Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1918)
- Date
- 1918-02-15
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229346--73778-3286261- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-74 zuerst selig sind über die Existenz des Nebenmenschen, werden wir dem Nsbenmenschen Führer sein." Dazu gehört vor allem ein.tiefer Glaube an die Kraft des Gemeinschafts-. ideals, daß es durch sich selbst den Haß abtötet und unwirklich inacht. „Haß hat in dem Augenblick seine Rolle ausgespielt, wo'es gilt, gemeinsam mit seinem Nebenmenschen für die allevdrängendsten, allernächsten, primitivsten Aufgaben der Erde zu arbeiten. Die nächste, primitivste Ausgabe des Menschen auf der Erdkugel heißt geistige Friedensgemeinfchaft." * Ob solch ein Glauben berechtigt ist? Danach soll man nicht ' fragen, man soll sich freuen, daß es Menschen gibt, die ihn haben; ohne sie wäre der Haß noch mächtiger, als er schon ist, ohne sie der Kampf gegen den Haß noch dornenvoller. Nur kein müdes Resignieren, nur kein Verzichten! Und vor allem nur keinen Aufschub! Es ist nie zu früh mit solchem Geist, mit solchem Handeln, „die erhabenste Forderung vor uns selbst heißt: Jetzt." Man könnte, wenn man Lust dazu hätte, auf Schritt und Tritt die enge Berührung dieser Forderungen mit der jüdischen Lehre und jüdischen Gedankenreihen Nachweisen, aber wichtiger noch als dieser Nachweis ist die Tatsache solcher Forderungen und daß sie allerorten und in allen Lagern mit Mut ausgesprochen werden. In dieser ethischen Gesinnung, in dieser glühenden Menschenliebe liegt der Wert des Buches, sie macht vieles vergessen. Denn es ist nicht etwa so, daß man jedem Wort zustimmen und der Art, wie es gesagt ist, uneingeschränkte Anerkennung entgegenbringen könnte. Man vermißt das Aufzeigen Praktischer Wege: aber vielleicht hat darin der' Autor recht, insoweit es wirklich heute vor allem auf das Aendern der Gesinnung ankommt. Es geht durch das Buch ein Brausen des Sturmes, ein revolutionärer Wille, ein drohendes Ungestüm. Des Autors einziges Sinnen ist: Umsturz, Umsturz im Sinne der plötzlichen, von Leidenschaft getragenen Aenderung des Denkens. Nichts gilt ihm die planmäßige Arbeit an dem Menschen; sie ist ihm zu langsam. In diesem Sinne prägt er das kühne, ungeheuerliche, zu starkem Widerspruch herausfordernde Wort: „Ich weiß, daß es keine Entwicklung gibt"; Fortschritt ist für ihn nicht da. „Wir glauben an das Wunder, an das Abtun alles Fließenden in uns; daran, daß unsere Körper plötzlich vom feurigen Geist brennend gefreffen werden, an eine ewige Sättigung in einem einzigen Moment." Und dieses tosende Brausen, dieser verzehrende Wille, dieses bis zum Platzen Geschwelltsein von dem Atem des Sturmes, diese Unrast des Nichtwartenkönnens, Nichtwartenwollens: sie prägt sich auch im Stil und in der Sprache aus. Es ist keine ruhige, abgellärte Sprache, eS ist eine Sprache, die von kühnen, allerkühnsten Bildern wimmelt, die von Gedanke zu Gedanke springt, von einem Satz zum anderen, ehe der erste noch vollendet ist, die aufpeitschen, verwunden, verletzen will, die unter der Fülle dessen, was in die Sätze hineingepreßt werden soll, oft der Klarheit und Verständlichkeit entbehrt. Es ist mitunter ein abgehackter Stil, ganze Gedankenreihen sollen in der Form des Ausrufes ihre Ausprägung finden.' Aber das Fremdartige des Stils ist nicht der Ausdruck eines Mangels am Können, sondern es stammt aus der Atemlosigkeit der Leidenschaft, aus dem Willen, aüfzurühren. anzustachekn. Mag man des öfteren mit dem Gesagten nicht einverstanden sein und Widerspruch, starken Widerspruch im Herzen tragen, mag man sich oft über das Herbe, Gewalttätige der Spräche ärgern, mag man sich wundern, wie jemand glauben kann, mit einem so wenig leicht lesbaren Buch in die Breite wirken zu können, so vieles man auszusetzen hat, man wird versöhnt durch die prachtvolle ethische Gesinnung, die aus dem Buche spricht, durch die umfassende, schrankenlose Menschenliebe, durch die Glut der Hingabe. Ach, wir haben schaudernd so viel Haß in diesen-letzten Jahren erlebt, wir haben dem ganzen neunzehnten und dem bisherigen Abschnitt des zwanzigsten Jahrhunderts eine so heftige Abkehr von dem Humanitätsideal und dem Menschlichkeitsgefühl, die mit dem ausgehenden achtzehnten Jahrhundert so verheißend emporgeblüht waren, vorzuwerfen, daß wir dankbar sind für jedes mutige Bekenntnis zur Gemeinschaftsgesinnung. Besser sie in Leidenschaft und ohne Abgeklärtheit als Abgeklärtheit, Ruhe und fließende Rode ohne sie. Sie Woche. Berlin, 12. Februar 1918. wei hochwichtige und sehr erfreuliche Ereignisse stehen im Vordergründe des Interesses: der Frieden mit der U kr ain e u n d d er Fried en sz u st and mi t Ru ßland. Man muß sich in solcher Weise ausdrücken, denn mit der Ukraine ist ein wirklicher Frieden vor einigen Tagen abgeschlossen worden, mit Rußland dagegen ist in der Nacht vom 10. zum 11. Februar der Kriegszustand für beendet erklärt worden. Da gleichzeitig Befehl zur völligen Demobilisierung der russischen Streitkräste an allen Fronten-erteilt wurde, so bedeutet das ein wirkliches Kriegsende. Von einem formellen Friedensschluß hat man abgesehen und für die weiteren Besprechungen aus die Verhandlungen der Vierbundmächte mit den Vertretern der russischen Regierung verwiesen. Nichtsdestoweniger kann man von einem Kriegsende sprechen. Denn die Wiederaufnahme kriegerischer Unternehmungen ist bei der Demobilisierung des russischen Heeres auch für etwaige künftige Regierungen völlig ausgeschlosien. So sind wir im Osten frei, jeder. Gefahr enthoben, Herren über unsere Truppen. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, ob Rumänien, wenn es nicht gänzlicher Vernichtung anheimfallen will, zu Kreuze kriecht, und man sollte denken, daß die Serben und Rumänen, Völker oder Regierungen, diesen Zeitpunkt ergreifen werden, um zu retten, was zu retten ist. Denn eine Hilfe von Rußland kann ihnen niemals werden, eine Unterstützung der Westmächte steht in weiter Ferne, und es wäre in ihrem eigenen, wohlverstandenen Interesse, wenn sie gerade jetzt freiwillig das zu erhalten versuchten, worauf sie bei längerem Warten möglicherweise verzichten müffen. So hat sich mit einem Schlage in ziemlich unerwarteter Weise die Situation höchst glücklich geändert, und wir dürfen mit großer Freude der Zukunft wenigstens im Osten entgegensehen. Mit um so größerer als die Gefahr des Panslawismus, die ehedem von Rußland aus drohte, für absehbare Zeit geschwunden ist, weil die einzelnen Republiken, in die Rußland zerfällt, Jahrzehnte zu ihrer Konsolidierung brauchen. Dagegen sieht es im Westen noch höchst kriegerisch aus. Ein neuer Kriegsrat, der in Versailles stattsand, hat wieder jene berühmte Einstimmigkeit ergeben, die aufs neue, wie schon oft genug, in die Welt ausposaunt worden ist. Ein Generalissimus ist ernannt, die Westmächte haben sich gegenseitig ihre Ansprüche garantiert. Die Forderungen Frankreichs sind von England gebilligt worden, die Ansprüche Italiens werden von den Westmächten als berechtigt anerkannt und das Verlangen Englands auf Herausgabe Belgiens wurde von Frankreich und Italien als notwendig befunden. Ein verschärfter Krieg soll seitens-der wider uns Verbündeten einsetzen. Ob eine neue große Offensive von unseren Feinden versucht oder ob von den deutschen Truppen ein großzügiger Angriff ins Werk gesetzt werden soll, steht dahin; die nächsten Wochen müssen die Entscheidung bringen. Freilich bleibt es höchst fraglich, ob diese Entscheidung eine wirklich endgültige fein wird. Dies könnte sie nur in dem Falle fein, daß, wie wir inständigst hoffen, die Westmächte aufs