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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-02-08 · Heft 6 (8.2.1918) · p. Seite 67

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 6 (8.2.1918)
Date
1918-02-08
Page
Seite 67 (sequence 7)
Language
German
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67 daß der AnbisemitiSmus der Gegenwart nur eine Wolke ist, die ein günstiger Wind in nächster Zeit vertreiben dürste. In dieser Erwägung birgt sich implicite die Besorgnis, daß diese Gnadensonne einer günstigeren Zukunft sich wiederum verfinstern könnte. Wenn er ferner die Frage aufwirft, ob die Wiedererrichtung eines neuen, eines politischen Gettos einen Schutz gegen den Antisemitismus verspreche und nicht etwa gar das Gegenteil, eine neue Belebung desselben Antisemitismus bewirken werde, so mutet er diesem eine Logik zu, die er überhaupt nicht besitzt. Mayer übersieht, daß der Antisemitismus um Gründe nie verlegen ist, weil er eben nie denkt, sondern einem wüsten Drange, einem tierischen Haßinstinkte folgt. Er übersieht außerdem, daß von einer Wiedererrichtung eines neuen, eines Politischen Gettos durch die nationale Partei schon darum nicht die Rede sein kann, weil dasselbe im ganzen und großen bereits da ist, und Mar von den blindwütigen Antisemiten aufgeführt ist. Auf das Argument, daß die Nationalitätenbewegung nicht das letzte Wort der Geschichte ist, daß sie viel früher, als ihre Anhänger vermuten, sich ausgelebt haben wird, können wir uns hier am allerwenigsten einlassen. Messianische Weissagungen können in der Geschichte und den Geschichtsauffassungen nicht zählen. Mayers mißglückte Einwände können indes an der Ablehnung des jüdischen Nationalismus, wie sie in dem Rahmen der „Allgemeinen Zeitung deS Judentums" wiederholt nachdrücklich und kraftvoll unternommen wurde, nichts ändern. Nur zur Steuer der Wahrheit glaubten wir einer Auseinandersetzung mit dem stärkgeistigen Verfasser nicht aus dem Wege gehen zu müssen. b. m. Lum 60. Geburtstage des Direktors Krsk.Lr.L. Tschau in Wolkrabüttrl. (9. Februar 1918.) Von Stadtrabbiner Dr. Behrens (Göttingen). Unter den ernsten Gedanken, die die Gegenwart bewegen, steht das Problem der Jugendbildung an erster und vornehmster Stelle. Um diese Frage gruppieren sich die edelsten Geister der Nation, um diesen Mittelpunkt kreisen die mannigfaltigsten Bestrebungen und Bewegungen, die alle beseelt sind von der treuen Arbeit ander kommenden Generation. Das „Erbe der Väter" wird gewaltiger und bedeutsamer sein, als, eS je einem Geschlecht beschieden sein mochte. Die Sorge der Allgemeinheit trifft mit gleicher Wucht das Judentum. Die Gefahren, die es umlagern, sind größer; um so dringender muß es darum daraus bedacht sein, seine reichen sittlichen und idealen Kräfte in den Männern der Zukunft wirksam werden zu lasten durch das Nachahmung weckende Beispiel des „Wissens und des Wandels". Es ist ein Lichtblick in den furchtbaren Stürmen, die wir durchleben, daß es daran nicht gefehlt hat in dem Deutschland des Weltkrieges und in dem engeren Kreise deS deutschen Judentums. Auf eine reichgesegnete Arbeit im Dienste dieses Ideals darf heute an seinem 60. Geburtstage der Direktor der Samson- Schule in Wolfenbüttel, Prof. Dr. L. Dachau, zurückblicken. Ein volles Menschenalter wirkt er jetzt an dieser altberühmten Schule, deren Gründung in die nachmendelsohnsche Periode des ausgehenden 18. Jahrhunderts zurückreicht. Als er die Leitung der Anstalt übernahm, galt es zunächst, um in der Sprache unserer „Väter" zu reden, neuen Wein in die alten Schläuche zu gießen. Mt der ihm eigenen zielbewußten Tatkraft ging er zunächst daran, die Schule in die Reihe der Realanstalten einzuordnen, ihr die erforderlichen Berechtigungen zu erwirken und ein Lehrerkollegium zu schaffen, das dauernd mit der Schule in Verbindung blieb und in der Gleichgesinntheit des Ströbens dem Leiter willig, folgte. In überraschend kurzem Zeitraum ist dieses Ziel erreicht worden, das unermüdlich vom ersten Tage an ins Auge gefaßt wurde. Die alten Räume, in denen eine ganze Schülergeneration herangewachsen war, erwiesen sich alsbald als unzureichend für das Erziehungswerk, das die Samson-Schule in ihrem Alumnat sich zur Aufgabe gemacht hat. Am Waldessaum vor dem Tore der Stadt entstand ein Neubau, der in wundervoller Einheitlichkeit und Uebersichtlichkeit die Klassenzimmer, Wohn- und Arbeitsräume, die Wirtschaftsgebäude und Amtswohnungen in einem Hause vereinigt. Diese Schöpfung Tachaus wurde im September 1896 in eindrucksvoller Feier eingeweiht. Sie dient seitdem den edlen Erziehungsgrundsätzen, die er damals in seiner Festrede entwickelte, der Gottesfurcht und der Vaterlandsliebe, der persönlichen Ertüchtigung und der gesunden Lebensauffassung. Mit bewunderungswürdiger Gewiffenhaftigkeit hat er diese in die Wirklichkeit umzusetzen verstanden. Er ist nicht nur der geliebte und verehrte Lehrer zahlreicher Schülergenerationen geworben, sondern der treffliche und erfahrene Erzieher, dem sie Treue und Dankbarkeit dauernd bewahren. Diese Arbeit vollzieht sich in jener Stille und Geräuschlosigkeit, die im Zeichen wissenschaftlicher Gründlichkeit steht, fernab von dem lauten Ruhm des Tages, den sie in wahrhaft rührender Bescheidenheit niemals gesucht hat. Trotzdem eine so umfassende Tätigkeit wie die Leitung des Unterrichts und der Erziehung selbst die arbeitsfreudigste Persönlichkeit voll in Anspruch nimmt, fand Tachau noch Muße zu zahlreichen wissenschaftlichen Studien, als deren -Frucht sein „Wegweiser für die Lektüre der Propheten", seine „Schulbibel" und sein Kommentar zur Schulausgabevon „W il h elm Tell" aus seiner Wolfenbütteler Zeit anzusprechen sind. Sie geben zugleich der breiten Oeffentlichkeit einen Einblick in den inneren Schulbetrieb. Insbesondere sind die beiden erstgenannten Bücher ausgezeichnete Hilfsmittel für den Religionsunterricht, dem Tachau seine besondere Liebe und Sorgfalt zugewandt hat, Bringt schon die Leitung der Wolfenbütteler Anstalt eine wertvolle Bereicherung der Kenntnis der sozialen Struktur der deutschen Juden mit sich, so darf man Tachau ein besonders feines soziales Verständnis für die Bedürfnisse unserer Zeit nachrühmen. Er ist ein Mann frohschaffender Tat. Das beweisen alle mustergültigen Schöpfungen, die er erst in Verbindung mit der Anstalt ins Leben gerufen hat, wie beispielsweise die Lehrer-Witwen- und -Waisenkasse. Mit besonderer Hingebung hat ec es sich angelegen sein lasten, schlummernde Kräfte und Talente zu wecken und mit nimmer müder Lust zu fördern und zu entfalten. In allen Kreisen des deutschen Judentums, in Handel und Wandel, in Wissenschaft und Technik, wirken seine Schüler. Sie danken ihm die Treue, mit der er sie in Rat und Tat auf ihrem Lebensweg in bedeutungsvollen und entscheidenden Stunden begleitet hat. Ein unendlicher Strom des Segens ist aus dem Haufe Tachaus dem deutschen Judentum erschlossen. Mit feinem Verständnis und mit treuer Anteilnahme des Herzens, der Begeisterung hat ihn in seiner Arbeit seine treffliche Gattin begleitet. Sie darf sich mit ihm freuen des reichen Segens, der ihnen in ihren beiden Söhnen erblüht, des Erfolges, der dem Werke seiner Hände winkt, der hohen Wertschätzung, die ihm in der engeren Heimat und weit darüber hinaus in allen Kreisen des deutschen Judentums entgegengebracht wird. Selbst wenn chm sein arbeitsreiches Amt nicht allzuoft verstattete, öffentlich hervorzutreten, weiß man, daß sein Wort und sein vielbewährter Rat in allen großen Organisationen des deutschen Judentums in die Wagschale fällt.

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