Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1918)
- Date
- 1918-02-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Berlin, 15. Februar 1918 82. Jahrgang. Nr. 7 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und vor- : orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32^i Vegründet von Uadbiner Dr. Lu-wl- PHMpps-n Unter Leitung des Geheimen Regierun-rrats profeffor Vr. Ludwig Geiger Verlag: NuSolk Masse, verUn, Jerusalemer Strasse 4S-4S Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgern. Zeitung des Judentums", Berlin 8^V, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin. *?er Mensch in der Mitte." Von Rabbiner Dr. Dieneman n «D ssWAKL. (Äatibor).Die Woche. — Landrabbiner Dr. Doktor. Von Lehrer. Horwitz (Kassel). — Emanuel Carasso, Deputierter von Konstantinopel. Von. Dr. AlPhonS I. Subnitzki.. — Die Oei-mainu 5uäaies. Von Ludwig Geiger. — Die Geistes- und Gemütshygiene im alljüdischen Schrifttum. Eine psycho-hygienische Studie Von Dr. rned. Rainer», Arzt zu Wiesbaden, z. Z. Kopenhagen. — Feuilleton: Dvr Weg des jungen Hermann Kahn. Von Clem ent in e Krüm er (München). — Büchereinlaus. Der Gemeinvebotst (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Graudenz, Breslau, Köln a. Rh., Bad Kissingen, Frankfurt a. M., Wien. 7— Von Nah und Fern. „Ser Mensch in der Mitte." Von Rabbiner Dr. Dienemann (Ratibor). I. nter diesem Titel erschien kürzlich ein Buch von Ludwig Rübiner') als ein Band der von Franz Psemfert herausgegebenen „Aktions-Bibliothek". Mit diesem Buche sich hier an leitender Stelle zu beschäftigen, erscheint geboten, einmal, weil es von' einer so tiefen und leidenschaftlichen Menschheitsliebe, von einem so glühenden Verlangen nach Verbrüderung getragen ist, daß ein 'Jude, in dessen religiösem Leben und Denken die messianische Idee von der einigen Menschheit im Zentrum steht, daran unmöglich vdrbeigehen kann, und dann, weil darin vom Judentum in einer Weise die Rode ist, daß man dazu Stellung nehmen muß, mit ihm sich auseinanderfetzen muß. „Der Mensch in der Mitte", in dieser Wortprägung liegt ein Programm, es ist der Ruf nach größter Menschlichkeitsnähe, es umschreibt die Förderung, daß der Mensch sich um des Menschen willen aus der Erde fühlen soll, daß die Erweckung des brüderlichen Gemeinschaftsgefühls und die Betätigung der Gemeinschaft Ziel und Aufgabe alles menschlichen Lebens werde, demgegenüber alles andere in den Hintergrund treten müsse. „Der Mensch in der Mitte", das soll aber auch heißen, daß diese brüderliche Gesinnung nicht als ein Geschenk uns in den Schoß fällt, sondern nur aus des Menschen Willen geboren werden kann; zum Zeichen dessen ist dem Ganzen das Wort ■ Herodots vorangestellt: „Laßt nichts unversucht: denn es geschieht nichts von selbst, sondern der Mensch erlangt alles erst durch seine. Unternehmungen." Wie durch alle Aeußerungen derer aus dem Kreise der „Aktion" geht auch durch dies Buch ein einziger Schrei nach Aktualität, d. h. nach lebendiger Tat, die Forderung, nicht'im Beschreibenden haften zu bleiben, nicht vom Erlebnis sich tragen zu lassen, auf das Erlebnis zu warten; nicht vom Eindruck, der Impression, sich bewegen zu lassen, sondern aus dem Geist zu handeln, die Welt, die Menschheit zu gestalten. „Nur dies gilt: Der Welt, die mit Millionen von einrauscheuden Sonderklängen und nachleuchh Ludwig Rübiner: „Der Mensch in der Mitte". Verlag der Wochenschrift <»Die, Aktion", Franz Pfenrfert. , 181 ©.' 3 Mark ungeb. tenden. Sonderfarben uns als ihr Objekt aufschlucken will, keine Eigenexistenz zuzubilligen, sondern umgekehrt, an ihr den göttlichen Schöpfnngsplan zu gestalten; mit ihr den Wert durchzusetzen, die Heiligung des Lebens." Immer wieder wird die Forderung der Politischen Handlung aufgestellt, wobei unter Politik nicht in dem üblichen Sinne das Hin und Her der inneren Kämpfe im Staat oder das mehr oder minder versteckte Spiel um die Beziehungen der Staaten zueinander verstanden wird, sondern die aus dem Gefühl der Menschlichkeit und aus der Menschheitsgesinnung geborene Tat überhaupt gemeint ist, und Politik in diesem Sinne wird in jeglicher Betätigung einschließlich der künstlerischen verlangt. „Politik", so lautet einmal die Formulierung, „ist die öffentliche Verwirklichung unserer sittlichen Absichten," ein prachtvolles Wort, das einmal klassisch werden wird, viel mehr als jenes bekannte, zum Ueberdruß zitierte, von der Politik als der Kunst der Erreichung des Möglichen. Man denkt bei jenem Wort an ein anderes schönes, halbvergessenes Wort, das Lazarus einst in seiner Abhandlung über den Propheten Jeremia geprägt hat; daß er „nicht bloß Moral in der Politik, sondern Moral als Politik gefordert hat". Politik, Handeln erscheint dem Autor überhaupt nur möglich in Verbindung mit Güte und Gerechtigkeit, „ohne Güte und ohne das Ziel der Gerechtigkeit gibt es kein Handeln." In solchem Handeln gipfelt ihm das Leben, erhält das Leben für ihn erst seinen Sinn, und nur die positive Guttat hat einen Sinn, das Nichttu-n des Bösen noch lange nicht, „nicht Vermeidung des Bösen gilt es, sondern Widerstand gegen das Böse." Unermüdlich drängt er auf den Willen zur Aenderung der Welt hin, daß man nicht das Gegebene um dessentwillen, weil es da ist, vergotte, sondern daß man sich aus dem Geiste bewegen lasse. Entscheidung, das wird verlangt, strenge Stellungnahme ohne Kompromiß und Ausweichen. Diese Aenderung kann aber eben nur aus einer überstarken Menschheitsgesinnung erblühen, geht in irgendeiner Bewegung etwas über sie, dann kommt keine Aenderung der Welt zustande. Darin findet er denn auch die Erfolglosigkeit, den Zusammenbruch des Internationalismus im Sozialismus, weil in ihm der Klassenkampf die Hauptsache war, d. h. „weil gerungen wird um das Oekonomische, um Beteiligung am Besitz, um Dina statt um Geist". Nicht au den oder jenen wendet sich der Autor, sondern än alle; allen will er das Gewissen schärfen, und was er ersehnt, sind nicht bloß Mitläufer,. Mitsprecher des Gedankens, sondern Menschen, die aus dem Persönlichen Verantwortungsgefühl für Gang und Schicksal der Welt das Verlangen txagen zu führen. In jedermann sieht er die Möglichkeit zum Führer, „jeder Mensch ist geschaffen, ein Führer zu sein". Führer aber wird ryan nur sein können, wenn man den Menschen mit glühender Liebe liebt und von tiefer Ehrfurcht für jedermanns Wert erfüllt ist, wenn man überzeugt i ist, „daß jeder Mensch unersetzlich ist". „Und nur wenn wir