Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1918)
- Date
- 1918-02-08
- Page
- Seite 70 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Einige Aussprüche hierüber mögen dieses Kapitel schließen. Hillel empfiehlt: „Liebe den Friede n, jage dem Frieden nach, liebe die Menschen, halte sie in Freundlichkeit zur Gotteslehre an" (Pirkeh Abäth 1/ 12.2N1S 121 nrnan ns 2.nis aiSir nmm DiStr). Als Eckstein fei hier die markante Lebensmaxime wiedergegeben: „Auf drei Dingen beruht die Welt: auf der Wahrheit, auf dem gerechten Wahrspruch und dem Frieden!"^) (Daselbst Mischna 14. nasn Sj? nair oSim nnm nwiSV Sr aiStrn Sn ■pn Sn) (Schluß folgt.) Der Wkgdrsjungkn hermsnn lkshn. (I. Forts.) Von Clementine Krämer (München). ein, sagte die Frau ruhig und mit Würde, nein, sie bilde sich gar nichts anderes ein, aber außergewöhnliche Verhältnisse würden eben Außergewöhnliches mit sich bringen. Und kurz und gut: das sei nicht zu leugnen, daß es in Judenkreisen noch immer für ein wenig unsittlich gelte — und ein leises und fast bitteres Lächeln huschte über das Gesicht der Frau — aus reiner purer Liebe, und aus keinem anderen Grunde, einem Manne zu folgen. Und alles in allem: es sei wohl zu begreifen, daß dieses wunderschöne Mädchen lieber mit dem „Graf" — auch wenn er ein Christ und überdies kein bißchen ein Graf gewesen sei — auf und davon gegangen wäre, als den dicken Heymann — ihren Detter — zu heiraten, dem sie ihre Eltern, wie er wisse, in jenen Tagen hätten verloben wollen. „Dieses herrliche Geschöpf", wiederholte Frau Hanna noch einmal wie für sich Doch Tante Elise zog vor, dem Feste fern zu bleiben. Dagegen verabredeten die beiden Frauen, sich rat Frühjahr darauf für zwei Tage in Baden-Baden zu treffen. Aber da nun mußte Frau Hanna auch von Zeit zu Zeit vor sich hin sagen: „Dieses herrliche Geschöpf", aber jetzt mit einem leisen urid traurigen Kopfschütteln. „Dieses herrliche Geschöpf" nämlich war in den fünfzehn Jahren, da man sich nicht gesehen hatte, zu einer pompösen Erscheinung von — sage und schreibe — zweihundertzehn Pfund angewachsen. Die blauen Veilchenaugen verloren sich, gänzlich eingebettet in die beiden Kissen, zu welchen sich die apselblütensarbenen Wänglein aufgeplustert hatten. Und ach, wenn sie sprach, dann wackelte all dies Fett im Gesicht und an den Händen und überall. Und sie sprach viel und schlecht. Denn das Deutsche hatte sie mittlerweile verlernt und des Französischen sich nie ganz bemächtigen können. „Dieses herrliche Geschöpf" nun dick und ältlich und langweilig und klatschhaft. Und Frau Hanna fragte sich, ob sie sich zu Recht so erregt hatte damals ihrem Gatten gegenüber. Und sie fragte sich ferner, ob es in der Tat ein solch großes Unglück gewesen wäre, wenn sich Tante Elise an der Seite ihres dicken Vetters Heymann in dem kleinen Judennest so aufgebläht hätte, wie sie es nun in Paris im fünften Stock der Rue Descartes getan.-Und sie tat ihrem Gatten im stillen Abbitte, daß sie ihn damals ein ganz klein wenig von oben herab behandelt. Und sagte sich in kurzsichtiger Frauenlogik — weil ihr das Loben gerade ein wenig h Vgl. noch Traktat Eruchim über -paSa “ITtS llS KJ1W sS Ferner Snkkah 49a: “mV N212 j7'1NV ’Ss N2,7>N »5CÖ sS Unrecht gegeben —, daß die Männer doch einen besseren Verstand hätten. * Den Tag nach dem Feste stöberte Hermann noch in seinen neuen Büchern herum, nahm erst eins nach dem andern vor, bis er bei Schiller hängen blieb und mit glühenden Backen die ganze Wallenstein-Trilogie an einem Tage herunterlas. Aber am Montag morgen hieß es dann noch rasch in einer halben Stunde das griechische Pensum durchgehen, denn von acht bis neun war griechische Schulaufgabe. Und Hermann bekam zum erstenmal in seinem Leben eine Drei, welche den „Didaskalos" — wie sie den griechischen Professor nannten — zu der Bemerkung veran^aßte, daß auch Homer einmal geschlafen habe. Was Hermann sogleich in die Ursprache rückübersetzen mußte. Aber siehe: zum Schluß des Semesters hatte der Kahn II von der 4 A wieder seine schlanke Eins weg. Als ihm aber der lange Baumann, der stets mit ihm um die Palme des Primus rang, darum zur Rede stellte, ging Hermann schnurstracks hin und fragte den Professor, wie es käme und ob vielleicht ein Berschen . . . der Baumann habe ihn eben an jenen Dreier erinnert. Da lachte der Lchrer: er solle dem ganz gescheiten Baumann einen schönen Gruß ausrichten und „Kommunionsdreier" würden nicht gezählt. Und abends an seinem Stammtisch meinte der Professor, die Judenbuben seien ihm „no allweil die lieberen", und ließ sich gerade sein Spanferkelviertel schmecken. Herr Zipfele, der Turnlehrer, konnte ihm indes im allgemeinen nicht beistimmen. Als aber damals Hermann mit der Drei nach Hause gekommen war, da hatte die Mutter den Schlüssel abgezogen von dem neuen Bücherschrank. Bis zu den großen Ferien. * Was den Großvater betrifft, so konnte er, als er heimkam, nicht genug erzählen von dem Beifall, den seine Kapuzinerpredigt gehabt. Und dann brachte er die neue Salzwage mit, deren Ankauf schon seit mehr denn einem Jahr in Aussicht genommen war, weil die alte nur noch mit dünnen- Stricklein — statt der Messingkettchen von einst — notdürftig zusammengehalten wurde. Und weil darum der Großvater um das genaue Gewicht ständig in Angst lebte. Und diese Salzwage bildete nun auf lange hinaus das Tagesgespräch in dem Kaufladen bei der Kundschaft der Großeltern. Diese betrieben schon seit vielen Jahren eine Ellen- und Spezereiwarenhandlung, während sonst fast alle Juden im Ort Viehhändler ihres Zeichens waren. Und diese andere Beschäftigung, die den Großvater das ganze Jahr daheim hielt, gab ihm gewissermaßen eine Sonderstellung. Man lächelte ein wenig über den Stubenhocker mit seiner Kapuzinerpredigt und überhaupt mit seinen brotlosen Liebhabereien. So saß er z. B. des Abends in der überheizten Stube, in der sorgfältig die Fenster verschlossen gehalten werden mußten wegen der „schädlichen Nachtluft", und saß und las vor. Erst aus dem Wochenblättchen. Und dann noch aus einem Büch. Etwa aus dem Berthold Auerbach: Die Dorfgeschichten natürlich. Und die Nachbarschaft fand sich ein und bildete das Auditorium und diskutierte darüber, als ob alles wörllich wahr gewesen wäre und sich eben im Augenblick zugetragen hätte. Und weinte und lachte mit den Personen in dem Buche. Und z. B. bei der Stelle: „Ich reich dir meine kleine Hand Hinüber in das ferne Land" betrachteten sie alle das kleine Kinderhändchen, das da richtig in den Konturen hineingezeichnet war und legten ihre eigenen groben Hände darauf und besprachen eifrig, ob die Hand nicht