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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-02-15 · Heft 7 (15.2.1918) · p. Seite 77

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 7 (15.2.1918)
Date
1918-02-15
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
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77 wo der Vater und die Söhne daheim hatten bleiben dürfen. So stark durch die Tradition die Stellung des Mannes im Hause ist, so stark ist^die der Frau, und des Mädchens schon, durch die Energie ihres Willens und ihres Empfindens. Man könnte hierbei än ein anderes noch denken, an die Tatsache, daß die slawischen Stämme, unter denen diese Gemeinden geworden sind, in ihrer städtischen und zum Teil auch ihrer ländlichen Bevölkerung einen gewissen weiblichen Zug haben. Es ist ja auch kein Zweifel, daß das jüdische Wesen durch die Art der Völker, unter denen es sich entwickelt hat, mannigfach bestimmt worden ist. .Die jüdische Geschichte ist zum Teil eine Geschichte dieses Einflusses. Ganz wiie sich etwa -die deutsche -oder englische, die amerikanische oder die morgenländische Eigentümlichkeit im Juden ausprägen kann, so hat er hier im Osten sicherlich manches von der slawischen Besonderheit ausgenommen. Aber so wahr dies ist, einen femininen Zug zeigt die jüdische Gemeinde in Litauen und Polen doch nicht; dazu haben Geschichte und Schicksal die Seelen zu fest gestaltet und gefügt. Der Grund für jene Erscheinung muß demnach in etwas anderem zu suchen sein. Er ist wohl darin zu finden, daß sich die starke weibliche Intelligenz in den breiten Schichten der Gemeinde nur den praktischen Ausgaben und Erfordernissen des Lebens zuwenden kann, während sich der männliche Vorstand noch in einem weiteren, auch im Buche, in der alten überlieferten Wissenschaft, zu betätigen und .zu befriedigen vermag. Für die Frau und das Mädchen, die sich geistig regen und rühren wollen, deren lebendiger scharfer Sinn sein Feld haben möchte, gibt es hier meist eines nur, die Sorge um das Haus und seinen Bestand, das Erwerben und Festhalten des Besitzes, das Aufspüren jedes Weges, aus dem er gewonnen uyd. gesichert werden kann. Eine Intelligenz, die nicht ruhen will und kann, muß sich ihr Gebiet bereiten, und so treten die Frauen und Töchter des Hauses gleichsam vor den Tisch und vor die Tür hinaus, um auszuschauen, zu suchen und zu schaffen. Sie werden das lebendige Element in -all den Erfordernissen der Stunde. Dazu haben Kampf und Zwang des Daseins es vielfach mit sich gebracht, daß aus kein Glied des Hauses verzichtet werden kann. Sie alle, auch Frau und Töchter, müssen und wollen an der Arbeit um Brot und Besitz teilnehmen. Die Familie wird, ähnlich wie bei dem Landmann, auch eine Erwerbsgemeinschaft, und neben den starken, sicheren Banden der Liebe und Treue, per Pietät und des Lebens in der altüberlieferten Satzung bedeutet auch dieses andere eine eigene Form des Zusammenhalts — vielleicht bisweilen so sehr, daß der Erwerbssinn und die Erwerbsnot alles zartere, feinere Empfinden Zurückdrängen und fast aufzuheben scheinen. Daher auch das zunächst so befremdliche Vorkommnis, daß selbst die, welche Not und Elend der großen Stadt zu dunklen Wegen hinabführt, zu den Niederungen des Daseins hinuntergezogen hat, aus dem Hause und feiner Gemeinsamkeit nicht ausscheidet: sie bleibt die Tochter des Hauses, die, welche mit hilft zu tragen und zu -gewinnen. Aber dieses krause, wuchernde Unglück, das im Unglück wächst, ist doch nur das Seltene am Wege; die Regel, das Allgemeine waltet im Guten; ein Schaffenswille und eine geistige Regsamkeit, die nicht still bleiben wollen, drängen nach dem Felde ihrer Tätigkeit in lebendiger, unermüdlicher Arbeit. Damit ist auch die Aufgabe und die Hoffnung der Zukunft bezeichnet: sie geht dahin, daß diese weibliche Intelligenz und Energie ihren wahren Lebensinhalt, ihr fruchtbares Daseinsseld besitze. Wo sie sich einem Ideal zuwenden kann, dort erfaßt sie es mit ganzer Kraft und ganzer Liebe, mit dem ganzen Mute der Zuversicht. Wer einmal hier und dort in einem Hause mit der weiblichen Jugend, die der Kampf des Daseins nicht ganz festhält, über die jüdischen Gedanken, die uns alle bewegen, gesprochen hat, der hat es freudig und dankbar.wahrnehmen können, welche Gaben des Denkens und Empfindens hier wohnen, wie die Idee, wenn sie einmal geweckt ist, das Gemüt ganz erfassen und erfüllen will. Es ist vieles, was die Zukunft zu lösen und frei zu machen verspricht. Man möchte an das Wort unserer alten Weisen von den Israeliten in Aegypten denken, daß sie um ihrer Frauen und Töchter willen erlöst worden sind. . * Drei Worte kehren in diesen Ausführungen wie in den Berichten des Herrn Baeck immer wieder: Hoffnung, Ideal, Friede. Sie mögen .auch hier aufs neue ausgesprochen werden. Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, daß alles gut geht,- wir wollen den Kampf für das Ideal weiterführen und wir wollen nicht ermüden, den Frieden zu ersehnen mit aller Kraft. Wieder scheint es, als wenn des Winters Kraft gebrochen sei; Frühlingslüfte regen sich, durch Nebel und düsteres Gewölk wagt -sich die Sonne hervor. Wir nehmen diese Naturerscheinung für ein gutes Vor- und Wahrzeichen. Der Winter wird noch manchmal, auf seine Macht pochend,. gegen den Frühling ankämpsen und doch muß dieser erscheinen. Die finsteren Gewalten der Roheit werden immer wieder versuchen, das Ideal zu bestreiten, sie können es nicht niederringem Zweifelsucht will die Hoffnung trüben und doch erhebt sie unsere Seele und stärkt sie mit belebender Kraft; Kriegsgeheul erschallt,von Wielen Seiten und Kriegs-Verlangen erfüllt gar nranchen Wohlgesinnten, und doch werden und müssen Friedensschalmeien den gewaltigen Schlachtenlärm übertönen und ein glorreicher^ langdauernder — wenn auch nicht ewiger — Frieden wird die Menschheit beglücken und sie fähig machen zur Erfüllung ihrer großen Kulturausgaben. | Lanvrabbtner Sr. Doktor. | Von Lehrer Hör w i tz (Kassel). Unsere Gemeinde und die Gemeinden der Provinz Niederhessen stehen im Zeichen tiefster Trauer. In der Nacht zum 1. Februar ist Herr Landrabbiner Dr. Max. Doktor nach langem, schwerem, in Gottergebung getragenem, einjährigem Krankenlager sanft entschlafen. Die Gemeinde verliert in dem Entschlafenen den bewährten religiösen Führer, der, ausgerüstet mit reichem Wissen auf talmudischem und weltlichem Gebiet, pflichttreu und verständnisvoll seines Amtes waltete, dessen Versöhnlichkeit und vornehmer Charakter seinem Wirken reiche Erfolge brachte. Den Gemeinden seines Bezirkes war er ein getreuer Leiter; mit beredten Worten wußte er zu erheben, zu mahnen und aufzurichten. Das Amt eines Landrabbiners ist ein recht schwieriges und vielseitiges. Die Gegensätze sind sowohl in Kassel wie in der Provinz recht groß. Dr. Doktor besaß den Takt, überall das Bestehende zu erhalten und auf dem alt bewährten Baum noch manches frische Reis zu pfropfen. Vieles und Großes hätte er noch leisten können; der unerbittliche Tod riß ihn aber plötzlich aus seinem Amt; er schied dahin, — uns bleibt der Schmerz. Dr. Doktor war Schlesier. In der einst so großen und berühmten Zeit wurde er am Sedantage 1870 geboren, besuchte das Gymnasium zu Neustadt (O.-Schl.), erhielt reichliche Vorbereitung auch in rabbinischen Fächern, studierte in Breslau und erwarb aus 'dem dortigen, Seminar seine theologische Ausbildung. Seinen Dr. philosophiae erhielt er in Münster, wo er mit einer Arbeit über „die Religionsphilosophie des Joseph Jbn Zaddik" promovierte. Auch im späteren Leben beschäftigte sich Dr. Doktor gern mit den philosophischen Schriften Gabirols und Juda Halevys; er fand aber trotz aller amtlicher Tätigkeit noch viel Zeit, der Musik und Aeschetik zu huldigen, wie mit Schul- und Standesfragen sich zu beschäftigen, ohne die Wissenschaft des Judentums außer acht zu lassen. Als stellvertretender Rabbiner in Breslau, ließ er 1900 eine Progrmnmarbeit: „Zur Methodik des Unterrichts in der hebräischen Grammatik auf der Unterstufe der Religionsschule" erscheinen, sowie die „Agende für den Jugendgottesdienst", die in vielen Gemeinden Deutschlands eingeführt ist. Während seiner sechsjährigen Amtstätigkeit als Bezirksrabbiner gab er die Neubearbeitung der Rödelheimer Selicho heraus, verbesserte Text und Uebersetzung und versah sie mit belehrenden Anmerkungen. „Das Leben Abrahams nach der jüdischen

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