummer. . .. . übergehen. Ueberlassen wir den Wortführern des Zionismus auszusprechen, was sie gegen die Ablehnung ihres Zieles zu sagen haben, und sprechen wir. aus, was uns an des Autors Ausführungen, nach unseren Ueberzeugungen und nach unserer Erkenntnis falsch und was richtig erscheint. Er setzt ein mit einer Kritik von Bubers Ausführungen in seinem Buche: Vom Geist des> Judentums. Dort hatte Buber, der Wortführer einer auf die Erweckung und Erneuerung der Religiosität hinzielenden Richtung im Zionismus, eine Theorie aufgestellt von dem Unterschied zwischen dem orientalischen Menschen, als dessen einer Typ der Jude zu gelten habe, und dem abendländischen Menschen; der Orientale sei der motorische Mensch, der seine Empfindung, seine Seele in die Welt hineiuträgt, der Abendländer der sensorische Mensch, der seine Umwelt in. sich aufnimmt; der Abendländer begreife seine Empfindung aus der Welt, der Orientale die Welt aus seiner Empfindung. Was Rubiner nun 'gegen das Gleitende und , Fließende einer solchen Begriffsfestsetzung anführt, wie er zeigt, daß das alles willkürlich ist, das ist, wenn auch mancherlei von Bubers Ausführungen unrichtig aufgefaßt und darum falsch gedeutet ist, doch 'im wesentlichen richtig. So begrüßenswert an sich gegenüber dem Nichts-als-nationalen-Zionismus die Bubersche Richtung mit ihrer Tendenz der Erweckung und Neubelebung jüdischer Religiosität ist —ist sie doch eine Abkehr von der ursprünglichen These, daß das Nationale allein das Grundlegende im Judentrmr ist, und ein energischer Versuch, dem Religiösen seinen Wert zuzuerkennen, eine Abkehr von dem Glauben, es könne eine jüdische Bewegung geben, die nicht zum religiösen Problem Stellung nehmen müsse —, man sieht doch aufs neue, . daß es seine Schwierigkeit hat, auf dem von Buber beschnittenen Wege eine Erneuerung der Religiosität zu suchen, eine religiöse Eigenart der Judenheit zu erweisen und zu festigen. Auch sonst ist viel Richtiges in Rubiners Ausführungen. So wenn er gegen den Nationalismus an sich, nicht bloß gegen den jüdischen, Stellung nimmt und sich dagegen wendet, daß man nach dem Ereignis dieses Krieges, dieses Endeffekts der allgemeinen Nationalisierung der Erde, fordert, die Welt müsse noch stärker nationalisiert werden. Man kann gegenüber denen, die aus dem Ausbruch und dem vermutlichen Ausgang dieses Krieges die Folgerung ziehen, daß die Welt. nun. erst recht im Zeichen der Vorherrschaft des Nationalismus werde stchen müssen, gar nicht ernst genug der Angst Ausdruck geben, daß damit der Haß und die Reibung verewigt würden, gar nicht ernst genüg betonen, daß umgekehrt das ganze Leid der Gegenwart aus der zu starken Anbetung des Nationalismus gekommen ist und daß nur eine Sinnesänderung hier wahrhaft helfen kann. Soviel Richtiges aber auch an Rubiners Kritik an Buber und am politischen Zionismus sein mag, es kommt dann eben ein Punkt, wo die Stellungnahme gegen den Zionismus zugleich zu einer Ablehnung des Judentums als einer Religions-