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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-02-15 · Heft 7 (15.2.1918) · p. Seite 83

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 7 (15.2.1918)
Date
1918-02-15
Page
Seite 83 (sequence 11)
Language
German
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83 Ebenso (ibid.): „Wer seinen Blick in den Becher versenkt, dem kommen alle Ungerechtigkeiten (alle Schändlichkeiten) als gerade (gut) vor" *f?nn' in? 0132 in11). Ferner (Pirkeh Aböth III, 10): „Der (späte) Schlaf morgens, der Weingenußam Mittag usw. bringen die Menschen um die Welt." Schließlich sei noch erwähnt, was die jüdischen Weisen über Noah, der sich in seinem Weinberge sinnlos betrank, ebenso von Lüth, behaupten, daß er nämlich dadurch zum Inzest geführt wurde. (Vgl. Midrasch Rabbah zur Stelle!) Fügen wir noch hinzu,!daß Mähigkeitin venors sowie Gedankenzucht, wie ich bereits anderweitig („Hygienische Rundschau" 1910 usw.) mehrmals hervorgehoben und noch ganz besonders auf die schöne Stelle im Traktat SrGah 49a (na1? ,“63 riHl1 San nein1? DD333) Hinweise, wo Vermeidung jeglicher Zweideutigkeiten und schlüpfrigen Anspielungen in Rede und Handeln als probate Mittel zur Gesundung von Geist und Gemüt angelegentlichst empfohlen werden, so wäre damit die altjüdische Geisteshygiene in kurzen Strichen angedeutet und mag für diesen Zweck genügen. Vielleicht bietet sich noch Gelegenheit, in späteren Veröffentlichungen manche Ergänzungen dazu zu machen. Wir schließen daher mit dem bedeutenden, vielsagenden Spruch des Akabiah ben Mahlalel (Pirkeh Aböth III, 1): „Betracht' der Dinge drei, bleibst von Fehlern frei: Wisie, woher du kommst, wo du hingehst, vor wem du dermaleinst wirst Rechnung oblegen müssen. Woher kommst du? Aus eklem Tropfen. Wohin gehst du? Das Würmgezücht vollzupsropfen. Wer wird einst dein Richter? Der Welterrichter!" So steht sie nun da, die altjüdische Geistesdiätetik. Sie ist jedoch mehr Ethik. Was nützen Philosophieren und Deuteln, Tüfteln und Grübeln, wenn sie nicht schützen vor Uebeln? Nur die gute Tat allein bewahrt vor Seelenpein! mm Ser Mrg des jungen Hermann Sahn. (2. Forts.) Von C l e m e n t i ne Krämer (München). Und da war nun also Hermann wieder bei den Großeltern. Und es war gut sein da draußen. Gr hatte ein kleines Stübchen mit schneeweiß gescheuertem Fußboden, ein himmelhohes Bett mit weiß und rot karierten Bezügen und ein ganz mit Reben umsponnenes Fenster, durch das man gerade hineinsah in die dichten Zweige des Zuckerbirnenbaumes. Und oft des Morgens, wenn Hermann noch ein wenig verschlafen hinabsah, saß Großmutter schon lange da drunten auf dem Bänkchen und — paßte auf. Denn die großen saftigen Zuckevbirnen waren sehr 'beliebt bei den Bauernburschen, wenn sie bei Tagesanbruch ins Feld fuhren. Und keiner fürchtete, sich den Magen zu verderben. Da saß Großmuter also und putzte den Kopfsalat ein oder schälte die Kartoffeln oder fädelte Bohnen ab für den Mittagstisch. Aber aufrichtig gestanden: sie machte dergleichen nicht sonderlich gut, denn es mußte alles geschwind bei ihr gehen, sie hatte kein rechtes Sitzfleisch. Und der Großvater und Hermann neckten sie dann des Mittags und zeigten ihr die Fäden an den Bohnen oder auch einmal ein im 'Salat vergessenes Würmlein. Mer das genierte Großmama nicht weiter. Bloß einmal brachten die beiden es mit ihrer Neckerei so weit, daß sie die Schürze vor die Augen nahm und bitterlich zu weinen anfing. Aber das war nicht wegen des Essens, beileibe nicht, da redeten sie ihr lange gut. Sondern wegen der Soldaten und wegen Bismarck und so. Nun möchte man glauben, sie habe ein besonderes Interesse an der Politik gehabt. Dies war aber keineswegs der Fall. Großmutter las im Gegenteil niemals in dem Wochenblättchen, das der Großvater hielt, ein Wort, das überm Strich gestanden hätte. Sondern dies war so: Hermann hatte einen Onkel — es war Grohmutters Jüngster — und der hieß Maier. Nicht mit dem Familiennamen, wie andere Leute, sondern mit dem Vornamen. Und dieser ONkel Maier stand jetzt gerade in der Stadt bei den Soldaten. Und nun auf einmal bekam Großmutter das Mordsinteresse für die Politik. Und der Großvater mußte ihr alles haarklein vorlesen, besonders, was da drunten vorging am Balkan, wo es wieder einmal — es war zu Anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts in dem Hexenkessel — zu brodeln und zu rumoren anfing. Und die Großmutter zitterte alle Tage, es möchte losgehen und ihr Maierle müßte fort — Gewehr über Schulter — in den Krieg. Und wer war schuld an allem? Doch nur der Bismarck. Und sie fragte ihren Hermann, ob er nicht auch glaube, daß der Bismarck überhaupt viel zu viel Soldaten „einstelle" im Deutschen Reich? Da lachte der Junge, und weil auch ihm, wie allen Kahns, das Witzemachen und die Neckerei im Blute lag, erwiderte er, daß er glaube, der Großmutter sei es bloß um einen einzigen zu viel — und der heiße: Maier Kahn. Aber darum weinte die Großmutter noch immer nicht. Im Gegenteil, sie freute sich, daß ihr Bub ein so heller Kopf war. Nämlich es war um dieser abgekarteten Sache willen: als die Großmutter eben mit dem Nachmittagskaffee zur Tür hereinkam, da sagte der Großvater — scheinbar, ohne sie zu beachten — mit lauter Stimme: „Da lies 'mal, Hermännle!" Dieser nahm das Blatt und tat, als stände da drin, was er sich geschwind aus dem Stegreif zurechtgemacht hatte: „An der Grenze sieht es bedenklich aus, in aller Stille macht mau sich schlagfertig. Herrn v. Bismarck kann man stundenlang mit seinen Räten in eifrigem Gespräch beobachten und der bulgarische Botschafter, Herr v. Jtschebirschewitsch, macht Abschiedsbesuche. Die Reichshauptstadt aber-" Da stellte die Großmutter das Tablett mit dem Kaffee so hart auf den Tisch, daß die braunen Tropfen aus dein Schnabel der Kanne herauspludderten. Und dann wischte sie sich, wie gesagt, mit der Schürze die Tränen von den Backen, ehe sie in die Kasseetasien rollen konnten. Und unter Schluchzen begann sie, sie habe es immer gesagt, der Bismarck, der ganz miserable, was läge dem dran, wenn arme Mütter ihre Söhne hergeben müßten. Und überhaupt, sie habe es immer gesagt, wie es kommen werde, und daß sie ihr Maierle totschiehen würden. Und ein bißchen Antisemitismus werde schon auch irgendwie wieder mit dabei sein . . . Da schmunzelte der Großvater unter seinen Brillengläsern hervor, und Hermann fiel der Großmutter um den Hals, lachend und jubelnd ob des wohlgelungenen Spaßes. Aber sie konnte sich lange nicht beruhigen, und sie habe es doch mit ihren eigenen Ohren gehört, wie es der Hermann herausgelesen habe aus der Zeitung. Da erklärte ihr aber der Großvater mit Stolz, das habe sich der Bub alles in seinem Kopf selber zuvechtgemacht. Und dann staunten ihn die Großeltern wieder einmal an, alle beide. Und wenn Leute in den Laden kamen, da lobten sie ihn sehr, daß er der Beste sei in der ganzen Schule und daß er nichts im Kopf habe als das Lernen und das Saldieren. Das genierte aber den Hermann immer ein wenig, besonders, weil er sich gewiß nicht zu weh damit tat den ganzen Sommer lang.

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