Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1918)
- Date
- 1918-02-08
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin, 8. Februar 1918 82. Jahrgang Nr. 6 Der Gemetndevate. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". korrelponvkn?rn und Aachrichtm. Seutschlsnd. # Berlin, 5. Februar. Im Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde hielten am 4. d. M. Vorstand und Verwaltungsrat der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden eine Arbeitssitzung, ab, an der Vertreter aus Men Teilen Deutschlands teiln-ahmen. Geheimrat Timendorfer eröffnete die Verhandlungen mi't einer Begrüßungsansprache, in der er die Delegierten willkommen hieß und der Presse seinen Dank für die freundschaftliche und fördernde Haltung aussprach. Die neue Organisation solle in einer Zeit, in der alles auf straffe Organisation hinstrebe, das Nebeneinanderarbeiten aufdem Gebiete der sozialen Arbeit in ein zielbewußtes Zusammenarbeiten verwandeln. Eine Satzungsd eb a tte, die sich daran anschloß, erbrachte die vorläufige Annahme des von einem Sonderausschuß, vorbereiteten Entwurfs. Die in der letzten Sitzung vollzogene Wahl des Vorstandes wurde vom Verwaltungsrate bestätigt, der sich darauf selbst konstituierte und Herrn Eugen Casparh zum Vorsitzenden sowie zu dessen Vertretern die Herren Dr. Albert Levy und Dr. Baum wählte. Nach hierauf erstattetem Geschäftsbericht.sind bereits die Vorarbeiten für das zu begründende Archiv für die gesamte jüdische Wohlfahrtspflege in Angriff genommene durch Rundfragen wird Material über die Waisenpflege und über die jüdischen Bildungsanstalten in Deutschland gesammelt. Dervon Frau Henriette May erstattete Finanzbericht sieht einen Jahresbeitrag von 20.000 Mark vor, die durch Beiträge der angeschlossenen Organisationen aufgebracht werdensollen; der zur Genehmigung vorgelegte Arbeitsplan sieht eine Fülle wichtiger Arbeiten vor. Auf der Tagesordnung steht die Erörterung zweier wichtiger Spezialfragen: die jüdische Sammelvormundschaft und die jüdische Waisenanstalt in der neueren Zeit. Ueber das erste Gebiet berichtet Rechtsanwalt Dr. Lamm, der als Sammelvormund der Berliner jüdischen Gemeinde eine reiche Erfahrung mitbringt. Ueber die jüdische Waisenanstalt spricht als berufener Vertreter der Direktor der Auerbachschen Waisenerziehungsanstalten, Dr. Altmann. Fräulein Berta Pappenheim erstattet einen interessanten Gegenbericht. Im Anschluß an die Ausführungen des Dr. Lamm wird beschlossen, eine Kommission einzusetzen, welche die Durchführung der Vorarbeiten der von Dr. Lamm gegebenen Anregungen vorbereiten soll; eine andere Kommission soll an der Hand des vorgebrachten Materials, das in der Diskussion durch die Ausführungen der verschiedenen Redner vermehrt wurde, Grundsätze für die jüdische Waisenpflege aufstellen. — Mit einem Danke an die Teilnehmer wird die Tagung von Geheimrat Timendorfer geschloffen. E. M. Berlin, 5. Februar. In der ersten der. diesjährigen M o n t a g s v o r l e s u n g e n an der Lehranstalt für die Wiffenschast des Judentums verglich Hermann Cohen in geistvollen Ausführungen das soziale Ideal bei Plato und den Propheten. Die ersten griechischen Philosophen, deren Schüller und höchste Vollendung Plato darstellthaben ihre philosophischen Kenntnisse als Reisende im Orient erworben. Es ist Platos großes Verdienst, dieses fremde Kulturgut zu eigenem griechischen Besitz gemacht zu haben. Mit dem Begriff des Guten, den Plato auf der Suche nach dem Problem der Sittlichkeit fand, wird er zum Begründer der philosophischen Ethik, deren beide Fundamente: wissenschastliche Erkenntnis undi Sittlichkeitsproblem, sich hier zum ersten Male verbinden. Mer bei Plato fehlt die Idee des Menschen noch vollkommen-, die zum ersten Male durch den Juden Philo in die platonische Jdeenlehre eingeführt wurde, der bei diesem Schritt nicht der philosophischen Schule, sondern dem prophetisch-- jüdischen Geist gefolgt ist; denn das Wechselverhältnis zwischen Gott und Menschen bildetden Hauptinhalt der Propheten. Die Gotteserkenntms ist das Hauptgebot der Bibel. Mer dieses Erkennungsgebot ist ganz anders als bei -den Griechen; die Propheten suchen die Antwort nicht in der Astronomie oder anderen Wissenschaften, sondern erwerben sie in idealistischem Sinne von jenseits alles sinnlichen Seins. Hier tritt der sittliche Faktor ein: was bei Plato das Gute war, wird bei den Propheten der Gute. Mit dem Begriffe des einzigen Gottes wird zugleich der Begriff des Menschen und der Liebe geschaffen. Für die Propheten war die Armut das Leiden der Menschen. Mit dem Erbarmen ging ihnen die Liebe auf. In der Armut, die sie zum Angelpunkt des Daseins machten, erkannten sie das Grundleiden der sozialen Kultur. Der Arme ist der Jdealmensch, an dem sich die Gerechtigkeit Gottes Zur Offenbarung bringen wird. Die soziale Gesetzgebung wird zum Ideal des theokrati-schen Staates. Das soziale Ideal Platos vertreten dagegendrei scharf geschiedene Stände: Philosophen, Krieger und Gewerbetreibende. Hier fehlt der Begriff des Menschen noch ganz. Bei, den Propheten ist die enge Standespolitik durch das Mitleid mit den Menschen überwunden, Politik uud Gottesglauben -sind in den Menschheitsglauben übergegangen; das Reich des ewigen Friedens, -diese Erfindung der jüdischen Propheten, wird -die ganze Menschheit umfassen. Der viel bewunderte Fortbestand des jüdischen Volkes beruht auf der Tatsache, daß der einzige Gott unser alleiniges Eigentum geblieben ist, das die anderen Völker der Welt noch nicht so tief in sich ausgenommen haben wie die Juden. Diese Tatsache verbürgt uns ewigen Bestand. — Den tiefdurchdächten Ausführungen des großen Philosophen folgte ein interessiertes Publikum. &&& Berlin, 5. Februar. Wir erhalten folgenden Bericht über das Ergebnis des Preisausschreibens der Moritz-Manheim e r- S t i f t u n g bei der Großloge für Deutschland VIII. U. O. V. B. für das Jahr 1917: Die Preisträger für die Moritz- Manheimer-Stiftung bei der Großloge waren folgende Autoren: 1. Herr Felix Halle (Berlin), 2. Herr Dr. Max Seber (Dresden), 3. Herr Professor Dr. Alfred Feilchenfeld (Fürth), 4. Paula Messer-Platz (Gießen). Das Preisrichterkollegium bildeten die Herren: Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Wilhelm F o e r st e r (Bornim-Potsdam), Geheimer Justizrat Dr. Eugen Fuchs (Berlin), Stadtverordnetenvorsteher Paul Michelet (Berlin), Justizrat Berthold T.i m e n d o r f e r (Berlin). Nach einem Beschlüsse des Preisrichterkollegiums werden die nicht preisgekrönten Arbeiten zurückbehalten und nach Ablauf von sechs Monaten nach Auszahlung der Preise — das war der 1. Januar 1918 — vernichtet; es sei denn, daß die Urheber die Arbeiten vorher zurückverlangen. In diesem Falle werden sie den Verfassern übersandt. Berlin, 6. Februar. Die Deutsche Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge versendet an ihre Mitglieder nachstehendes Schreiben, das wir irn allgemeinen Interesse hier wiedergeben: „Verehrlicke Abfertigungsstelle? Aus einer Zuschrift der Abfertigungsstelle Magdeburg entnehmen wir, daß es einem, sich Alfred Rosenberg nennenden Artisten, der etwa 25 bis 28 Jahre alt sein mag, von mittlerer Figur und blond, gelungen ist, durch Vorlage zweier von Magdeburger Aerzten ausgestellten Attesten, die eine Fahrt nach Breslau mittels Schnellzuges als notwendig. erachteten, zu einer Privatwohnung Zugang zu finden, wo er den Schein eines Todkranken erweckte und dadurch ein Reisegeld von 70 Mark erlangte. Dem Herrn Rabbiner zeigte er gleichfalls zwei andere Atteste vor und erhielt für die gleiche Re-ise noch 120 Mark. Bei der Kaffe hat er nicht vorgesprochen, dagegen sich noch von einem fünften und sechsten Arzt Atteste ausstellen lassen. Erkundigungen bei dem dortigen Zirkus ergaben, daß er ihm nicht angehörte. Wir vermuten, daß der Schwindler identisch ist mit dem von uns am 2. August 1917 zum neunten Male gemeldeten Artisten Alfons Blumenfeld, der in Plauen, gestützt auf ärztliche Zeugnisse, von der jüdischen Bevölkerung Darlehen sich zu verschaffen wußte uud in frecher Weise die Juden bei der christlichen Bevölkerung verleumdet hat. Dieser Fall beweist, daß trotz unserer Warnungen es immer noch raffinierten Schwindlern in umfangreichem Maße gelingt, Privatpersonen zu prellen. Es erscheint notwendig, daß die verehrlichen Abfertigungsstellen ihren Mitgliederkaffen und diese ihren persönlichen Mitgliedern eine Warnung zugehen lassen, zugleich aber diesen einschärfen, grundsätzlich private Unterstützungen nicht zu gewähren, sondern jeden im Hause vorsprechenden Bittsteller an die zuständige Kaffe zu verweisen.