Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1918)
- Date
- 1918-02-15
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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75 Haupt geschlagen und gründlich belehrt werden, daß sie von ihren wahnsinnigen Hoffnungen Abstand nehmen müssen. * Im Anschluß an die Mitteilungen über die Ukraine seien folgende Aufklärungen des Jüdischen Pressebureaus in Stockholm wiedergegeben: National-personale Autonomie in der Ukraine. Dem Jüdischen Pressebureau in Stockholm wird aus Kiew telegraphiert: Die ukrainische Rada ncchrn einen Gesetzentwurf an, durch welchen für die verschiedenen, 'die Ukraine bewohnenden Nationalitäten die nationale Autonomie auf personaler Grundlage proklamiert wird. Die Kompetenz der einzektnerr Nationalvertretungen soll durch die nationalen Gründungsversammlu-ngen.bestimmt werden. Diese Bestimmungen gelten natürlich auch für die jüdische Bevölkerung der Ukraine. Die gegenwärtigen Wirren in «der Ukraine werden wohl die praktische Verwirklichung dieses hochwichtigen Gesetzes momentan hinausschieben, doch ist cmzunehmen, daß ohne Rücksicht auf die künftige Gestaltung der Machtverhältnisse in der Ukraine kerne Regierung den durch dieses Gesetz proklamierten Grundgedanken wieder aufgeben wird. Die Lage der Juden in Beßarabien. Dem Jüdischen Pressebureau in Stockholm wird aus Kiew telegraphiert: Die poale-zioni'stische Fraktion in der ukrainischen zentralen Rada brachte eine Interpellation über die Lage der Juden in dem von der'rumänischen Armee besetzten Beßavabien ein. In Begründung der Interpellation entrollte das Mitglied der Rada Revutzkh ein Bild von den furchtbaren Bedrückungen, >die die jüdische Bevölkerung Beßarabiens von den rumänischen Machthabern ertragen muß. Die scharfen Ausfälle gegen die rumänische Regierung brachten dem Redner einen Ordnungsruf wegen „Beleidigung einer befreundeten Macht" ein. Die Antwort des Sekrtärs für Auswärtige Angelegenheiten, Schulgin, war ausweichend. * Das „Berliner Tageblatt" schreibt: Die JudenPolitik der Polnischen Regierung. Berlin, 8. Februar. Das Polnische Pressebureau in Berlin meldet: In letzter Zeit mehren sich in der ausländischen Presse und den politischen Versammlungen verschiedener Länder unwahre Gerüchte über das Verhältnis der polnischen Regierung zur jüdischen Bevölkerung. Nach diesen Gerüchten sollen die polnischen Juden vielfältigen Beschränkungen unterworfen und von polnischen Behörden drangsaliert werden. Die polnische Regierllng soll die Lösung der Judenfrage in Zwangsauswanderung der jüdischen Bevölkerung suchen. Angesichts derartiger, aus polenseindlichen Quellen verbreiteten Nachrichten ist an die Erklärung des Herrn Ministerpräsidenten vom 4. Dezember 1917 zu erinnern, wo das Verhältnis der Polenregierung zu der Judenbevölkerung folgendermaßen gekennzeichnet wurde: „Ich bin von der Notwendigkeit einer Lösung der Judenfrage durch den Polenstaat nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit tief überzeugt und durchdrungen. Dies ist eine Folge meiner Grundanschauung, daß das Polenvolk nach Wiedererlangung der Staatlichkeit sich vom demokratischen Grundsätze der Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Unterschied des Bekenntnisses und der Abstammung leiten lassen muß. Dies bildet den organischen Bestandteil jedes demokratischen Programms. Es sei dies auch die Folge nationalpolitischer Rücksichten, daß im neuerstandenen Polenstaate keine inneren Streitigkeiten entstehen. Innerer Friede und Zufriedenheit aller Staatsbürger ohne Rücksicht auf Nationalität und Bekenntnis bildet die Grundbedingung der Staatsmacht und die Bürgschaft der Lösung wichtigster Aufgaben, die uns bevorstehen. Die Anwendung des Grundsatzes der Gerechtigkeit verstehe ich als bürgerliche Gleichberechtigung und Achtung kultureller und konfessioneller Besonderheiten bei Ausvechterhaltung des herrschenden Prinzips der Einheit des Polenstaates und des politischen Charakters in Aufbau und Funktionen dieses Staates." Die Regierungserklärung vom 30. Januar 1918 bekräftigt die obige Erklärung des Herrn Ministerpräsidenten und charakterisiert die Stellungnahme und Ueberzeugung der polnischen Regierung. Alle obigen Erklärungen zuwiderlaufenden Gerüchte entsprechen demnach nicht der Wirklichkeit. Die Judenbevölkerung in Polen hat keinen Grund zu irgendwelchen Befürchtungen, daß die von der polnischen Regierung dargelegten Grundsätze nicht in voller Ausdehnung durchgeführt werden könnten.!*: Heber die I ud en i n d er r u s s i s chen Ko n sti tu a n te wird dem' Jüdischen Pressebureau in Stockholm aus Petrograd telegraphiert: Erst jetzt werden die genauen Resultate der Wahlen zur Konstituante für die Juden bekannt. Als rein jüdische Kandidaten wurden bloß die folgenden sieben Vertreter des nationalen Blocks gewählt: Dr. Bruzkus im Gouvernement Minsk, Goldstein im Gouvernement Podolien, G r übenberg u nd Dem'kin im Gouvernement Cherson, Kogan-Bernstein im Gouvernement Beßavabien, Mas>e im Gouvernement Mohilew und Shrkin im Gouvernement Kiew. Von den anderen jüdischen Parteien führte bloß die vereinigte jüdischsiozialistische Arbeiterpartei' ans der Liste der Sozialrevolutionäre einen Vertreter, Herrn Davidowitsch, durch. * Ueber die Stellung des Herrn Professor Georg Brandes zum Zionismus hatte ich in Nr. 2 einen Privatbrief des Genannten veröffentlicht, der nach meiner Anschauung die früher bekanntgewordenen Aeußerungen desselben widerlegte.. Brandes läßt sich nun aufs neue in der in Dänemark erscheinenden „Zeitschrift für jüdische Geschichte und Literatur" über dieselbe Angelegenheit vernehmen. Ich lasse diese Ausführungen nach der „Jüdischen Rundschau" hier folgen und* überlasse es meinen Lesern zu entscheiden, welche Ansicht sie als die richtige des großen dänischen Schriftstellers betrachten wollen. Die Ausführungen lauten: „Mit wenigen Worten kann ich meine Anschauung über diesen Gegenstand präzisieren: Die Sache scheint -nur die, daß die Lage der Juden in Rußland, Polen -und Rumänien zu einer AuswanderunganfPordert, sobald eine Auswanderung möglich ist. Man müßte ein Kind sein, um sich einziübilden, dos; die in Rußland ein getretene Revolution mit der Aushebung der gesetzlichen Fesseln für die Judeneine Veränderung der Auffassungmit sich bringen würde. Der Judenhaß wird nicht so leicht niedergeschlagen. Nur ein solcher Umstand, daß Tr-otzki, der sich die Macht angeeignet hat, Jude ist, wird später -dazu führen, sich an Rußlands Juden zu rächen. Die Bevölkerung ist zu unaufgeklärt, um sie nicht zuverachten, 'und die^ Juden in Rußland sind noch zu unaufgeklärt, um sich in größerer Zahl unentbehrlich zu machen. Was Polen -anlangt, so wird mit Polens relativer Unabhängia-Wt die Lage der Juden dort schlimmer als in Rußland. Die Polen sind -ausnahmslos Antisemiten. Sie verweigern den Judenjeden- Staat sbeitrag, um eigene Schulen zu errichten. Sie wollen sie Niederhalten, sie unaufgeklärt lassen, oder sie in die polnischen Schulen Hinei nzlwingen, wo sie nicht -auf gleichem Fuße behandelt werden. Und die jüdischen Kinder sind von den deutschen Schulen -ausgeschlossen, >d-a man .diese Schulen als deutschevangelische oder deutschi-katholische errichtet hat. Die polnischen Juden wissen u-nd fühlen, daß in einem zukünftigen polnischen Staate keinerlei Spielraum für sie Vorhanden ist und keine Möglichkeit zrl irgendeinem Aufschwung, 'sei es ökonomisch o-d-er kulturell. - Bleibt noch Rumänien, das -trotz seiner durch den Berliner Vertrag ei-ngegangenen Verpflichtungen die Inden, die -das Unglück Haben, dort zuwohnen, als Parias ohne Menschenrechte behandelt und dessen Empisindu-ngsart auch nicht verändert werden wird, selbst, wenn die Alliierten Rumäniens einiges Interesse daran haben, gesetzliche Veränderungen zu erzwingen. Im Anbetracht dieser Situation -ist es nur natürlich, daß die Juden Osteuropas auswandern. Sie haben sich ja bereits in Massen in den^Vereinigten Staaten niedergelassen. Nun scheint ihnen Palästina gesichert zu sein als eine naheliegende Zuflucht-,