Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1918)
- Date
- 1918-02-15
- Page
- Seite 84 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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84 Er half lieber im Laden verkaufen, besonders das Abwiegen der Spezereiwaren nrachte ihm großes Vergnügen. Oder er unterhielt sich mit den Bauersleuten in ihrem Dialekt. Oder er faß droben auf dem Speicher, wo die Katzen, die der Großvater sehr liebte, zwar übelriechenderweise!daheim waren und Wochenbett und andere Familienfestlichkeiten abhielten, wo es aber auch allerhand Herrlichkeiten zu durchstöbern gab. Ein alter sonderbarer Haubenstock mit einem wunderlich aufgemalten Frauengesicht fand sich da und alte Bücher, in denen noch Großmutters Mädchenname stand, mit hebräischen Buchstaben hineingeschrieben. Und bei dieser Gelegenheit kam es' dem Enkel zum erstenmal in den Sinn, daß — ja richtig — daß auch Großmutter einmal jung gewesen sei und nicht ihrer Lebtag eine Großmama. Und als ihr Hermann diese Entdeckung mitteilte, da erzählte sie ihm sogleich, >daß sie ein sehr schönes Mädchen gewesen wäre, die schönste im ganzen Dorf — wie alle Großmamas —, und daß sich die jungen Männer aus dem Tanzboden um sie gerissen hätten — wie um alle Großmütter. Da konnte aber der lose Bub, der sich nun mal bei den Großeltern alles herausnehmen durfte, sich nicht enthalten zu sagen — und der Großvater, der sei gewiß der Beste gewesen in der Schule — wie alle Großväter. Und da fanden sich ferner da droben auf dem Speicher die Vorräte für den Laden. Und besonders der Sack mit den gedörrten Pflaumen und die Kiste mit dem Kandiszucker interessierten Hermann sehr. Und dann war da der nette kleine Verschlag, wo die Bettfedern drin abgewogen wurden, damit sie nicht im ganzen Hause herumfliegen konnten. Diesen Verschlag hatte Hermanns Vater einst selbst ausgemalt, an den Wänden und an der Decke, die man mit der ausgestreckten Hand leicht erreichen konnte, mit lauter kleinen blitzblauen Blümchen. Damals war Julius Kahn gerade aus >der Schule gekommen und er wollte nicht, daß sein Vater länger „handeln" ging mit Lumpen und Knochen, weil nichts dabei herauskam. Und hauptsächlich, weil er lieber ein „Kaufmannssohn" heißen wollte. Und richtete unten das Spezereiwarenlädchen ein, das die Großeltern heute noch betrieben, dort, wo früher der kleine Geißenstall war. * Und auch ein Kamerad fand sich für Hermann da draußen auf dem Lande. Das war der Förster-Wilhelm, der auch nur zu den Ferien heimkam. Er besuchte ebenfalls das Gymnasium, und zwar in einem kleinen badischen Städtchen, wo er beim Onkel Rechnungsrat in Pension gegeben war. Außer den beiden Jungen gab es bloß noch >ein Dutzend Bauernbuben im Ort, die die Dorfschule besuchten. Mit denen ging man zwar einmal baden oder ins Feld hinaus. In: ganzen aber blieben die beiden Lateinschüler in ihrem Studentleshochmut doch nur auf sich selber angewiesen und steckten den ganzen Tag beisammen, zur großen Freude, ja zum Stolz der Großeltern, die sich viel darauf einbildeten, daß der Förster- Wilhelm mit ihrem Hermännle Gesellschaft machte. Denn die Mutter des Wilhelm war sogar eine geborene Baronin — hieß es im Dorf. - Eine Baronin war sie nun in Wirklichkeit nicht, aber doch ein adeliges Fräulein. Zwar ein sehr dürftiges, das totfroh sein konnte, wie der schmucke Förstersmann um sie anhielt. Immerhin — die Großeltern betrachteten es als eine Ehre für ihren Buben. Die beiden Knaben vertrugen sich auch stets aufs beste und freuten sich alljährlich aus den gemeinsamen Ausenthalt. Diesmal aber kam noch ein dritter hinzu. Aber erst die letzten vierzehn Tage. Das war der Vetter des Wilhelm, dev Mitscheler Otto. Er war ein Jahr älter wie die beiden anderen, rauchte schon mal eine Zigarette, schaute hinter den Dorfschönen drein und tat vor den beiden änderen groß mit seineü herrlichen Ansichten über alles in der Welt, wodurch er besonders Hermann im Anfang sehr verblüffte. Denn er konnte über Dinge reden, von denen Hermann noch kaum eine Ahnung hatte. Zum Beispiel über die Sozialdemokraten, die seiner Ansicht nach gar. nicht so unrecht hatten. Oder über Berufswahl. Oder gar über die Weiblichkeit. Mit der Zeit zwar kam Hermann dahinter — der Förster- Wilhelm, der in der Stadt mit seinem Vetter das Zimmer teilte, wußte es längst —, daß es nicht gar so weit damit her sei und in der Hauptsache bloß Windbeutelei. Aber immerhin: man kam auf allerhand, und Hermann begann aus diese Weise über verschiedene Dinge nachzudenken, an die er bisher nicht gedacht. Und einmal passierte im Laufe des Gespräches nun dies: Der Wilhelm hatte erst irgendeinen Schulbubenstreich erzählt. Daraus, brachte Hermann auch. ein Stücklein von dem Religionslehrer, wie sich die ganze Klasse über ihn lustig gemacht habe, und daß er — der Lehrer — es gar nicht gemerkt hätte, so daß er einem zum Schluß fast habe leid tun können. Da meinte der Mitscheler Otto, daß dies sehr erstaunlich wäre, denn die Israeliten seien doch sonst alle sehr schlau. Und der Hermann wäre gewiß auch ein Musterschüler. Dieser wich der Frage aus und erwiderte, sie hätten gute Schüler unter den Juden und schlechte, wie sonst eben auch. Der Große aber, der alles besser wußte, blieb dabei, daß die Juden eine sehr durchtriebene Rasse wären und die Ehristen mit Leichtigkeit über den Lössel barbierten. Aber er persönlich sei deshalb kein Antisemit, die Juden seien ihm sogar immer noch lieber als die Katholiken. Denn dies wäre eine ganz falsche Gesellschaft. Und er — der Hermann — sei ihm sogar durchaus sympathisch. Und es wäre nicht persönlich gemeint. Der Försterbub ging ein wenig verlegen nebenher. Und um diesem Gespräch ein Ende zu machen, rief er ein paar barfüßigen Bauernjungen, die gerade vorübergingen, nach, sie möchten ihre Strümpfe Hochziehen, sonst gäbe es Regenwetter. Die Bürschlein waren sowieso den Herrenbuben nicht grün, drehten sich um, begannen mit Steinchen zu werfen, und — der Förster-Wilhelm hatte seinen Zweck vollkommen erreicht. Am Nachmittag, kamen die beiden, den Hermann zum Fischen abholen. Und weil gerade Zeit zum Kasfeetrinken war, mußten sie sich gleich bei den Großeltern mit niedersetzen und ließen es sich schmecken. Und besonders der Mitscheler Otto schlug keine schlechte Klinge. Und man konnte wohl merken, daß der Rechnungsratssohn daheim nicht alle Nachmittage frisches Brot mit Butter und Gelee zu essen bekam, soviel er wollte und danach noch blaue Trauben und Zuckerbirnen. Als sie dann aber sich anschickten aufzubrechen, da drückte der Hermann erst ein bißchen herum, und endlich sagte er, er habe Kopfweh. Und er wolle doch lieber zu Hause bleiben. * Wie die beiden außer Sehweite waren, ging er hinter das Haus und legte sich in den Grasgarten unter den Dirrlitzenbaum, damit er sich bei Bedarf gleich ein paar von den wohlschmeckenden Früchten, die es in der Stadt nicht einmal für gutes Geld gab, in den Mund stecken konnte. Die länglichen Kerne spuckte er dann, ohne seine Lage zu verändern, in weitem Bogen über die Grasfläche hin. Eine Fertigkeit, die er den Bauernbuben mit einiger Schwierigkeit abgelernt hatte. (Fortsetzung folgt.) Mcheremlauk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Rabbiner Dr. Salzberger. Aus meinem Kriegstagebuch, Sonderabdruck aus der Monatsschrift Liberales Judentum.