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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-02-15 · Heft 7 (15.2.1918) · p. Seite 80

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 7 (15.2.1918)
Date
1918-02-15
Page
Seite 80 (sequence 8)
Language
German
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80 Aber die Tätigkeit war auch mit Gefahren verbunden. Caraflo hat es sich nicht nehmen lassen, von Zeit zu Zeit nach der Reichshauptstadt zu reisen, um dort mit seinen politischen Freunden Aussprache zu pflegen. In Konstantinopel wußte, man, bei dem glänzend entwickelten Spionagesystem, über seine Stellung und Wirksamkeit mehr oder weniger Bescheid. So kam es denn, daß er anläßlich seiner Besuche in der Residenz zweimal verhaftet wurde; einmal sogar indem man ihn als Gefangenen nach dem Jildis brachte und dort einem eingehenden Verhör unterzog. Während seiner Vernehmung hielt sich Abdul Hamid in einem anstoßenden Zimmer auf, wo er alles belauschte. Es war daher nur ganz natürlich, daß, nachdem die Revolution gesiegt hatte, Carasso vom jungtürkischen Komitee in Saloniki als Kandidat für die Kammer aufgestellt und von der Bevölkerung als Deputierter gewählt wurde. Nicht nur aus Dankbarkeit geschah dies, sondern vornehmlich um sich: seiner Kraft auch für die Zukunst zu sichern. Und als nach dem Balkankrieg Saloniki dem türkischen Reiche verloren gegangen war, nominierte ihn das Komitee zum Kandidaten in Konstantinopel, wo er auch von den Wählern in die Kammer entsandt wurde. Am parlamentarischen Leben nahm er stets lebhaften Anteil. Seine wertvollste Arbeit leistete er, da er von Hause, aus Jurist war, in der Justizkonmniflion. Als im ersten Jahre nach der siegreich durchgesührten Revolution, vermutlich aus Anstiftung Abdul Hamids, um die Jungtürken vor der Welt bloßzustellen, die bekannten Vorgänge in Adana sich ereignet hatten, wurde Caraflo zur Ermittlung des Sachverhalts an der Spitze einer Studienkommiflion nach dem Unruhegebiet entsandt. Nach seiner Rückkehr trug ihm die Regierung den Posten des. WM von Adana — also den eines Oberpräfidenten — an. Infolge der auf der Inspektionsreise gemachten Erfahrungen lehnte er jedoch die Annahme des Amtes ab. Er glaubte nicht in dieser Stellung eine ersprießliche Tätigkeit entfalten zu können und mit einer Sinekure oder einem Posten, bei dessen Ausübung er eventuell mit inneren Konflikten rechnen mußte, mochte er sein Gewissen nicht belasten. Am meisten wurde sein Name in der Oesfentlichkeit genannt, als er an der Spitze einer aus je zwei Abgeordneten der Kammer' und des Senats bestehenden viergliedrigen Deputation Abdul Hamid offiziell die Mitteilung von seiner Entthronung überbrachte. Ein gewiß nicht ganz gewöhnlicher Akt, über den etwas Näheres zu erfahren, man begreiflicherweise schon einige Neugier haben kann. Auffallend muß es jedenfalls erscheinen, daß als Führer einer Mission zur Absetzung des Kalifen ein Jude gewählt wurde. Ein Umstand, der sogar unliebsames Aufsehen in moslemischen Kreisen erregt haben soll, wenn man den Angaben des in seinen Darlegungen allerdings häufig nicht ganz zuverlässigen Albrecht Wirth Glauben schenken darf. „Unter den vier Leuten, die von dem in San Stephano rasch zusammengetretenen Parlament damit betraut waren, dem Herrscher seine Entthronung mitzuteilen", berichtet Wirth in seinem 1914 erschienenen Balkanbuche, „befanden sich der Albaner Eflad Pascha und der jüdische Rechtsanwalt Carasso. Für die Alttürken war es ein besonderer Stein des Anstoßes, daß ein Nichtmohammedaner einen solchen Schritt wagen durste." Als sich mir kürzlich die Gelegenheit bot, Caraflo persönlich zu sprechen, trug ich Sorge, ihn über jenes auch in seinem episodenreichen Leben wohl wichtige Ereignis zu befragen. Liebenswürdigerweise kam er meinem Wunsche entgegen, und was er mir dabei erzählte, mag nicht nur als Charakteristik seiner Persönlichkeit, sondern auch zur Steuer der Wahrheit hier wiedergegeben werden. Denn auf Grund seiner Darstellung erscheint der Vorgang in einem ganz anderen Lichte. „Die fragliche Begebenheit", begann er, „hat ihre Vorgeschichte, die man erst kennen muß, um zu einer richtigen Beurteilung der Angelegenheit gelangen zu können. Die Absetzung Abdul Hamids war, nachdem seine Staatsstreichgelüste außer Zweifel standen, unvermeidlich geworden, was auch durch Fetwa des Scheich ül Islam bestätigt wurde. Es konnte sich also nur um die Form des Vorgehens handeln, worüber in der Tat sich zuletzt vornehmlich die Verhandlungen in der Kammer drehten. Eflad Pascha, dessen später mehr als eigen tümlich gespielte Rolle in Albanien ihn zur Genüge charakterisiert, trar aufs lebhafteste für die Entsendung einer Deputation ein, an deren Spitze er gestellt werden sollte. Essads Eifer hatte seine' besonderen Gründe. Dieser Albanier behauptete nämlich, Abdul Hamid hätte seinen Bruder ermorden lassen. Er gedachte also, die Gelegenheit dazu zu benutzen, um sich am angeblichen Mörder seines Bruders zu rächen. Und man kann sich so ungefähr die Szene ausmalen, in der Eflad Abdul Hamid seine Thronentsetzung kundgibt. Inwieweit die Anschuldigungen Essads mit Recht oder Unrecht erhoben worden sind, mag dahingestellt bleiben.. Keineswegs durfte dieser hochpolitische Staatsakt in eine persönliche Ranküne ausarten, wie wir als Politiker überhaupt in erster Linie private Angelegenheiten und öffentliche Fragen auseinanderzuhalten uns stets bestrebt zeigen müssen", bemerkte Carasso weiter. „Ich opponierte infolgedessen und hatte auch den Erfolg, die Kandidatur Essads, als Führer der Deputation, zurückzudrängen. Was meine Wahl anbetrifft, so nahm ich sie durchaus nicht leichtfertig hin. Der hohen Verantwortung, die ich auf mich lud, war ich mir von Anfang an bewußt. Aber gerade als Jude, wodurch ja eigentlich meine Aufgabe so besonders delikat wurde, glaubte ich — wie paradox dies im ersten Augenblick auch klingen mag —, mich dem mir zuteil gewordenen Aufträge nicht entziehen zu sollen. Mir kam es darauf an zu beweisen, daß man ein guter Bürger und dennoch bisweilen in der Opposition sein kann. Mit allem Respekt, wie es sich einem Kalifen und Sultan gegenüber gebührt, kam ich Abdul Hamid entgegen, aber mit nicht weniger Schärfe und Deutlichkeit, wie es meine Pflicht war, setzte ich ihm auseinander, daß er des Thrones für verlustig erklärt worden ist, weil er sich seinem Herrscheramte nicht gewachsen gezeigt hat. Und ich glaube," fügte Carasso etwas nachdenklich hinzu, „daß ich mich meiner Aufgabe nicht nur zur Zufriedenheit meiner engeren Auftraggeber, der Kammerdeputierten, sondern auch meiner weiteren Auftraggeber, meiner Glaubensgenossen, entledigt habe." Nur nebenbei sei noch bemerkt, daß die Ausführung des Auftrags, abgesehen von viel Takt und Geschicklichkeit, auch persönlichen Mut und Besonnenheit erforderlich gemacht hat. Wie leicht hätte es passieren können, daß Abdul Hamid, der ja damals noch immer Herrscher war und Schergen genug zur Verfügung hatte, dem Ueberbringer der nicht gerade angenehmen Botschaft den Kopf vor die Füße legen ließ. Er tat es vielleicht nur nicht, weil er in der Aufregung selbst den Kopf verloren hatte. Doch über diesen Punkt ging Caraflo gänzlich stillschweigend hinweg ... Bl Bürger und Jude — ist auch sonst das Stigma, in dem die öffentliche Wirksamkeit Emanuel Carassos kulminiert- Wie er in Saloniki, der „Judenstadt", zuerst als Abgeordneter gewählt wurde, so vertritt er jetzt das Konstantinopeler „Judenviertel" Haskeuj in der Kammer. Mit Eifer betätigt er sich als Mitglied des Medjliß djesmani, des Zentralkonsistoriums für das türkische Reich; fernerhin gehört er dem Orden Beneh- Berith an. Besonders erwähnt sei in diesem Zusammenhang nur noch seine Mithilfe bei der Begründung und in der Leitung der Union Israelite Ottomane (der Osmanisch-

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