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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-02-15 · Heft 7 (15.2.1918) · p. Seite 76

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 7 (15.2.1918)
Date
1918-02-15
Page
Seite 76 (sequence 4)
Language
German
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76 soweit die Mächte mit dem Gedanken einer jüdischen- Kolonisation im Heiligen Lande sympathisieren «und soweit die Zustimmung der Türkei erreicht wird, für den Fall, daß Palästin-a eine türkische Provinz verbleibt. Palästina hat ja schon lange den. Jsraeli>ten Osteuropas gewinkt, und als das älteste Vaterland der Juden ist es umgeben mit aller Romantik der Erinnerungen. In Palästina werden die Juden wie in alten Zeiten die Erde bebauen, nicht bloß Handel treiben können. Dort werden sie zum erstenmal n-ach Jahrtausenden in Gemeinschaft, in relativer Se?lbständigkeit leben können. Man soll sich nur nichtdem Glauben hingeben daß eine jüdische Gemeinschaft sich durch große innere Einigkeit auszeichnen wird. Wahrscheinlich werden die Juden, wenn sie erst für sich selbst wohnen, einander das Leben recht sauer machen. Aber deswegen ist es für mich kein Zweifel, daß die großen Fähigkeiten, die die Juden vor den meisten Völkern Europas voraus haben und die -in der .harten Schule von Widerwärtigkeiten und Verfolgungen sich entwickelt haben, sich mit mächtiger Ueberlegenheit geltend machen werden. Georg Brandes." * Die Vereinigung jüdischer Organisationen Deutschlands zur Wahrung der Rechte der Juden des Ostens schickt uns folgendes Schreiben: Berlin, 10. Februar 1918. Nach eingehenden Verhandlungen kam auf Grund , gemeinsam festgelegter Richtlinien, die für die Behandlung jüdischer Angelegenheiten maßgebend sein sollen, eine Vereinbarung zustande,, nach der die großen jüdischen Organisationen Deutschlands aller Richtungen sich zusammenschließen zu einer Vereinigung unter dem Namen: „Vereinigung jüdischer Organisationen Deutschlands zur Wahrung der Rechte der Juden des Ostens". In dieser Vereinigung sind bisher vertreten: 1. Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. 2. Deutsche Vereinigung für die Interessen der osteuropäischen Juden. 8. Deutsch-Israelitischer Gemeindebund. 4. Großloge für Deutschland. 5. Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden (Frankfurt a. M.). 6. Hilfsverein der deutschen Juden. 7. Komitee für den Osten. 8. Verband der deutschen Juden. 6. Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland. 30. Zionistische Vereinigung für Deutschland. Zum Vorsitzenden wurde gewählt Herr Dr. James Simon; zu stellvertretenden Vorsitzenden Herr Geh. Justizrat Oskar Cassel, M. d. A., und Herr Professor Dr. Franz Oppenheimer; zum Schatzmeister Herr Direktor Paul Mankiewitz; zu ehrenamtlichen Geschäftsführern Herr Dr. Arthur Hantle und Herr Dr. Paul Nathan; zu ehrenamtlichen Sekretären Herr Dr. Bernhard Kahn und Herr Richard Lichtheim. Das Bureau befindet sich in Berlin, Potsdamer Straße 41a, 2 Treppen. Die Bereinigung hat sich vor allem die Aufgabe gestellt, den Standpunkt der deutschen Juden gegenüber allen jüdischen Problemen im Osten und im Orient gemeinsam vor den in Betracht kommenden Instanzen zu vertreten, schon während der Dauer des Krieges und dann bei den Friedensverhandlungen. Es ist in Aussicht genommen, auf die Gründung verwandter Organisationen in Oesterreich-Ungarn, der Türkei und Bulgarien hinzuwirken, so daß durch eine Verständigung dieser Organisationen untereinander alsdann die jüdischen Fragen, die durch den Krieg aufgeworfen worden sind, in einheitlicher Weise seitens aller Juden der Mittelmächte behandelt werden können. Mit den Organisationen, die bisher noch ^icht formell angegliedert sind, sind Verhandlungen über einen Zusammenschluß mit guten Aussichten auf Erfolg im Gange. Die Beratungen, in welcher Weise die neue Vereinigung mit dem eben gebildeten „Vollzugsausschuß der jüdisch-orthodoxen Organisationen der Mittelmächte" Zusammenarbeiten kann, sind noch nicht abgeschlossen. Die Richtlinien für die Behandlung der Judenfrage, irn Osten und im Ottomanischen Reiche, auf Grund deren der Zusammenschluß erfolgt ist, lauten folgendermaßen: 1. Rechtliche und tatsächliche Gleichberechtigung mit allen Rechten und Pflichten als Staatsbürger. 2. Freiheit der Religionsübung. 3. Recht auf Pflege selbständiger jüdischer Kultur. 4. Recht auf freie Einwanderung und wirtschaftliche Be- . tätigung in allen Teilen -hes Osmanischen Reiches. 5. Recht auf freie Niederlassung und Pflege selbständiger jüdischer Kultur in Palästina. Wir geben, diese Auseinandersetzung mit Freude wieder. Jede solcher deutschen Organisationen ist uns willkommen, aber, wenn sie, wie diese, alle Parteien zusammenzuschli-eßen bestrebt ist, um so willkommener. Daher erfüllt es uns mit großer Genugtuung, daß die großen Organisationen, die keiner Partei dienen, sich hier mit Parteiorganen, wie der Vereinigung für das liberale Judentum und der Zionistischen Vereinigung, verbunden haben; daß bisher eine orthodoxe Verbindung noch fehlt, ist Hoffentlich nicht aus einem grundsätzlichen Gegensatz zu erklären. Es wäre sehr bedauerlich, wenn diese bei dem gemeinsamen Werke fehlte. Wir wünschen der Vereinigung von Herzen, daß sie sehr bald in der Lage sein möchte, ihr segensreiches Wirken zu beginnen, und werden gern bereit sein, unsere Leser von jedem Schritt zu unterrichten, den sie getan, und jeden Erfolg zu melden, den sie errungen hat. * Ich habe im Januar aus Raummangel darauf verzichten müssen, den Bericht des Rabbiners Dr. Baeck aus dem „Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde zu Berlin" zu bringen. Um so mehr freue ich mich, aus dem Februarheste die Darlegungen bringen zu können, die ein anmutiges Bild gewähren und eine hoffnungsreiche Stimmung erkennen lassen. Sie lauten (18. November 1917): Im vergangenen Monat fand die gewohnte Reihe der Gottesdienste statt, einige von ihnen im rückwärts gelegenen Gebiete, in dem Umkreise jüdischer Gemeinden. Auf sie richtet sich, auch in der Länge der Zeit, immer wieder die Aufmerksamkeit hin, und eines beschäftigt dabei besonders den Blick, der lebhafte, eindringliche Einschlag, den der weibliche Teil der Bevölkerung in den Gemeinden darstellt. Schon bei den ersten Schritten durch die Straßen des Städtchens meint man es in seinem äußeren Bilde so wahrzunehmen. Unter den Kindern, die zwischen den Häusern harmlos spielen oder schon bedacht Umschau halten, sieht und hört man beinahe nur Mädchen: Gasse und Ungebundenheit können sie in kurzer- Kindesfreiheit noch festhalten, während den Knaben schon so bald die Schule verlangt hat und vom Morgen bis zum Abend umschließt. Aber was früher Spiel war, zeigt dann ähnlich eine harte Wirklichkeit, wenn sie alle — so frühe, kaum daß sie es merken — in die Arbeit und Sorge des Lebens hineingelangt sind. Man hat den Eindruck, als nehmen die Frauen und Töchter des Hauses den Kampf ums Dasein und die Auseinandersetzung-mit den Nöten der Zeit noch entschiedener oder wenigstens temperamentvoller auf, als bestimmten und handelten sie in den weltlichen Dingen, in allen den Geschäften des Tages. In fast jedem Hause, in jedem der kleinen Läden, in die man eintritt, erscheinen sie nicht nur als erwerbende Glieder der Familie, sondern als drängende und treibende Kraft in Handel und Wandel, mit allen den Bildern bald voller Humor, bald voller Ernst oder Traurigkeit. Man könnte zunächst denken, das habe nur den gegenwärtigen äußerlichen Grund, daß viele Männer durch den Krieg von ihren Häusern fortgeführt seien. Doch es muß etwas Wesentliches sein, denn ganz ebenso ist es dort.

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