Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-02-08 · Heft 6 (8.2.1918) · p. Seite 68

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 6 (8.2.1918)
Date
1918-02-08
Page
Seite 68 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229345--73767-3286249
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

68 Heute, an seinem Ehrentage, vereinigen sich um ihn mit seinen Mtarbeitern aus dem Kollegium und dem Kuratorium der Anstalt alle diejenigen, die einst das Glück hatten, zu seinen Füßen zu sitzen. Sie danken ihm die Liebe und Begeisterung für die Ideale des Glaubens und des Vaterlandes. Sie versichern ihn aufs neue ihrer Verehrung und wünschen ihm, daß er noch lange seines Amtes an hervorragender Stelle walten möge und daß eine gütige Vorsehung ihn schauen lasse Länge der Tage, Dauer des Lebens, Frische und Rüstigkeit des Geistes und des Körpers: ad multos annos. Bit Geilten- und Gemütshygiene int sitjüdilchen Schrifttum. Eine psycho-hygienische Studie. Von Dr. med. Rainer Arzt zu Wiesbaden, z. Z. Kopenhagen. er Monismus, dessen aus materialistischen Anschauungen beruhende Lehren die Identifizierung von Körper und Seele oder Geist postulieren, hat sich überlebt. Es soll ja zugegeben werden — und ist ja eine alltäglich zu beobachtende Tatsache —, daß Körper und Psyche in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen; daraus aber folgern zu wollen, daß beide identisch seien, wäre ja ganz absurd. Denn, wenn wir z. B. eine Abhängigkeit zwischen Sonne, Mond und Erde in ihren Bewegungen im Laus beobachten, so folgt doch wahrlich noch lange nicht daraus, daß sie eines und dasselbe seien. Denn dagegen spricht ja die Wahrnehmung, unseres Gesichtssinnes. Allerdings können wir die Seele durch unsere Sinne als besonderes Substrat nicht wahrnehmen; daraus folgt aber noch nicht, daß sie absolut nicht -wahrnehmbar sei. Denken wir uns, es säße jemand in einem Zimmer und vernähme Klavierspiel aus dem Nachbarvaum, und, weil er den Klavierspieler nicht sähe, daraus schließen wollte, daß das Musikinstrument und der Spieler identisch seien. Gerade so verhält es sich mit Körper und Seele. Wir können nur auf das Vorhandensein der letzteren aus den c u l o motorischen Aeußerungen des lebenden Organismus schließen — aber sie selbst mit unseren Sinnen beobachten, wird uns wohl schwerlich gelingen. Denn dieselbe -ist ein Etwas sui gensris, das sich weder in eine mathematische Formel zwingen noch durch eine chemische Reaktion ausdrücken oder gar auf die Röntgenplatte bannen läßt. Ja, nicht einmal das Radium oder Thorium vermögen uns den Schleier des ewigen Geheimnisses zu lüften. Also, vorläufig „ignoramus" . . . Aber trotzdem wissen wir aus der alltäglichen Erfahrung und Beobachtung, daß Organismus und Psyche sich sowohl im gesunden als auch im kranken Zustande stark beeinflussen und eng miteinander verbunden sind. Wer weiß z. B. nicht — und hat es an sich selbst nicht erfahren —, wie Freude das Wohlbefinden hebt, den Appetit anregt; dagegen Schmerz und Aerger den Organismus niederschmettern und in kurzer Zeit merklich benachteiligen? Dies ist eine nicht wegzuleugnende Tatsache des alltäglichen Erfahrungskreises. Und wir müssen die Existenz einer Seele vorläufig als Axiom hinnehmen. Vielleicht würde es uns gelingen, die Seele leibhaftig zu beobachten, wenn wir mit einem besonderen sechsten Sinn dazu begabt wären, aber einen solchen besitzen wir leider noch nicht. Und so müssen wir auf die Existenz der Psyche nur aus den 'Aeußerungen derselben vorläufig schließen. Denn der Mensch ist, um mich eines konkreten Beispieles zu bedienen, Schauspieler und Zuschauer zugleich aus der Weltbühne. Er müßte also, um objektiv feinen eigenen Geist, oder was dasselbe ist, die Psyche beurteilen zu können, für einen Augenblick aus sich selbst h-erausgehen, sozusagen: aus der eigenen Haut fahren oder für einen Moment seine eigene Psyche ablegen, das Ich aufgeben..., was -doch -dasselbe als seinen Ruin, die Vernichtung der Persönlichkeit zugleich bedeuten würde .... Es folgt daraus, daß wir, ohne uns auf dialektische Spitzfindigkeiten einzulassen, vorläufig die altersgraue Erfahrung als feststehend registrieren dürfen, daß nämlich eine gesunde Psyche auch körperliches Wohlergehen Hervorrufe und — umgekehrt — ein gesunder^ wohlgepslegter Körper auch das seelische Element wohltätig beeinflusse. .. Wir sind also neben einer somatischen Hygiene auch von einer psychischen, oder, was dasselbe, auch von einer Geistes- und Gemütshygiene zu sprechen berechtigt. Versuchen wir es, mit kurzen Strichen zu zeigen, was die jüdischen Alten sich unter letzterer dachten und wie sie sich dieselbe zurechtlegten. Als oberster Grundsatz für die seelische Gesundung gilt die beherzigenswerte Mahnung: „Nicht grübeln." „Lasset eure Kinder nicht unnütz grübeln", lautet das Vermächtnis eines großen Tanaiten (Traktat Berachüth fol. 28b. jmn Jö 22’32 nx Mai Dgl. auch meine Abhandlung über „Psychotherapie und Volksmedizin usw.", ''„Hygienische Rundschau" 24, 1909). Vielmehr wird Gedankenablenkung durch methodische Arbeit dringend empfohlen (moderne Arbeitstherapie!) und ganz besonders vorMüßiggang, welcher die P s y ch e, wie der Rost das Eisen, zerfrißt, vielfach gewarnt. „Der Müßiggang führt zu Gedankenverirrung, zu Trübsinn", so heißt es im Traktat Kethuböth (kvl. 59b: °h°^ NX’22 nSaartü na^a B7awr»- Deswegen mußte sogar die Magnatenfrau, welche tausend Sklavinnen vom Vaterhause in ihren eigenen Hausstand mitgebracht, gewisse häusliche Arbeiten im Hause ihres Mannes s e l b st verrichten, um sich dadurch vor Geistesleere, vor trübsalerzeugendev Langwelle zu schützen (Ibid.) — eine Maßregel, welche die allermodernsten Damen noch jetzt beherzigen können. Sodann wird vor unnützen Sorgen eindringlich gewarnt. „Hat jemand Sorge in seinem Herzen, so suche er sich ihrer aus seinem Sinn zu entschlagen oder vertraue sie seinem Nächsten an, um sich ihrer zu entledigen und die gefolterte Seele zu befreien (Traktat Jümah 75 a: 2’INX^ N3N’V’ -iniHB NIN'V' MX 2^2 N3X1) »Der Se.ufzer zerbricht den halben oder sogar den ganzen Körper des Menschen" (Traktat K-ethuböth 62a: m2HC nnjx 2*7« b& 1S1J r621K -737: ■'Tin) '). „üuar dich nie mit Sorge sürMorgen, wenn, was heut'geschieht, dir noch verborgen!", so lautet ein altjüdischer -Weisheitsspruch (nna n3X*T JXir6x 27' nbv na inv ->TX ’2>. „Der Mensch sorgt sich um Verlust von Geld, meM dabei nicht die Flucht der Welt (daß die Tage unwiederbringlich flichen); Schätze kehren wieder. Tage gehen für immer nieder, verschwinden für immer", so konnte man häufig an den Decken uralter Synagogen lesen: CHX -anm Tan. Ta’* ni2’x by jxit irxi Ta’ ma’x bx jxtt B’TTin BTX 7’a’ (vgl. ’3’H2a Ausgabe 1882, S. 214). „Die Traurigkeit ist eine üble Angewohnheit"^ verkündet ein anderer altjüdischer Volksspruch - (nJUfc mö 17 N1222, sondern: „Sei guten Mutes, gönne dir was Gutes; laß Ver- *) Das stimmt ja auffallend mit den neuesten Anschauungen über die in unserem Zeitalter der Hast und aufreibenden Sorge so häufig vorkommende Arteriosklerose überein, welche durch Sorgen und übertriebene Mühsal entstehen soll und auch einen eklatanten Beweis für den Eindruck der Psyche aus den- Körper bildet. — Noch jüngst hat der berühmte Hallenser Pshfiologe Abderhalden den verderblichen Einfluß des Aergers aus die Ernährung besonders hervorgehoben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.