Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1918)
- Date
- 1918-02-15
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Israelitischen Union), in der er das Amt des Präsidenten bekleidet. Aufgabe dieser Organisation ist, „auf der Grundlage der altüberlieferten, durch die Verwandtschaft der Religionen und vielhundertjähriges Zusammenleben gefestigten Freundschaft zwischen den Osmanen und der jüdischen Bevölkerung der der Türkei nahestehenden Staaten engere Beziehungen zu schassen und gegenseitige Dienstleistungen wirtschaftlicher und kultureller Natur anzubahnen". Ein Ziel, das sich in den Nahmen auch der sonstigen Carassoschen Bestrebungen gut einsügt. Und das war schließlich zum Teil mit ein Grund, warum Emanuel Carasso vor kurzem in Berlin weilte, wo in Anwesenheit des Großwesirs sowie mehrerer Minister und sonstiger Würdenträger der Türkei über die Judensrage weit mehr und eindringlicher, als der Uneingeweihte ahnt und glaubt, verhandelt worden ist. In den Vorverhandlungen, die er verschiedentlich hier hatte, bezeichnet er es immer als seinen sehnlichsten Wunsch, daß die mannigfachen Organisationen sich zusammenfinden möchten, um gemeinsam vorzugehen. Und wenn es wirklich dazu kommen sollte, wie es fast den Anschein hat, daß die verschiedenen Richtungen in bezug auf die Judenpolitik in der Türkei sich auf eine mittlere Linie einigen sollten, dann wird es nicht zum mindesten' sein Verdienst sein. Ueber die letzten Vorgänge vermag ich mich leider, da noch alles im Flusse ist, im einzelnen nicht auszulassen. Es sei nur in Erinnerung gebracht, daß der Großwesir eine Abordnung jüdischer Organisationen empfangen hat, die aus der stattgehabten Audienz den Eindruck gewann, daß eine Regelung der jüdischen Einwanderungs- und Kolonisationsfrage in einer den jüdischen Wünschen entsprechenden Weise zu erhoffen sei. Zur Kennzeichnung der Situation will ich folgende Bemerkungen Carassos anführen, in denen er sein Urteil über den augenblicklichen Stand der Dinge zusammenfassen zu können glaubte. „Unsere Aussichten", sagte er, „sind durchaus günstig. Die Regierung ist den Juden sehr gewogen und in den maßgebenden Kreisen an der Hohen Pforte' strebt alles nach Schaffung geklärter und geregelter Verhältnisse. Ich kehre in optimistischer Stimmung nach Konstantinopel zurück und hoffe, daß in Zukunft unsere Brüder ein reiches und ertragreiches Arbeitsfeld im Osmanischen Reiche finden werden." Die Germania Judaica. Von Ludwig Geiger. nach häufiger Ankündigung, nach langer Erwartung, ist das erste Heft der Germania Judaica1) erschienen. Es ist dem Andenken Martin Philippsons gewidmet, der, ohne selbst an dem Buche gearbeitet zu haben, schon als Vorsitzender der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, die dieses Werk ins Leben rief, sich lebhaft dafür interessierte und Persönlichen wie wissenschaftlichen Anteil daran nahm. Er gehörte auch dem Ausschuß der Gesellschaft, dem eigentlichen Redaktionskomitee an, das außer ihm auch die Herren Guttmann, Bloch, Braun, Karo, Freimann, Groß, Löwenstein, Saalfeld, Kracauer, Elbogen zu seinen Mitgliedern zählt. Da auch ich selbst mich in diesem Sonderausschuß befinde, so muß ich, falls die Tätigkeit der anderen nicht größer war als die meinige, ohne die Ehre ablehnen zu wollen, zu einem solchen Kreise hervorragender Männer mitgerechnet zu werden, doch bescheidentlich die Verantwortung *) Schriften herausgegeben von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenscha>st des Judentums. Germania Judaica. Bon M. Braun und A. Fr ei mann. Band I, 1. (Von den ältesten Zeiten bis 1236.) A—L. Frankfurt a. M. Verlag von I. Kaufsi mann 1917. ablehnen Und die Anerkennung auf die eigentlichen Bearbeiter beziehen, nämlich die Herren Braun und Freimann, denen in erster Linie Tycocinsky zur Seite stand und denen als würdige und kenntnisreiche Helfer sich Sußmann (ein Opfer des Krieges), ferner manche Ausschußmitglieder, sodann die Herren Kober, Sinsburger und andere ünschlossen. Die Germania Judaica soll „ein alphabetisches Verzeichnis aller Ortschaften des Deutschen Reiches sein, an denen von den ältesten Zeiten bis zu den Wiener Verträgen jüdische Ansiedlungen bestanden haben, und soll deren Geschichte auf Grund der Quellen wissenschaftlich darstellen". Der Plan war im Jahre 1903 gefaßt worden. Die Ausführung begann 1905. Ein Verzeichnis der Ortschaften wurde 1906 publiziert; mit der Drucklegung des Bandes wurde 1914 begonnen, erst im Dezember 1917 konnte die erste Hälfte des ersten Bandes, ein dem Umfange nach schmales Heft von 63 Seiten, vorgelegt werden. Es enthält nach zwei Verzeichnissen der häufiger benutzten Literatur und der oft gebrauchten Abkürzungen die in Betracht kommenden Orte von Aachen bis Löwenberg. In den einzelnen Artikeln wird der Name des O.rtes deutsch, lateinisch und hebräisch angegeben, dann die Geschichte des Ortes bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts mit beständiger Rücksicht aus die Juden erzählt; es werden ferner die bedeutenderen Männer ausgeführt, die dort gewirkt haben, mit ihren Lebensumständen und ihren Schriften. Nach dem Schluß der eigentlichen Darstellung folgen Anmerkungen; bei jedem einzelnen Abschnitte wird der Name des Autors angeführt. Da die Geschichte nur bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts erzählt wird, so finden sich darin gerade die Gemeinden, die jetzt von der höchsten Bedeutung sind, entweder gar nicht, oder es ist von ihnen nur kurz die Rede, z. B. Breslau und Hamburg; von den jetzigen Großgemeinden konnten nur Köln und Frankfurt am Main ausführlich behandelt werden. Von den eingehenden Artikeln des vorliegenden Heftes seien nur einige hervorgehoben: Böhmen, Bonn, Köln, Halle. Aus dem Aufsatz über Böhmen mag die wichtige Notiz für die Juden als Sklavenhändler angemerkt werden (vgl. auch die Ausführung Seite 146, Anmerkung 26); aus dem über Bonn (zu der hebräischen Bezeichnung Lubien muß doch ein starkes Fragezeichen gemacht werden, als wahrscheinlichere Auflösung könnte man an Lublin denken) sei daran erinnert, daß über diesen Ort, wo in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine größere Zahl der Theologen der neueren Schule studierte, schon im 12. Jahrhundert ein Gelehrter den Ausspruch tat .„aus welcher Stadt könnte man uns Wahrheit künden, wenn nicht durch die Gelehrten in Bonn, von denen die Lehre ausgeht und das Wort Gottes." Als interessante Ausführung sei die über Beschneidungen in der Synagoge notiert. Die Aeußerung Seite 81, Anmerkung 71 „Schofarblasen am Ausgange des Versöhnungsfestes" >kann doch unmöglich so verstanden werden, daß diese Einrichtung aus Köln stammt. Namen von Städten, in denen das Wort Jude vorkommt, sind sehr häufig, z. B. Judenau, Judenberg, Judendorf (nicht weniger als fünf Orte), ebenso Jüdenberg und Jüdendors; man muß aus solchen Namen nicht immer den Schluß ziehen, daß die Gründung der betreffenden Städte oder Flecken, von denen einzelne heute gar nicht mehr existieren, durch Juden vorgenommen worden ist. Eine Erwähnung verdient ferner die Anmerkung, daß schwangere Judensrauen mit einem doppelten Zoll belegt wurden; auch die gewiß übertriebene Mitteilung, daß die Juden aus Halle den Kreuzfahrern eine Niederlage beibrachten und daß in diesem Kampfe nur sechs Juden sielen; endlich die Bemerkung, daß Männern, die den Namen Samuel führten, der Beiname Bischof gegeben wurde, eine Bezeichnung, die nicht etwa die Führung des Amtes eines Judenbischofs durchs die Genannten beweist.