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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-02-15 · Heft 7 (15.2.1918) · p. Seite 79

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 7 (15.2.1918)
Date
1918-02-15
Page
Seite 79 (sequence 7)
Language
German
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Linie Konstantinopel oder Saloniki. Aber Konstantinopel, wo man sozusagen unter den Augen des Sultans hätte handelnund verhandeln müssen, siel , von vornherein weg. Man entschied sich infolgedessen für Saloniki, dessen intelligente, rührige, zum Teil in modernem Geiste bereits erzogene Bevölkerung den radikalen Bestrebungen .des Komitees ein ganz anderes Verständnis entgegenzubringen versprach. Es kommt hinzu, daß dort das III. Armeekorps in Garnison stand, ein Elitekorpsdessen Offiziere Weit gebildeter und in ihren politischen Anschauungen weit reifer und fortgeschrittener waren als ihre Kameraden in Syrien. Auch äußere Momente sprachen für die Wahl Salonikis als Komiteesitz. Von hier aus ließen sich, wie von kaum einem anderen Orte, in der Türkei, dauernde Beziehungen mit der Außenwelt aufrecht erhalten. Saloniki mit seinen 70 000 Juden, 18 000 Griechen, 15 000 Bulgaren, denen bloß 12 000 Türken gegenüberstanden, erwies sich zudem als diejenige Stadt, die am wenigsten ,,türkisiert" war und infolgedesien auch weniger' als sonst eine Stätte im Reiche, die unmittelbare Gefahr eines Eingriffs türkischer Behörden befürchten ließ. Wirklich kam auch der Plan zur Ausführung, und unter dem Namen eines „konstitutionellen Komitees" nahm die neue Organisation ihre Tätigkeit aus. Die Mitglieder verpflichteten sich, jedes für sich, Anhänger zu werben und mit deren Hilfe an die Schaffung weiterer Gruppen zu schreiten. Nun erleben wir da die bekannte Erscheinung der Duplizität der Fälle in einer geradezu wunderbaren Weise. Zu der Zeit, als die geschilderte Bewegung in Damaskus einsetzte — vielleicht etwas später, jedenfalls ganz unabhängig von ihr —, begann der gleiche Gedanke auch in Saloniki zu reifen. Ein in bescheidener Stellung sich befindender, wenig bekannter Beamter der ottomanischen Post in . Saloniki, der aber das Herz aus dem rechten Fleck hatte, Talaat Bey — inzwischen als Talaat Pascha zum Großwesir und mächtigen Mann in der Türkei emporgerückt —, faßte den Beschluß, irgend etwas zu unternehmen, um gesunde und normale Verhältnisse im Reiche herbeizuführen. Als einzig geeignetes Mittel erschien ihm die Schaffung einer Geheimorganisation, deren Ziel der Sturz des Absolutismus und die Anbahnung eines freien Regimes sein sollte. Er war bereits mit Flüchtlingen und Verbannten im Auslande, vornehmlich in Paris und Genf, die, wie er, die gleichen Pläne hegten, in Verbindung getreten, denen er, dank seiner Tätigkeit an der Post, indem er ihnen einerseits die Einschmuggelung von Propagandamaterial ermöglichte, anderseits ihre Korrespondenz mit ihren Angehörigen und Freunden in der Heimat vermittelte, große Dienste erwies. Als nun Talaat eines Tages einigen Intimen die Absicht kund tat, ein Aktionskomitee ins Leben zu rufen, erfuhr er, was nach dieser Richtung bereits geschehen war. Die beiden Komitees traten daraufhin zusammen, revidierten ihr Programm und vereinigten sich schließlich zu einer einheitlichen Organisation. Man sieht, wie lächerlich es geradezu ist, wenn von manchen Autoren in leichtfertiger, um nicht zu sagen gewissenloser Weise bisweilen der Versuch unternommen wird, die türkische Revolution als das Werk der sogenannten Jüdischen Internationale hingustellen. Freilich hatten auch die Juden ihren Anteil am Gelingen des Unternehmens. Aber nicht als Schöpfer der Idee, die aus den Verhältnissen selbst herausgewachsen ist, sondern indem sie sie gehegt und gepflegt, ihr ihre Tatkraft und Leistungsfähigkeit in reichem Maße angedeihen ließen. Und hier war es gerade, worin sich das organisatorische Talent Emanuel Earassos aufs glänzendste bewährt hat. ■#! Carasso war M e i st er d e s Stuhls in der Freimaurerloge von Saloniki. Habdul Hamid, der in jeder Geheimorganisation eine Geheimbündelei witterte und eine Bedrohung seines Thrones fürchtete, hatte die 'Freimaurerei in der Türkei verboten. Aber sie existierte dennoch, wenn auch nur im Verborgenen, in vielen Ortschaften des Reiches und blühte geradezu in der Hauptstadt Mazedoniens^ Es zeigte sich, daß hier, wo ohnehin der türkische Einfluß gering war, sich auch der Hamidischeu Allgewalt Schranken ziehen ließen. Nun war die Salonikier Freimaurerei nicht nur eine Gründung, sondern auch die geistige Schöpfung der italienischen, die von jeher gerade aus politischem Gebiete eine bedeutsame Rolle spielte. Dieser Umstand machte sich besonders bei den Juden bemerkbar, unter denen viele wirklich Italiener ihrer Herkunft nach waren, viele, die italienische Staatszugehörigkett sich erworben hatten, um teils dem Hamidischen Drucke zu entgehen, teils die durch die Kapitulationen gewährten Vorteile zu genießen. Carasso selbst entstammte ebenfalls italienischen Eltern, wenngleich er in Saloniki geboren ist und die türkische Staatszugehörigkeit besaß und nurum starken politischen Verfolgungen zu entgehen, auf Anraten seiner Freunde, vorübergehend sich das spanische Bürgerrecht erwarb. Mit Eifer gab er sich seiner Aufgabe hin, und zwar nicht bloß dadurch, daß er innerhalb des Logenlebens eine starke propagandistische Tätigkeit entfaltete, sondern indem er auch immer weitere Kreise ebenso aus der bürgerlichen wie aus der militärischen Welt zum Eintritt in die Loge gewann, wo ihnen alsdann die nötige politische Erziehung zuteil wurde. Tülaat, Djawid und noch viele andere, die später in der jungtürkischen Bewegung eine führende Rolle zu spielen berufen waren, befanden sich unter diesen Jüngern und Freunden Emanuel Earassos. Von größter Bedeutung war es natürlich, daß den neuen Ideen auch bei vielen Offizieren Eingang verschafft wurde, welche dann ihrerseits wiederum, zum Teil indem sie sich freiwillig an andere Orte versetzen ließen, für deren weitere Verbreitung Sorge trugen. So dehnte sich die Propaganda nach und nach auf das II. und III. Armeekorps aus, deren Truppenteile über Mazedonien und Albanien verstreut waren, und neben Saloniki wurden in der Folge auch wichtige Plätze Albaniens und Altserbiens, wie Monastir, Uesküb, Janina, Skutari, zu Herden des Revolutionsprozesses. Unter Carassoscher Obhut und Pflege hatte sich die zarte Pflanze der Volksbewegung ■ allmählich zum stammkräftigen Baume ausgewachsen, dessen Zweige sich zuletzt aus weite Gebiete des Reiches erstreckten. Emanuel Carasso.

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