Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1918)
- Date
- 1918-02-15
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
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78 Lehre" ist ein gern gelesenes Büchlein für unsere Jugend. Auch die neu« Bearbeitung der jüdischen Geschichte von Kayserling wurde ihm übertragen; er löste seine Aufgabe mit Meisterschaft und schuf bannt ein recht brauchbares Schulbuch für höhere Lehranstalten. Wenngleich Dr. Doktor nur wenige Jahre in Bruchsal wirkte, so leistete er doch so vieles, baß er die Dankbarkeit seiner Gemeinde, seines Bezirkes und der Oberrates sich im vollsten Maße erwerben konnte. Im Mai 1906 wurde er als Nachfolger des verewigten Landrabbiners Dr. Prager nach Kassel berufen. Dem tatkräftigen, strebsamen, von Idealen erfüllten Manne bot sich hier ein großes Arbeitsfeld. Die amtliche Stellung bringt es mit sich, daß der Landrabbiner bei allen Institutionen und Vereinen, bei Behörden und Gemeinden Mitwirken muß, sei es ratend oder fördernd. Dazu kommt die vielseitige Tätigkeit in der Synagoge, Schule, Seelsorge, Armenpflege usw.; ihm lag auch als Regierungskommissar die Inspektion des Religionsunterrichtes seines Bezirkes ob. Ueberall tat der Heimgegangene vollauf seine Pflicht. Zwei von ihm geschaffene Einrichtungen werden für alle Zeiten seinen Namen tragen: Er schenkte -dem Jugendgottesdienst seine ganze Kraft und er konnte die Ernte der von ihm gestreuten Saat heimbringen. Mit heiligem Eifer sprach er für ein hier zu errichtendes jüdisches Krankenhaus, und auch darin fand seine Anregung lebhaften Widerhall; denn diese Anstalt ist gesichert und dürfte nach eintretendem Frieden bald errichtet werden. Das vielseitige Amt erdrückte aber ihn keineswegs; er fand noch immer Zeit, seiner Lieblingsneigung, der Musik, Manche Stunde zu widmen und in vielen Vereinen der Stadt und des Vaterlandes belehrende Vorträge zu halten, immer das Ohr seiner zahlreichen Zuhörer findend. Mur allzufrüh ist er den Seinen, -den Gemeinden und der deutschen Judenheit entrissen. Möge der Entschlafene in der Ewigkeit reichlichen Lohn für sein Wirken und Schaffen finden! lieber die Beerdigungsseier berichten hiesige Tageszeitungen: „Die Trauerfeier für Landrabbiner Dr. Max Doktor fand unter außerordentlich großer Teilnahme Sonntag vormittag, 10 Uhr, in der Hauptsynagoge statt. Auch Vertreter staatlicher, militärischer und städtischer Behörden waren anwesend, so die- Herren Geheimer Oberregierungsrat Graf v. Platen- Hallermund, Oberbürgermeister Koch, Hauptmann Stern, Polizeipräsident Freiherr v. Dalwigk zu Lichtenfels, Stadtschulrat Bobritz, Pfarrer Stein, viele Leiter gemeinnütziger Anstalten usw. Mit feierlichen Klängen der Orgel und einem stimmungsvollen Gesang des Kinderchores und des Vorbeters Horwitz begann die feierliche Handlung. Ein Studienfreund des Dahingeschiedenen, Provinzialrabbiner Dr. Kälter aus Danzig, hielt die Gedächtnisrede, in der er ein scharf umrissenes Lebensbild des Verewigten zeichnete unter Zugrundelegung des alttestamentarischen Wortes: „Die Lippen des Geistlichen sollen die Auslegung des Glaubens hüten und sein Herz soll den Geist der Ueberlieferung wahren". So habe der Verewigte in Wahrheit als Priester im alttestamentarischen Sinn gewirkt, ein Hüter -des Friedens innerhalb der israelitischen Gemeinde und mit allen Konfessionen. Mit besonderer Wärme gedachte der geistliche Redner des Adels der Gesinnung, der den Verewigten ausgezeichnet, seines reichen Wissens, seiner Herzensgüte, seiner hingebenden Fürsorge für Waisen, Arme und Kranke. Seine elfjährige segensreiche Tätigkeit in Kassel werde hier unvergessen bleiben. Gesang des Vorbeters beendete die Trauerfeier in der Synagoge, worauf unter Orgelklängen der Sarg von Mitgliedern des Vorsteheramtes der israelitischen Gemeinde und den Gemeindeältesten aus der Synagoge zum Trauerwagen getragen wurde. Alsdann setzte sich der große Trauerzug nach dem Friedhof in Bettenhausen in Bewegung. Am Grabe sprachen u. a. noch die Herren Provinzialrabbiner Dr. Bamberger (Hanau), Seminardirektor Dr. Lazarus, Rabbiner Dr. Hor ow itz (Frankfurt a. M.) und Hermann Blumenthal, -letzterer im Namen des israelitischen Provinzialvorsteheramtes-." Möge dem Entschlafenendie Erde leicht sein! Lmanuel «CarafTo. Deputierter von Konstantinvpel. Von Dr. Alp ho ns I. Sußnitzki. manuel Carasso gehört der Weltgeschichte an, wie Saloniki, seine Vaterstadt, historisch mit der jungtürkischen Revolution unzertrennlich verknüpft, ja organisch verwachsen ist. Und wenn die Türken Saloniki „die Wiege der Freiheit" genannt haben, so werden wir Carasso mit vollem Recht als den kunstgewandten, geschickt verfahrenden Geburtshelfer bezeichnen dürfen, der bei der Wiedergeburt der Konstitution dieses zarte Freiheitskind unter den schwierigsten Voraussetzungen zur Welt bringen half. Doch da müßte ich schon etwas weiter ausholen. Aber ich glaube, dies wagen zu dürfen, weil ich dabei dem Leser nicht nur wenig Bekanntes, sondern zum Teil auch, wie mir scheint, recht Interessantes zu sagen hätte. Einiges Material für die folgenden Ausführungen konnte ich einem im Aprilheft 1918 der „Deutschen Revue" erschienenen Aussatz, „Dir Türkei vor den beiden letzten Kriegen", entnehmen-, dessen anonymer Autor sich als „Diplomaten" kennzeichnet. Der sich immer stärker fühlbar machende Druck des Hamidischen Regimes forderte gebieterisch die Oeffnung eines Ventils, sollte nicht der Staat zuletzt gänzlich in sich zusammenstürzen. Recht früh schon und von mancherlei Seite mögen Versuche unternommen worden sein, den Absolutismus zn beseitigen und eine Aera. der Freiheit im Reiche zu begründen. Etwas Bestimmtes wissen wir jedoch darüber nicht zu sagen. Das Spionageshstem, das einzige, was unter Abdul Hamids Herrschaft wirklich organisiert war, allerdings auch durch eine wahrhaft imponierende, kaum noch zu überbietende Großartigkeit der Organisation sich ausgezeichnet hat, vermochte hinreichend, ja übergenug dafür zu -sorgen, daß jeder Versuch einer Auflehnung gleich im Keime erstickt, jeder Urheber einer solchen auflehnenden Aktion schnell, geräuschlos, aber sicher aus der Welt geschafft wurde. Tiefes Dunkel hüllt diese stillen Helden einer vorrevolutionären Periode in der Türkei. Authentischere Nachrichten über ein organisiertes Unter nehmen zum Sturze des absolutistischen Regimes erhalten wir erst aus dem Jahre 1903, in welchem ein gewiffer Dr. Hadschi Mustapha in Damaskus ein revolutionäres Komitee ins Leben ries. Hadschi, so viel -wie Pilger und insbesondere die Ehrenbezeichnung für Mekkafahrer, dieser Beiname des Urhebers der Bewegung, beweist, daß wir es mit einem gutgläubigen Mohammedaner zu tun haben, dem das Unternehmen eine nationale Angelegenheit bedeutete. In der Tat waren es auch junge Offiziere, die sich Hadschi Mustapha zuerst anschlpssen, zu denen sich dann noch Zivilbeamte in geringe Zahl hinzugesellten. Ihre Zusammenkünfte fanden regelmäßig und in größter Heimlichkeit bald bei dem einen, bald bei dem anderen der Komiteemitglieder statt. Freilich konnte die Leitung auf die Dauer sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß Damaskus mit seiner teils rückständigen, teils indifferenten Volksmasse für eine großzügige und erfolgversprechende Mtion nicht gerade den geeignetsten Boden abgab. Nur eine Stadt in Europa konnte für den geplanten Zweck in Betracht kommen, und hierbei in erster